Lokales

Lotsen und Tröster für Menschen in traumatischen Situationen

Der Weiße Ring wird 30 Jahre alt. Seit ihrer Gründung agiert die Opferhilfe ehrenamtlich und unbürokratisch wie auch der Fall eines im Ausland verprügelten Wernauers zeigt.

PETRA PAULI

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KREIS ESSLINGEN Die Schläge müssen brutal gewesen sein. Das Gesicht von Christian H. ist zertrümmert, die Wirbelsäule verletzt, er hat einen Lungenriss, Schädelbruch, später kommt noch eine Blutvergiftung dazu. Sein Leben steht auf der Kippe, als er in die Klinik eingeliefert wird. Doch das alles weiß der 35-Jährige nur aus den Krankenakten und den Erzählungen seiner Mutter, die sich sofort auf den Weg nach Ungarn macht, als sie von dem Überfall auf ihren Sohn und dessen Kumpel erfährt.

Für den Wernauer selbst bleibt der Abend des 10. August 2005 ein blinder Fleck in seinem Gedächtnis. "Wir waren in einer Kneipe, es wurde ziemlich viel getrunken. Ab da weiß ich nichts mehr", erzählt Christian H. Die beiden Männer, die in Elek, einem Ort nahe der rumänischen Grenze, Urlaub bei einem alten Bekannten machten, werden in ein Wortgefecht mit zwei Einheimischen verwickelt. Der Streit eskaliert. Die beiden Eleker schlagen mit Füßen, Fäusten und vermutlich auch einer Eisenstange auf die Deutschen ein, werden Zeugen später berichten. Die sehen auch tatenlos zu, wie die Angreifer die Opfer auf die Straße schleifen. Blutend liegen sie dort eine Stunde lang, bis ein Fußgänger sie zufällig entdeckt.

"Guten Tag, ich bin vom Weißen Ring. Brauchen Sie Hilfe? Brauchen Sie Geld?" An den ersten Anruf von Helmut Gagg, Leiter der Außenstelle Esslingen des Weißen Rings, erinnert sich Christians Mutter noch genau. Und ob sie Hilfe brauchte: Die Witwe war allein in einem fremden Land, der Sohn lag schwer verletzt in der Klinik. Man hat ja keine Ahnung, was man tun soll, erzählt sie. Aus der Ferne steht ihr Gagg bei, der von einer Wernauer Rathausmitarbeiterin informiert worden war. Er telefoniert mit der Botschaft, kümmert sich um einen Deutsch sprechenden Anwalt.

Der Weiße Ring unterstützt Frau H. auch finanziell, die sich den Aufenthalt nicht mehr länger hätte leisten können. "Es ist so eine Erleichterung zu wissen, man ist nicht allein", sagt sie. Die Hilfe reißt auch nicht ab, als Christian H. nach drei Wochen aus der Klinik entlassen und zu seinem längeren Reha-Aufenthalt an den Bodensee verlegt wird. Bis heute hat der 35-Jährige psychische Probleme und ist in Therapie, sein Freund war weniger schwer verletzt und erholt sich deutlich schneller.

Oft sind es Kleinigkeiten mit großer Wirkung, die Gagg und sieben weitere ehrenamtliche Helfer der Außenstelle für die Opfer tun können. So weiß der ehemalige Polizist geschickt, seine vielen Kontakte und seinen weit reichenden Bekanntenkreis zu nutzen. Beispielsweise hat der 66-Jährige, dessen Markenzeichen die roten Hosenträger sind, bei Christian H. nicht nur mit der Krankenkasse verhandelt, sondern auch einen befreundeten Optiker zur Mithilfe überreden können, der zu Sonderkonditionen eine Spezialbrille anfertigte, die die verheilten Verletzungen kaschiert.

Gagg versteht sich als Lotse im großen Durcheinander, das über Menschen hereinbricht, wenn sie oder Angehörige Opfer von Straftaten werden. Die Helfer des Weißen Rings sind rund um die Uhr erreichbar und sie wissen, welche Behörden informiert werden müssen, wo finanzielle Unterstützung beantragt werden kann. Und manchmal sind sie auch einfach nur da. Als Tröster, als Menschen, die ein offenes Ohr haben und die auf Wunsch den Opfern zur Seite stehen, wenn der Tag kommt, vor dem ihnen graut und der doch Genugtuung verspricht: im Gericht dem Täter gegenüberzustehen.

Christian H. hätte eine solche Konfrontation seelisch nicht verkraftet. Die Verhandlung in Ungarn findet in seiner Abwesenheit statt. Zu vier Jahren Gefängnis wird der Haupttäter, ein mittelloser Familienvater und stadtbekannter Schläger, verurteilt, den die Polizei kurz nach der Tat festgenommen hatte. Die Erfahrung, die Christian H. und seine Mutter machen mussten, war furchtbar. Noch schlimmer wäre es ohne den Weißen Ring gewesen, davon ist sie überzeugt.

Seit 30 Jahren gibt es die ehrenamtliche Opferhilfe, die von Aktenzeichen-XY-Moderator Eduard Zimmermann ins Leben gerufen wurde und sich über Spenden, Fördermitgliedschaften und Geldbußen, die Gerichte zugunsten des Weißen Rings verhängen, finanziert. Seit Beginn versteht der Weiße Ring sich auch als Lobby für Kriminalitätsopfer und setzt sich für mehr Rechte ein. Es hat sich einiges bewegt, sagt Gagg, doch am Ziel sei man nicht.

Der Weiße Ring kämpft nicht nur für ein Stalking-Gesetz, sondern auch dafür, dass Fälle wie der von Christian H. beim Versorgungsamt anerkannt werden. Noch ist es so, dass dieser nach dem Opferentschädigungsgesetz keine Ansprüche hat, weder auf Reha-Maßnahmen noch auf eine Rente. Er wurde zwar zum unschuldigen Opfer. Aber im Ausland.