Lokales

Luftige Hüpfer, Flüchtlingselend und finanzielle Hürden

DETTINGEN Es hat bereits an die sieben Jahrzehnte auf dem Buckel. Doch seine bewegte Geschichte sieht dem hellbraun gestrichenen Gebäude niemand an, in dem jetzt die Schwestern des "Hauses an der Teck" und alte Menschen wohnen. Nicht immer lag der in die Jahre gekommene Komplex so eng um-

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RICHARD UMSTADT

schlossen von anderen Gebäuden in deren Schatten. Einst stand die Segelflugschule des NS Fliegerkorps (NSFK) auf dem Dettinger Guckenrain oberhalb des Flugfeldes, eskortiert von zwei Flughallen.

1935/36 gebaut, diente die Flugschule dazu, im nationalsozialistischen Geiste junge Männer im Segelflug zu unterrichten. In vierwöchigen Lehrgängen wiesen 10 bis 15 hauptamtlich Angestellte 20 bis 40 Schüler in die Geheimnisse des lautlosen Gleitens ein. Untergebracht waren sie in Schlafsälen mit 20 Betten. Es gab aber auch Stuben für sechs bis acht Schüler und Zwei-Bett-Zimmer für Angestellte.

Im Winter 1939/40 wurde die Badisch-Pfälzische Reparaturwerft vorübergehend in der nationalsozialistischen Segelflugschule einquartiert und die Flugschüler mussten enger zusammenrücken. An einen geregelten Flugbetrieb war erst wieder 1941 zu denken. Verwaltungstechnisch gehörte die Segelflugschule zum Fliegerhorst Nellingen.

Am 20. April 1945 schloss die Schule des NSFK ihre Pforten. Die Amerikaner rückten ein und eröffneten im Sommer 1945 eine "Gliderschool". Dabei schleppten sie die erbeuteten Segelflugzeuge mit der "Klemm" aus Nabern in die Aufwinde des Teckhangs. Manche Schulsegler verschwanden in dieser Zeit bei Nacht und Nebel aus den Hallen. Junge Segelflieger aus der Umgebung hatten sie "entführt". Die meisten "Glider" aber wurden vom amerikanischen Militär konfisziert und im Herbst 1946 mitgenommen. Auch die zweite Flughalle, die ursprünglich zwischen dem jetzigen Neubau des Altenheims und der ersten Flughalle, dem Hangar der Dettinger Segelflieger, stand, wurde 1946 abgebaut und in Stuttgart an der Heilbronner Straße wieder erstellt. Im Hangar aber mit der charakteristischen, halbrunden Dachkonstruktion lagerten Bauern damals ihr Heu.

In die von den amerikanischen Soldaten geräumte Flugschule zogen im April 1946 Flüchtlinge aus dem zerstörten Dettingen ein.

Ein Jahr danach wurde die ehemalige Segelfliegerschule durch die fleißigen Hände der Aidlinger Schwestern in ein Altenheim verwandelt. Auf Bitte des Landrats Dr. Schaude waren sie nach Dettingen gekommen, um sich um die vielen hilfsbedürftigen alten Menschen zu kümmern, die mit den Flüchtlingszügen aus dem Osten eingetroffen waren und nirgends einen Unterschlupf in den überbelegten Wohnungen der Gemeinden im Bezirk fanden. Unter der Leitung von Schwester Elisabeth hatten die Aidlinger Schwestern ganze Arbeit geleistet.

Der frühere Fraktionschef der CDU-Riege im Kreistag, Heinz Dangel, der den Altbau noch aus eigener Anschauung kennt, sprach von einem Wandlungswunder der besonderen Art. Aus einem übel ausgeplünderten Haus hatten die Schwestern trotz der beengten Verhältnisse liebevoll ein wohnliches Heim geschaffen, mit Bildern und Blumen in jedem Zimmer freundlich geschmückt. 130 alte Menschen konnte damit geholfen werden.

Anfangs nur als Altenheim für Heimatvertriebene bestimmt, entwickelte sich das Haus im Laufe der Jahre zu einem Heim, in dem auch Einheimische zusammen mit den Flüchtlingen und Vertriebenen ihren Lebensabend verbrachten, umsorgt und betreut von den Schwestern des Diakonissen-Mutterhauses in Aidlingen.

Um eine drohende Auflösung des Altenheims zu verhindern, kaufte Anfang September 1963 der Kreis Nürtingen das Anwesen der Gemeinde Dettingen um 140 000 Mark ab. Zusätzliche 160 000 Mark musste der Landkreis noch für die Ablösung der Ansprüche des Baden-Württembergischen Luftfahrtverbandes hinblättern.

Im Jahr darauf modernisierte der Landkreis das Heim, das aus allen Nähten zu platzen drohte. Mit mancherlei Provisorien hatten sich Pfleglinge und Schwestern beinahe zwei Jahrzehnte lang herumschlagen müssen. Etwa die hygienischen Einrichtungen: Auf den Zimmern gab es kein fließendes Wasser, ja manchmal überhaupt kein Wasser. Dies änderte sich erst mit Übernahme des Altenheims durch den Landkreis Nürtingen unter Landrat Dr. Schaude. 1964 wurden die teils provisorischen Sperrholzwände ersetzt, Wasseranschlüsse für jedes Zimmer geschaffen und ein Aufzug eingebaut.

Nach der Kreisreform im Jahre 1973 verkaufte der Landkreis Esslingen im März 1977 das Alten- und Pflegeheim Dettingen an die Evangelische Heimstiftung für 200 000 Mark und verpflichtete sich, dringende Instandsetzungsarbeiten mit insgeamt 407 480 Mark zu bezuschussen. Dieser Vertrag war auf Grund "maßgeblicher Einflussnahme" der CDU-Kreistagsfraktion unter ihrem damaligen Vorsitzenden Heinz Dangel zustandegekommen. Dangel, der zu jener Zeit Leiter des Dezernats für Ordnung und Soziales der Stadt Kirchheim war, hatte sich bereits zuvor persönlich für das Altenheim und die Aidlinger Schwestern eingesetzt und blieb auch weiterhin im politischen Spiel am Ball.

Im Dezember 1977 teilte die Evangelische Heimstiftung Heinz Dangel auf Anfrage mit, dass deren Mitgliederversammlung einen Monat zuvor einstimmig beschlossen hatte, das Alten- und Pflegeheim Dettingen durch einen Neubau für 100 Altenpflegeheimplätze und 20 Altenwohnheimplätze zu ersetzen. Die Bagger sollten entweder 1980 oder 1981 anrollen.

1978 erneuerte die Heimstiftung das Mobiliar und ersetzte die veraltete Kücheneinrichtung durch moderne Geräte. Immer wieder hakte Dangel beim Direktor der Evangelischen Heimstiftung nach, um sich über den Stand der Dinge unterrichten zu lassen. Letztlich hing der Neubau von der Entscheidung des Koordinierungsausschusses in der Jugend-, Alten- und Gefährdetenhilfe des Landes ab. Dieses Gremium genehmigte im März 1979 den Altenheim-Neubau mit 80 Plätzen. Im Oktober gab der Landkreis Esslingen seine Förderzusage von 3,2 Millionen Mark für das insgesamt 11,2 Millionen Mark teure Projekt.

Im April 1981 bohrte Heinz Dangel bei Landrat Dr. Hans Peter Braun nach: "Seit dem Jahre 1976 beschäftigen sich die Gremien des Kreises mit der Frage eines Neubaus für ein Altenpflegeheim in Dettingen. Ich bitte deshalb höflich um Auskunft, bis wann mit einer Realisierung der Bauabsichten gerechnet werden kann." Dangel schrieb auch seinen Parteifreund, den CDU-Landtagsabgeordneten Dr. Fritz Hopmeier an, der ihm mitteilte, bei den freien Trägern gebe es einen Antragsstau und zu wenig Mittel. Aus dem Baubeginn 1981 wurde vorerst nichts. In einem Brief an Baden-Württembergs Sozialminister Schlee wies der Chefstratege der CDU-Kreistagsfraktion nochmals eindringlich auf den nötigen Neubau der Dettinger Altersruhestätte hin. "Der Mangel in der baulichen und technischen Ausgestaltung der Einrichtung ließ sich nur durch den selbstlosen Einsatz der Schwestern und der anderen Mitarbeiter überbrücken."

Die Mühe war umsonst: Der Koordinierungsausschuss des Landes legte das 12-Millionen-Projekt vorerst auf Eis. Ein Hintertürchen gab es freilich: Fände sich ein kommunaler Träger für das Projekt, so könne es aller Wahrscheinlichkeit nach doch noch verwirklicht werden. Und auf den CDU-Antrag Heinz Dangels hin fand sich tatsächlich der "Märchenprinz": Der Landkreis Esslingen küsste als Bauträger das "Dornröschen" wach.

Im April 1982 fiel mit dem ersten Spatenstich der Startschuss zum Bau des nun 100 Plätze bietenden Alten- und Pflegeheimes unter der Teck. Im Juni 1983 wurde Richtfest gefeiert, und Mitte November 1984 zogen die alten Menschen um und nahmen das 17 Millionen Mark teure moderne Senioren-Domizil in Beschlag. Eingeweiht wurde das hufeisenförmige "Haus an der Teck" offiziell im Januar 1985. Damit fand ein politischer Hürdenlauf um die richtigen Entscheidungen und Gelder ein glückliches Ende.

An die Segelflugschule erinnert nichts mehr, doch ihre Geschichte ist noch in so manchen Köpfen ebenso lebendig wie die Historie des Altenwohnheimes, die unter den blütenweißen Häubchen einiger Aidlinger Schwestern gespeichert ist.