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Luise, Lyrik, Lesekompetenz Abi im Schillerjahr

Zum Endspurt ihrer schulischen Laufbahn haben gestern wieder die Abiturienten in ganz Baden-Württemberg angesetzt. Im Mittelpunkt der Deutsch-Aufsätze standen dabei wie im Vorjahr "Effi Briest" sowie "Kabale und Liebe". Außerdem entpuppte sich die Gedichtinterpretation dieses Mal als beliebte Alternative zumindest an den Gymnasien in Kirchheim.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Im Schillerjahr 2005 hatten die baden-württembergischen Reifeprüflinge die Gelegenheit, sich für die potenzielle Nachfolge des einstigen jungen Kraftgenies aus dem Württembergischen zu empfehlen: Eine der Aufgaben an den allgemeinbildenden Gymnasien bestand darin, im Rahmen einer "Gestaltenden Interpretation" die Rolle des Präsidenten im bürgerlichen Trauerspiel "Kabale und Liebe" zu erläutern unter besonderer Berücksichtigung der letzten Szene des fünften Akts und sich anschließend selbstständig ein Gespräch auszudenken, das der Präsident im Gefängnis mit Luises Vater führen könnte.

Aber in Kirchheim stürmten und drängten die Abiturienten nicht gerade im Übermaß danach, sich in die Rolle zweier alter Väter zu versetzen zumal Miller und der Präsident eigentlich nicht die Sprache des 21. Jahrhunderts sprechen. Zwölf von 92 Abiturienten des Schlossgymnasiums versuchten sich an dieser Übung, am Ludwig-Uhland-Gymnasium waren es neun von 62.

Am populärsten war in Kirchheim die Aufgabe, ein Selbstgespräch Effi Briests aus dem 24. Kapitel von Fontanes gleichnamigem Roman zu interpretieren. Ganz ohne den jungen Schiller ging es auch dabei nicht: In einer übergreifenden Teilaufgabe waren die jeweiligen Konfliktsituationen Effis und Luises darzustellen und miteinander zu vergleichen. 41 Schülern am Schlossgymnasium und 24 am "LUG" sagte das am ehesten zu. An den beruflichen Gymnasien stand genau dieselbe Fragestellung zur Auswahl, und an der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule (WG) entschieden sich gestern immerhin 49 von 73 Teilnehmern im Fach Deutsch für diese Interpretation. An der Max-Eyth-Schule (TG) waren es drei von 18 Deutsch-Prüflingen.

Während es in den Textausschnitten der Interpretationen sowohl bei "Effi Briest" als auch bei "Kabale und Liebe" um den Umgang mit Schuld ging, lautete die Frage der Literarischen Erörterung, "inwieweit Effi Briest und Luise Millerin als unschuldig gelten können". Beide werden in ihren Texten als "Lamm" beziehungsweise "Lämmchen" bezeichnet. Aber so ganz aus dem hohlen Bauch heraus wollten sich die hiesigen Prüflinge wohl nicht an dieses ansprechende Thema wagen, und so gab es gestern an allen vier Kirchheimer Gymnasien zusammen gerade einmal sechs Kandidaten, die sich mit den literarischen "Unschuldslämmern" auseinandersetzten.

Noch eine weitere gemeinsame Aufgabe hatte das Kultusministerium für allgemeinbildende wie berufliche Gymnasien parat: die sonst eher gefürchtete Gedichtinterpretation. Hans Sahls Exiltext "Bald hüllt Vergessenheit mich ein" (in konventionellen fünffüßigen Jamben gehalten) war mit Hilde Domins "Ars longa" zu vergleichen, einem reimlosen Gedicht, das Sahls resignative "Vergessenheit" um die Gewissheit ergänzt, dass "das heilige Wort" unabhängig vom kurzen Leben eines Individuums immer "einen Mund" findet. Entgegen der sonst üblichen Zurückhaltung bei lyrischen Themen trauten sich gestern 34 Kirchheimer Abiturienten an Schloss- und Ludwig-Uhland-Gymnasium sowie an Jakob-Friedrich-Schöllkopf- und Max-Eyth-Schule diese vergleichende Interpretation zu.

Ähnliche Themen, wenn auch unterschiedliche Texte gab es an den beiden Schularten bei der Textinterpretation. Mit dem Lesen, der Lesekompetenz und dem Problem der seichten Unterhaltung befassten sich zwei "Zeit"-Artikel aus dem Jahr 2003, die den Abiturienten zur Auswahl standen. An "Schloss" und "LUG" untersuchten und erörterten insgesamt 38 Prüflinge Iris Radischs Text "Zeichen und Wunder Gute Bücher bilden nicht nur Herz und Verstand: Sie machen auch glücklich". An WG und TG zusammen beschäftigten sich 15 Kandidaten mit Jens Jessens "Zu Tode amüsiert" einer Erinnerung an Neil Postman und an eines der "dümmsten Bücher", die damals auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert worden waren ("ein Klatsch-und-Tratsch-Buch von Dieter Bohlen").

Ganz im Stil der PISA-Studie gab es an den beruflichen Gymnasien noch die Möglichkeit, die eigene Lesekompetenz unter Beweis zu stellen: Von drei Texten und einer Grafik waren "Abstracts" (Kurzzusammenfassungen) zu erstellen. Inhaltlich lieferten diese Materialien die Vorgaben und Ideen für einen Essay mit dem Titel "Was uns in die Ferne zieht", der sicherlich der Hauptbestandteil dieser Aufgabe war. Acht Abiturienten der Schöllkopf-Schule sowie zwei der Max-Eyth-Schule konnten sich gestern für das Fernweh-Thema erwärmen. Vielleicht haben sie in ihre Aufsätze auch Überlegungen mit einfließen lassen, was sie selbst nach überstandenem Prüfungsstress in welche Fernen zieht.