Lokales

Lustwandeln auf Höhe der Dächer von Kirchheim

Am gestrigen "Tag des offenen Denkmals" gab es in Kirchheim ein besonderes Angebot: Passend zum Schwerpunktthema "Rasen, Rosen und Rabatten Historische Gärten und Parks" war der Kasemattengarten zu besichtigen. Er liegt auf den Befestigungsanlagen, mit denen das Schloss seine Fortsetzung in Richtung Wachthaus findet.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Über den Dächern von Kirchheim oder besser gesagt auf Höhe der Dächer von Kirchheim lustwandeln zu können, war einst das Privileg Franziskas von Hohenheim oder auch der Herzogin Henriette. Weil die Anlage nur schlecht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann, ist das Betreten des langgestreckten Gartens, der sich erst auf der Bastion am Wachthaus zu einem größeren runden Platz aufweitet, bis heute ein Privileg geblieben. Deshalb wollten sich ausgesprochen viele Kirchheimer, aber auch zahlreiche auswärtige Besucher die Chance nicht entgehen lassen, fachkundig durch den hochgelegenen Garten geführt zu werden.

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Die Ludwigsburgerin Kathrin Scholderer, die vor sieben Jahren eine Diplomarbeit über den Marstall- und den Kasemattengarten in Kirchheim verfasst hat, war die geeignete Führerin. "Rasen, Rosen und Rabatten" konnte sie allerdings nur andeutungsweise vorstellen. Allenfalls Rasen ist auf der einstigen Stadtbefestigung vorhanden. Größtenteils ist er aber nicht gepflegt, sondern eher ein frei wucherndes Biotop. Das langfristige Ziel bestehe jedoch darin, "die Gartenanlagen in irgendeiner Weise wiederherzustellen", erklärte Kathrin Scholderer.

Wie das aussehen könnte, war direkt nach dem Treppenaufgang vom Marstall her provisorisch angezeigt: Bäumchen in großen Töpfen standen an zwei Wegen Spalier, einem breiteren und einem schmaleren. Dazwischen tatsächlich ein Stück gepflegter Rasen. Vor der großen Linde auf der Bastion war "ein Blumenhügel zur Dekoration angedeutet", wie Kathrin Scholderer erläuterte. Bis Anfang 1999 hatte es auf den Mauern zwischen dem Marstallgarten und dem Schlossgraben noch große Kastanien gegeben. Weil sie das Mauerwerk gefährdeten, mussten sie weichen. Die besagte Linde ist der einzige Baum, der stehen blieb.

Die Schwierigkeiten, einen historischen Garten neu anzulegen, sind im Kirchheimer Fall recht groß. Kathrin Scholderer hat bei der Recherche für ihre Diplomarbeit kaum Hinweise auf den Garten gefunden: "Das Schloss war immer ein Apanage-Schloss und nie Residenz. Deshalb gibt es nur sehr wenig Unterlagen über die Gärten." Weil Kirchheim nur für Witwen oder anderweitig untergeordnete Verwandtschaft der regierenden Herzöge als Aufenthaltsort diente, war eben auch die hiesige Gartengestaltung keine staatstragende Angelegenheit in Württemberg.

So gibt es auch keine historischen Bilder von den Anlagen. Kathrin Scholderer ist lediglich auf zwei Pläne gestoßen einen vom Anfang des 20. Jahrhunderts und einen aus dem Jahr 1862. Letzterer stammt von einem Geometer namens Schwarz, der den Plan fünf Jahre nach dem Tod der Herzogin Henriette gezeichnet hat. Kathrin Scholderer berichtete ihren vielen interessierten Zuhörern gestern von zwei kleineren Grabungen. Dabei habe sie tatsächlich "einen alten Wegeaufbau" gefunden, der mit dem Plan von 1862 ziemlich übereinstimmt. Wenn der Garten also wieder angelegt werden sollte, dann nach diesem Vorbild.

Das zuständige Amt für Vermögen und Bau in Ludwigsburg sei daran interessiert, erzählte Kathrin Scholderer. Bislang habe es jedoch immer am Geld gefehlt. Öffentlich zugänglich gemacht werden könne die Anlage aber ohnehin nur im Rahmen von Führungen, weil die Höhe der Mauerbrüstungen ansonsten den Sicherheitsbestimmungen nicht entsprechen würde.

Als ein Bestandteil von Schlossführungen ist es zwar jetzt schon möglich, vom Schloss aus den Kasemattengarten zu besichtigen. Allerdings müssen die Gruppen bisher noch durch die Fürstenzimmer ihren Rückweg antreten. Vielleicht ist es ja eines Tages möglich, dass die Führungen durch das Kirchheimer Schloss im Marstallgarten enden. Dass das Interesse daran groß genug ist, zeigte sich gestern jedenfalls beim bundesweiten "Tag des öffentlichen Denkmals", zu dem auch einige andere Baudenkmäler in der näheren Umgebung ob mit oder ohne Garten Tür und Tor für die Besucherströme geöffnet hatten.