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"Mach doch mal was Hübsches zum Drunterziehen . . ."

KIRCHHEIM Die Idee entstand ganz spontan, aus einer fröhlichen Laune heraus. "Mensch Anke, mach doch mal was Hübsches zum Drunterziehen für uns", lagen die

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IRENE STRIFLER

schwangeren Freundinnen Anke Gerdes in den Ohren. Was sie an Wäscheständern fanden, entsprach nun mal nicht ganz den Wünschen der modebewussten Mittzwanzigerinnen. Bei der unternehmungslustigen Designerin fiel die Bitte auf fruchtbaren Boden. "Warum eigentlich nicht?", fragte sich Anke Gerdes, die zuvor in New York bei Donna Karan mit der Wäschebranche eng auf Tuchfühlung gegangen war. Sie nahm die Herausforderung an und gründete damals noch in Pforzheim gemeinsam mit ihrem Mann ein eigenes Unternehmen. Seit dem Sommer 2002 picken sich die beiden auf dem Wäschemarkt sozusagen "die Rosinen heraus". Die deutsche Übersetzung des Firmennamens "Cherry Picking". Das Kirschmotiv ziert auch zahlreiche Teile aus der Werkstatt der Wahl-Kirchheimerin.

Auf dem Tisch des lichtdurchfluteten Studios liegen Stoffballen in Rose-, Flieder- oder Champagner-Tönen. Pappschablonen lassen die Formen von BHs, Stringtangas oder Negliges erahnen. Ein Strumpfband ringelt sich vorwitzig neben dem Maßband. An den Kleiderständern rundum hängen Dessous für Schwangere, für große Größen und ganz einfach auch für die Figur von Lieschen Müller. Stoffkombinationen und Design harmonieren, Details fallen hier und da ins Auge. Von "Optik mit Augenzwinkern", spricht Anke Gerdes. Der 29-Jährigen ist eines ganz wichtig: "Die Modelle sollen der Trägerin ein Lächeln ins Gesicht zaubern." Die zu Grunde liegende Argumentation leuchtet ein: "Schließlich sind Dessous das erste, was man anzieht und das letzte, was man auszieht klar, dass man sich damit wohl und schön finden sollte."

Anke Gerdes geht in ihrer Arbeit auf. "Das finde ich besonder süß", schwärmt sie und zeigt auf ein verspieltes Hemdchen. Große Schnitte, wie sie für Sakkos oder Mäntel erforderlich sind, waren schon zu Studienzeiten in Stuttgart nicht Sache der gebürtigen Wiesbadenerin. "Ich arbeite einfach gern mit kleinen Dingen", erläutert sie und empfindet die Dreidimensionalität, die bei Damenwäsche nun mal gefordert ist, als besonderen Kick. Die Tendenz zum Krimskram spiegelt sich allerorten um sie herum. Beispielsweise zieren etliche kleinformatige Fotografien die Wände im Atelier der Fotografentochter.

So richtig in die Wäschesparte "gerutscht" ist Anke Gerdes erst nach dem Studium, in New York. Gefragt war sie dann auch in Good old Germany: Für Triumph erstellte sie Schnitte, später entwarf sie Wäsche für Marc O'Polo. Der Einstieg in die Modesparte reicht in die Schulzeit zurück: Einen europaweiten Wettbewerb für Kreatives Design bei Burda-Moden gewann sie damals eigentlich nur so nebenbei. Ziel war, die Eltern von ihrem Berufswunsch Modedesign zu überzeugen. Der erste Preis ließ die Skeptiker verstummen. Heute zweifelt keiner mehr an Anke Gerdes. Seit zwei Jahren betreibt sie nun gemeinsam mit ihrem Mann die Firma, zu der gut ein halbes Dutzend weiterer kreativer Köpfe gehört und natürlich eine ganze Schar qualifizierter Näherinnen. Alle Mitarbeiter sitzen übrigens in Deutschland darauf ist Anke Gerdes stolz. Das Herz von Cherry Picking schlägt gewissermaßen in Kirchheim, seit das Firmengründerpaar sich hier vor einigen Monaten niederließ. "Kirchheim hat einfach Flair, hier gefällt's uns", erläutert die Diplom-Designerin die Entscheidung, sich am Fuße der Teck anzusiedeln.

Von hier aus reisen ihre Waren nun in die große weite Welt. Die Abnehmer sind ausgewählte Wäscheboutiquen für eher gut betuchte Kundinnen. Pro Großstadt gibt es selten mehrere Verkauftsstellen. "Wir sind um Exklusivität bemüht, auch in Stuttgart gibt's uns nur einmal", erläutert die quirrlige Geschäftsfrau. Nach Übersee, Italien oder auch bis Japan reisen die kleinformatigen Modelle aus der Kirchheimer Ideenschmiede. Kundschaft gewinnt Gerdes auf Messen in Berlin, Mailand oder Amsterdam.In der Stadt unter der Teck haben Kundinnen aber auch mal die Chance, direkt bei Cherry Picking vorbeizuschauen und Anke Gerdes in ihrem Atelier einen Besuch abzustatten. Angeschlossen ist in der Wehrstraße ein kleiner Laden mit dem Namen "Herzenswunsch".

"Ein zweiter Triumph werden wir nie", lacht Gerdes auf die Frage nach den Zukunftschancen von Cherry Picking. Doch der Name ist in Fachkreisen bekannt, ein zuverlässiges Vertriebsnetz steht. Wer in Brigitte oder ähnlichen Magazinen schmökert, dem können durchaus hier und da Modelle von Anke Gerdes ins Auge stechen.

Die Ideen gehen der 29-Jährigen so schnell nicht aus. Zu Beginn ihrer Laufbahn als Selbstständige, versetzte sie mit ihrem Team die Branche mit gelgefüllten Schlafmasken in Aufregung. "Die sind fantastisch bei Kopfschmerzen", preist sie die kühlende Wirkung der schmucken Masken, die lärmgeplagte Großstädter zu schätzen wissen. Der neueste Gag aus dem Hause Cherry Picking ist noch winziger und passt in ein kleines Päckchen. Wer die Schachtel öffnet und das geheimnisvoll raschelnde Seidenpapier zurückschlägt, findet darin "Petites Pastises" (der Name ist eine eigene Erfindung), die auf die Brust geklebt werden, und gleich daneben ein farblich passendes Strumpfband.

Das große Foto von Jean-Luc Jacques zeigt Anke Gerdes bei der Arbeit in ihrem Atelier. Die kleinen Fotos bilden Produkte aus dem Hause Cherry Picking ab.