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Malerisch-flächige und grafisch-lineare Elemente

KIRCHHEIM Die Ausstellung "Im Raum sein", die noch bis 26. Juni in der Städtischen Galerie im Kornhaus

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KAI BAUER

zu sehen sein wird, zeigt zwei zeitgenössische Positionen figurativer Malerei. Die daraus entstehenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten machen den Reiz dieser Ausstellung aus. Neben der figürlichen Thematik verbindet beide Künstler der Einsatz sowohl von malerisch-flächigen als auch von grafischen-linearen Elementen in ihren Bildern.

Gerda Brodbeck, 1944 in Sulz am Neckar geboren, entwickelt ihre Bilder nach Zeichnungen vor dem Modell. Sie zeigen weibliche Figuren, deren Präsenz im Format gegenüber dem in vibrierenden monochromen Farbtönen gestalteten Bildraum etwas zurückgenommen wird. Gegen sonstige Sehgewohnheit werden Raum und Figur in ein spezifisches proportionales Gleichgewicht gebracht, wobei der Raum nicht als Innen- oder Außenraum definiert wird, sondern als reiner Farbraum gegen die ebenfalls monochrome Figur besteht. Die Bilder hängen als großformatige Papiere frei an der Wand. Sie sind aus einzelnen Bahnen zusammengefügt, deren Schnittkanten den Hintergrund kaum wahrnehmbar strukturieren, sodass die Figuren mal eine Fläche in der unteren Mitte besetzen, mal unter einem imaginären Tor zu sitzen scheinen. Die Figuren werden aus unterschiedlichen Modellstudien zu weiblichen Idealfiguren synthetisiert, die in ruhiger, aber aufmerksamer Haltung auf ihren Umraum zu wirken scheinen. Hände und Gesichter der Figuren sind fast gezeichnet, während der Hintergrund in diffusen Farbverläufen gearbeitet ist, also weniger an Cezannes kristalline Farbmodulationen, sondern eher an die Arbeitsweise von Edward Hopper oder Balthus erinnert.

Tillmann Damrau ist 1961 in Freudenstadt geboren. Seine Leinwandbilder werden ebenfalls von einem Nebeneinander formaler Elemente der Zeichnung und der Malerei geprägt. Er entwickelt seine, oft unproportioniert und ungelenk im Format herumstehenden männlichen Figuren aus Konturlinien. Diese werden durch Wischen und Korrigieren, aber auch durch mehrmaliges Überzeichnen durch einen vitalen, die Formen fast öffnenden Strich zu sehr variationsreichen Volumenstrichen verdichtet. Obwohl die Flächen in den Zeichnungen weder mit Schraffuren, noch mit Strukturen- oder Formstrichen abgedunkelt oder bearbeitet werden, entsteht der Eindruck starker Plastizität. Die Figuren werden in seltsam verrenkten Haltungen gezeigt. Sie scheinen manchmal dem Betrachter Zeichen geben zu wollen, deren Bedeutung nur ihnen selbst bekannt ist. Sie befinden sich auf den Bildern in ihrer eigenen Welt. Dort sind sie als Vertreter der Gattung Zeichnung unmittelbar konfrontiert mit Bildelementen, die aus der Welt der Malerei entstammen: Mit heftiger Geste, in Nass-in-nass-Technik aufgetragene Farbinseln stellen einen drastischen Gegenpol zu den in Schwarz-Weiß gezeichneten Figuren dar. Beide Elemente, die Zeichnung wie die Malerei sind jedoch durch geschicktes Einarbeiten mit dem weißen Malgrund verbunden und fügen sich so, trotz der formalen Brüche zu einem überraschenden Bildganzen zusammen.

Beide Positionen verbindet die Haltung, dass Kunst als Bild an der Wand formuliert und präsentiert werden kann. In der städtischen Galerie im Kornhaus überrascht diese Haltung insofern, dass hier in den letzten Jahren eine Reihe sehr unterschiedlicher Ausstellungen präsentiert wurde, die aber immer künstlerische Positionen zeigte, bei denen die Werke komplexe Verbindungen mit dem Umraum eingingen. Dies betraf sowohl das Werk im kunstimmanenten Kontext, als auch den Ausstellungsraum des Kornhauses, oder weitergehend die städtische Lage der Galerie und die urbanen Strukturen von Kirchheim. Diese anspruchsvollen und manchmal sehr unterhaltsamen Projekte entsprechen nicht nur dem erweiterten Kunstbegriff, der seit Beginn der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sowohl die Produktion von Kunstwerken als auch deren Rezeption, also ihre Wahrnehmung und den Umgang mit ihnen, als offenen Prozess, und nicht als einmaligen oder gar eindimensionalen Vorgang versteht. Sie machen auch die Einmaligkeit dieses Ausstellungsortes aus, in dem sie ihn mit den Kirchheimer Bürgern und der örtlichen Situation verbinden und damit unverwechselbar machen. In dieser Reihe wirken die letzten beiden Ausstellungen, die sich fast ausschließlich auf die Präsentation von Tafelbildern beschränkten, wie ein Moment der Besinnung: Welche Rolle spielt "An der Wand sein" für die Produktion und Rezeption in der aktuellen Kunst?