Lokales

Malerisch-morbide Wellblechgarage ent-faltet

KIRCHHEIM Kornhausstrand, zweiter Akt: Eine bühnenbildartige Situation mit Getreide, Strandgut

Anzeige

FLORIAN STEGMAIER

und patiniertem Wellblech, dahinter ein Labyrinth aus formalem Spiel und abgründigen Bildern. Teile von Ackergerätschaften wurden als skulpturaler Rohstoff verwandt und mutierten so zu einem altersschwachen Arsenal kurioser Waffen.

Im Zuge einer neuntägigen öffentlichen Umbauphase entwickelte der Esslinger Künstler Wolfgang Scherieble diesen installativen Eingriff, der konsequenterweise dem Kunstpublikum im Rahmen einer zweiten Vernissage präsentiert wurde.

Die zum Kunstcontainer erklärte, malerisch-morbide Wellblechgarage zentrales Objekt des ersten Ausstellungs-Aktes wurde "ent-faltet"; man spricht auch von einer "Abwicklung", und diese zieht sich nun diagonal raumteilend durchs historische Gebälk. Scherieble, der bei Alfred Hrdlicka studiert hat und auf etliche Jahre Erfahrung als Bühnenbildner und Schauspieler zurückblicken kann, thematisiert abseits von jeglichen Dogmen oder moralischen Fingerzeigen elementare menschliche Erfahrungen.

Die Idee des Strandes inszeniert er als Freiraum, als Zone, in der das Feste auf das Bewegte, das Begrenzte auf das Unendliche, der Mensch und sein Acker auf das Meer trifft. Spuren dieser Begegnung sind angeschwemmte Objekte, Strandgut, das seine eigene, wenn auch unerzählte Geschichte birgt.

Hinter dem Strand, landeinwärts, wird der Besucher beim Erkunden der Installation konfrontiert mit Scheriebles "Seltenen Gerätschaften". War zu Beginn des Ausstellungsprojekts noch nicht klar, ob es sich bei diesen archaischen Gegenständen um Kultobjekte, Waffen oder landwirtschaftliches Instrumentarium handelt, entpuppen sie nun im zweiten Akt sehr viel deutlicher ihren doppelbödigen, martialischen Gehalt. So stehen sie etwa im Kontext mit von der Decke hängenden Objekten, die sich beim Durchgang durch die Ausstellungssituation zumindest ist dies ein möglicher Deutungsstrang immer mehr als Folterinstrumente herauszustellen scheinen, oder mit der ironisch betitelten Arbeit "Mit Rosen bedacht" einer Egge, die wie ein Damoklesschwert über einer hölzernen Bahre schwebt.

Bei aller räumlicher Abtrennung sind diese beiden Welten, der Strand und das abgründige "Dahinter", keine völlig zusammenhanglos nebeneinander existierenden Welten, vielmehr scheint das eine aus dem anderen hervorzugehen. Als wesentlichstes Element einer verbindenden Kontinuität kann die durchgehende Materialästhetik empfunden werden, die mal brachial, dann auch wieder ganz subtil und malerisch daherkommend, den Betrachter immer im Sinne der Vanitas anspricht.

Die Vanitas die Vergeblichkeit, die menschliches Tun als eitlen und vergänglichen Schein entlarvt ist ein zentrales Faszinosum der Arbeiten von Wolfgang Scherieble, das sich schon aus der spezifischen Beschaffenheit seiner bevorzugten Materialien ergibt. Meist handelt es sich dabei um vermeintlich "einfache" Fundstücke im Sinne der "arte povera", einer wichtigen, in den 60er- und 70er-Jahren in Italien boomenden, aber immer noch aktuellen Kunstströmung, der sich Scherieble verbunden fühlt.

Was allerdings auf diese Weise allzu einseitig in ein groß angelegtes Memento mori kippen könnte, wird von einem stets präsenten, feinen und ironischen Sinn für Humor, der oft ganz unterschwellig lauert, aufgefangen. Dazu sei nur auf das "altkretische Navigationsgerät" verwiesen, eine individuelle ironische Annäherung an den Mythos von Theseus und Ariadne und ihren roten Faden.

Durch die Mitwirkung des seit einigen Jahren in Kirchheim ansässigen Komponisten Xaver Paul Thoma geriet die Vernissage zum zeitgenössischen konzertanten Ereignis. Gemeinsam mit Roland Heuer und Ikuko Nishida-Heuer (beide Violine) und Stefan Koch-Roos (Gitarre), alle Musiker sind Mitglieder des Württembergischen Staatsorchesters Stuttgart, bescherte Thoma den zahlreichen Besuchern gleich zwei Uraufführungen, darunter das eigens für diesen Anlass geschriebene Stück "Schwingungen von 14 Saiten".

Der gesamte Ausstellungsprozess erster Akt, Umbauphase als Intermezzo und zweiter Akt wurde von der Wendlinger Fotokünstlerin Silke Bässler dokumentiert. Ihre Arbeiten sind noch bis zum Ausstellungsende am Sonntag, 18. März, im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kirchheimer Kornhaus zu sehen.

Zum Projekt "Kornhausstrand" wurde ein Online-Katalog eingerichtet, den Interessierte unter der Internet-Adresse www.kornhausstrand.de auch über die zeitlichen Grenzen der Ausstellung hinaus einsehen können.