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Malessa und die Massaiinfo

Zeltkirche: Der Massai Ole Ronkei wurde vom Hirtennomaden zum Professor

„Herr Ronkei, wie viele Kühe haben Sie?“ – der Hörfunk- und Fernsehjournalist Andreas Ma­lessa weiß natürlich, dass man das einen Massai nicht fragt. Doch auch das gehörte in der Kirchheimer Zeltkirche zum routinierten, aber spannenden Frage- und Antwortspiel.

Kirchheim. Als Gott die Welt erschuf, glauben die Massai, gab er ihnen alle Kühe. Wer also Kühe besitzt und kein Massai ist, hat sie illegal. „Wir können sie nicht stehlen, sie gehören uns ja schon“, sagt Ole Ronkei. „Wir könnten sie aber später zurückfordern.“ Eine Familie gilt bei den Massai erst dann als arm, wenn die gesamte Sippe keine einzige Kuh mehr hat. Kleine Jungs sind als Hütejungen tätig, doch sie wollen alle Krieger werden. Auch Ole Ronkei.

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Nach der Unabhängigkeit Kenias im Jahr 1963 sollte aus jeder Familie ein Kind zur Schule gehen. Ole Ronkei musste ran. „Ich fühlte mich nicht privilegiert, sondern als das am wenigsten geliebte Kind“, erzählt er. „Ich war das schwarze Schaf der Familie.“ Doch dann war er in der Grundschule interessiert und gut. Er kam in ein Internat nach Nairobi, als dritter Massai in der Geschichte dieser Schule. Es war eine der besten Schulen Kenias, geschaffen für Waisen und Arme. Ole Ronkei wuchs als Halbwaise bei Mutter und Onkel auf.

Durch das völlig ungewohnte Schulessen hatte er drei Monate lang ständig Durchfall. Doch gehänselt wurde er nie. Zu Präfekten und Kapitänen ernannt, sorgten 17- und 18-Jährige für Disziplin bei den Jüngeren. In jedem Haus waren 80 Schüler untergebracht, Lehrern war das Betreten verboten. Das funktionierte? Klar, sagte Ronkei. „Ein 13-Jähriger hat keine Tricks, an die sich ein 17-Jähriger nicht noch erinnert. Einen 50-jährigen Lehrer zieht er sofort über den Tisch.“ Wissendes Kopfnicken im voll besetzten Zelt.

Seine dänischen Paten, die neun Jahre das Internat bezahlten, fragten als Erstes nach Ole Ronkeis Geburtstag. Weil dieser nirgends festgehalten war, Geschenke aber etwas Tolles sind, handelte er mit seinen Freunden einfach ein Geburtsdatum aus.

Religion stand auch auf dem Stundenplan. Als Ronkei im Alten Testament von Opfervorschriften las, staunte er. Er fragte seinen Großvater: „Wie kann es sein, dass das, was du machst, in dem Buch der Weißen steht?“. Er las mehr in der Bibel. Jesus spielt zuerst keine Rolle, die Religion der Massai ist streng monotheistisch. Durch eine Veranstaltung von „Jugend für Christus“ fand er zum christlichen Glauben.

Zur Universität fehlte Ronkei ein einziger Punkt. Deprimiert raste er mit dem Motorrad herum. Einen Unfall überstand er mit Schrammen und einer Erkenntnis: „Für einen Punkt lohnt es sich nicht zu sterben.“ Es gab nur eine Uni in Kenia, also blieb das Ausland. Fünf Jahre lang arbeitete und sparte er, dann ging er auf die Universität von Oregon, USA. Er machte einen dreifachen Master in Journalismus, Politikwissenschaft und Anthropologie und wurde Doktor der Kommunikationswissenschaft. Er wurde zum Professor und Berater der Weltbank.

Briefe verbanden ihn mit seiner späteren Frau Renoi. „Wir wollten uns in der Ausbildung nicht stören“, begründet die Hotelfachfrau und Ernährungsberaterin, warum sie elf Jahre lang gewartet hat. Der Hochzeit in den USA folgte ein Hochzeitsfest in der Heimat. Der Brautpreis lag bei neun Kühen, einer Ziege und einem Schaf. Die USA sei ein schönes Land, sagen die beiden, aber es sei ein Albtraum, dort Kinder aufzuziehen. Sie haben zwei Söhne und zwei Töchter.

Diese wurden in drei Kulturen groß: der der Massai, der in Kenias moderner Hauptstadt Nairobi und der des Westens. Denn Ole Ronkei gab seine gut dotierte Stelle auf und wurde Programmdirektor des Kinderhilfswerks Compassion. „Was die machen, ist das, wovon ich selbst profitiert habe.“ Sein Büro sollte in den USA sein. „Vor acht Jahren habe ich sie überzeugt, dass ich es von Kenia aus machen kann. Seither schaffe ich das doppelte Pensum.“ Seine Aufgabe sieht er darin, den Afrikanern „den Übergang in eine neue Welt so schmerzarm wie möglich zu machen“.

Eine Woche lang sind die Ronkeis mit Malessa in Deutschland unterwegs. Deutschland sei so grün, staunte Renoi Ronkei. Der Zeltkirche ging ein Besuch auf dem Hofgut der Familie Gölz in Nabern voraus. Die Ronkeis waren vom Fleckvieh begeistert, das sie auch in Kenia einführen wollen. Da wundert auch Ole Ronkeis Antwort auf eine Zuhörerfrage nicht mehr. Wo seine Heimat sei? „Zuhause ist da, wo die Kühe sind.“ Ach so: Er hat 170.

 

Malessas Buch über die Ronkeis „Mein Herz in Afrika“ ist bei Gerth Medien erschienen.