Lokales

"Man braucht nichts als ein offenes Herz"

Ein aufgeschlagenes Knie, eine verlorene Fahrkarte . . . der Alltag bietet viele Situationen, in denen sich Kinder nicht zu helfen wissen. Ab sofort können sie vertrauenswürdige Anlaufstellen in Notsituationen aller Art in Kirchheim auf Anhieb erkennen: Das "Kelly-Insel"-Symbol an über 60 Geschäften und Institutionen steht für zuverlässige Hilfe.

IRENE STRIFLER

Anzeige

KIRCHHEIM "Das ist genau das, was unsere Gesellschaft braucht", freut sich Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Kinder vor Angriffen aller Art zu schützen und ihnen Geborgenheit und Sicherheit zu bieten sei an sich eine Selbstverständlichkeit. Jetzt konkrete Anlaufstellen zu benennen, bewertet die Stadtchefin als "Zeichen einer gelebten Verantwortung" in der Stadt.

Das Zertifikat, das ab sofort an immer mehr Geschäften und Einrichtungen prangen wird, zeige den Kindern "Ich bin dein Freund", macht Ralf Berti klar, Geschäftsführer der Kelly-Insel e.V. Der Begriff "Kelly-Insel" entsprang einem Kinderkopf. Er knüpft an die kleinen feuerroten Polizei-Anhaltekellen an, die Kinder im Rahmen des Projekts von den Beamten als Schlüsselanhänger erhalten. "Ich sage halt" steht darauf.

Grundidee der Kelly-Inseln, die im Kreis Esslingen mit bundesweit einzigartiger Intensität entstehen, ist die Verschmelzung bereits existenter Präventionsprojekte. Keimzelle ist Filderstadt, wo die ersten Kelly-Inseln auf Initiative der Alexandra-Sophia-Stiftung entstanden. Das Projekt der kommunalen Kriminalprävention steht unter der Schirmherrschaft des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth. Kommune, Handel, Schulen, Eltern und vor allem die Polizei sind eingebunden. "Das Tolle daran ist die Sensibilisierung ganz vieler Menschen", freut sich Berti und spricht vom Wandel "von der Wegschau- zur Hinschaugesellschaft". Speziell in Kirchheim verlaufe die Umsetzung des Projekts vorbildlich.

Das bestätigt auch Thomas Pitzinger, Leiter des Polizeireviers Kirchheim. "Prävention hat dann den größten Wert, wenn sie von vielen getragen wird", weiß er aus zahlreichen einzelnen Präventionsprojekte an Kindergärten, Schulen und bei Elternabenden sowie aus langjähriger Kooperation mit der Stadt. Jetzt wird die Polizei gezielt Kinder der zweiten Grundschulklassen besuchen, sie im Umgang mit Gefahren stärken und auf die Existenz der Trost spendenden "Kelly-Inseln" hinweisen. Dass dies im Vorfeld schon von den Eltern sehr positiv aufgenommen wurde, bestätigt Uwe Häfele, Leiter der Kirchheimer Allenschule, im Namen seiner Kollegen. Eine Idee besteht darin, die Kelly-Inseln eines Tages im Kinderstadtplan zu kennzeichnen, sodass die Eltern ihre Kinder auf Anlaufstellen am Schulweg aufmerksam machen können.

Dass landkreisweit mittlerweile eine große Anzahl von Schulen beim Kelly-Projekt mitmacht, berichtet Kriminaloberkommissar Paul Mejzlik von der Polizeidirektion Esslingen. Mit zahlreichen recht harmlosen, aber auch mit einigen ernsteren Anliegen wandten sich Kinder in verschiedenen Orten bereits an die ausgewiesenen Stellen. Die Wirksamkeit der Kampagne ist längst auch durch eine soziologische Studie überprüft worden, bundesweit treffen Anfragen von Interessenten, die das Modell übernehmen wollen, im Landkreis ein. Die Popularität der Kelly-Inseln wird sich noch verschärfen, wird doch das Projekt Ende September in Münster mit dem Deutschen Förderpreis der Kriminalprävention in Münster ausgezeichnet. Damit geht dieser Preis erstmals ans Ländle. Schön daran ist auch, dass das Engagement für jedermann eigentlich nur Vorteile birgt: "Man geht gern dort einkaufen, wo das Kelly-Insel-Zeichen prangt", berichtet Mejzlik aus Erfahrung.

Diese Erfahrung lässt sich ab sofort auch in Kirchheim machen: Überall, wo die Zertifikate mit der "Kelly-Insel" und der zur Palme stilisierten Kelle und der Aufschrift "Ich helfe dir" kleben, empfängt das hilfesuchende Kind herzliche Atmosphäre. City Ring-Vorsitzender Karl-Michael Bantlin bestätigt, dass in den Geschäften aufklärende Gespräche laufen und das Personal sensibel auf ratlose, verstörte oder gar verfolgte Kinder reagieren wird. Die Stadt versendet umfangreiches Informationsmaterial, und Claus Kuchelmeister, stellvertretender Ordnungsamtsleiter, ist Ansprechpartner für alle Interessenten. Auf den Kelly-Insel-Plakaten steht das wichtigste Ziel der Initiative: "Gemeinsam für ein kinderfreundliches Kirchheim unter Teck".

Eine, die sich fast wundert über die Kreise, die eine menschliche Selbstverständlichkeit zieht, ist Ursula Theuner. Die Kirchheimer Geschäftsfrau hat die erste Urkunde verliehen bekommen und längst an ihre Tür gehängt. "Ich helfe ganz einfach als Mensch", bekennt sie bescheiden und ermutigt alle, sich ebenfalls zu engagieren: "Man braucht dazu nichts als ein offenes Herz, offene Ohren und offene Augen".