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"Man muss dem Schwätzer das Maul stopfen"

Schändung der Nürtinger Johanneskirche wirft der Philipp-Jeningen-Kreis dem katholischen Seelsorger Wolfgang Sedlmeier nach dessen Ausstellung "Oh Maria" in dem Nürtinger Gotteshaus vor. Deshalb hat der Kreis den Pfarrer bei Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, angezeigt.

JÜRGEN GERRMANN

NÜRTINGEN "Dieser Initiativkreis katholischer Laien und Priester in der Diözese Rottenburg-Stuttgart" hat den Pfarrer von Sankt Johannes in einem Brief an "seine Exzellenz, hochwürdigsten Herrn Bischof" vom 25. Oktober angezeigt und fordert Gebhard Fürst ausdrücklich dazu auf, zu prüfen, "ob die Entweihung der Johanneskirche so schwerwiegend ist, dass sie die in Canon 1211 des kirchlichen Gesetzbuches vorgesehene Strafe nach sich zieht".

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Schändung Da es sich da schon um einen außergewöhnlichen Vorwurf handelt, sei der Paragraf wörtlich zitiert: "Heilige Orte werden geschändet durch dort geschehene, schwer verletzende, mit Ärgernis für die Gläubigen verbundene Handlungen, die nach dem Urteil des Ortsordinarius so schwer und der Heiligkeit des Ortes entgegen sind, dass es nicht mehr erlaubt ist, an ihnen Gottesdienst zu halten, bis die Schändung durch einen Bußritus nach Maßgabe der liturgischen Bücher behoben ist."

Der Ton des Schreibens lässt aus Sicht mancher durchaus den Schluss zu, dass der Jeningen-Kreis, der überwiegend aus Akademikern besteht und auch Mitglieder in Nürtingen hat (die sich aber in dem Schreiben an den Bischof, das der Zweite Vorsitzende Dr. Bertram Tretter aus Göppingen unterzeichnet hat, nicht zu erkennen gaben), im Grunde den Kopf Wolfgang Sedlmeiers fordert: "Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte sich jeder Geistliche, der so etwas unternommen hätte, damit um Amt und Würden gebracht".

"So etwas": Das ist die Ausstellung "Oh Maria" mit Bildern "überwiegend nackter Frauen, die sich darauf in erbärmlicher Weise prostituieren": "Dafür ein Gotteshaus zu missbrauchen, ist ein Skandal!"

Kritik wird auch am Rahmenprogramm geübt. Liest man das Schreiben, dann muss man zum Beispiel davon ausgehen, dass bei der Disco für die Jugend "Maria meets Techno" eine regelrechte Orgie in Sankt Johannes stattgefunden hat: "Da kann man nur noch schmerzerfüllt aufschreien."

Die Verfasser der vorliegenden Anzeige haben nämlich ein solches Bild von einer Techno-Disco: "Maria meets Techno lässt nur auf einen völlig entkernten Glauben seiner Urheber schließen. Techno-Tanz bedeutet Trance-Ekstase, Drogenrausch und Exzesse, die Ähnlichkeit mit den orgiastischen Aphroditekulten der Antike haben."

Was dann bei der Finissage der Ausstellung mit Werken von Bertram Till geschehen würde, ahnte der Jeningen-Kreis schon fünf Tage vorher: "Vermutlich" werde es dort "rund um den Altar und vor dem Sanctissimum" (dem Allerheiligsten mithin) so zugehen wie vor vier Jahren bei der "INRI"-Ausstellung mit Fotos von Bettina Rheims, als "an dieser Stelle ein brasilianischer Solotänzer seinen fast nackten Körper zur Schau gestellt" habe.

Der Philipp-Jeningen-Kreis knüpft überhaupt mehrmals an die Ereignisse vor vier Jahren an und tischt auch dem Bischof (wie in einem Leserbrief vom 4. November) das Schreckens-Bild aus der Französischen Revolution, als "eine Hure auf den Altar von Notre-Dame gesetzt" wurde, auf. Sedlmeier wird sinngemäß unterstellt, dies mehr als zu billigen: "In Sankt Johannes würde man so etwas Performance nennen und davon sprechen, dass sich da ,Theologien des Fleisches und der Berührung' ergeben." Just dies ist die Verwendung eines Zitats des Nürtinger Pfarrers aus der "INRI"-Zeit in einem vom Jeningen-Kreis selbst konstruierten Zusammenhang.

Schwätzer und VerführerHöchst erstaunt vermag man auch zu sein, wenn man die Bibelstellen nachschlägt, auf die sich der Jeningen-Kreis bezieht. Ausdrücklich heißt es, man fühle sich dem Heiligen Paulus und folgendem Vers aus dessen Brief an Titus verpflichtet: "Denn es gibt viele Freche, unnütze Schwätzer und Verführer, denen man das Maul stopfen muss, weil sie ganze Häuser verwirren und lehren, was nicht sein darf, um schändlichen Gewinns willen."

Aber es kommt noch heftiger. Mit dem Verweis auf Vers 42 des 9. Kapitels des Markus-Evangeliums: "Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde." Tretter und seine Freunde bezeichnen sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich als "Anwalt der Kleinen". Man bitte den Bischof dringend, "diesem Treiben ein Ende zu setzen".

Sedlmeier erschrockenWolfgang Sedlmeier bekennt, "dass ihn Art und Weise dieses Vorgehens erschreckt" habe. Mit dem Nürtinger Vertreter des Jeningen-Kreises sei er immer im Gespräch gewesen, stehe er als Pfarrer doch für eine "plurale Kirche und einen offenen Diskurs aber diese Gruppe verweigert ihn". Es habe rund um "Oh Maria!" zahlreiche Veranstaltungen, Führungen und theologische Workshops gegeben, vom Jeningen-Kreis habe sich aber nie jemand gemeldet. Wie sieht er nun den Brief an den Bischof? "Er ist für mich heftig. Polemisch. Denunziatorisch. Wer ernst genommen werden will, muss den Dialog suchen."