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"Man muss jemanden kennen, der es weiß"

25 Jahre in der Firma, davon zehn Jahre als Bereichsleiter: Hartmut Junkers Kündigung kam völlig überraschend. Nach dem Gang zum Arbeitsamt führte sein zweiter Weg zum Steuerberater. Dieser ermutigte ihn, den Betriebsteil zu übernehmen und selbstständig weiterzuführen. Jungunternehmer mit 52 Jahren? Hartmut Junker wagte es und hatte Erfolg.

ESSLINGEN "Wir haben alles gemacht, was sie in den letzten beiden Tagen gehört haben, und es hat geklappt", ermutigte Junker die 60 Teilnehmer des Betriebsübergabeseminars der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen und der Kreishandwerkerschaft.

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"Man muss nicht alles wissen, aber man muss jemanden kennen, der es weiß", betonte Willy Roßbach, stellvertretendes Vorstandsmitglied und Leiter des Bereichs Unternehmenskunden bei der Kreissparkasse. Die erfolgreiche Übergabe eines Betriebes erfordert Wissen aus vielen Bereichen, entsprechend vielfältig waren die Seminarthemen: Angefangen von psychologischen Aspekten über rechtliche und steuerliche Überlegungen bis zu Finanzierungsfragen. Roßbach sprach von einer "sehr erfreulichen Resonanz" auf das Seminarangebot, von potenziellen Betriebsübergebern oder Betriebsübernehmern aus ganz verschiedenen Branchen und Unternehmensgrößen. Teilweise waren Vater und Sohn oder Mutter und Tochter gemeinsam zum Seminar gekommen.

"Sie wissen nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht", kommentierte Hartmut Junker die oft großen Herausforderungen bei einer Übernahme. Sein Rat: "Suchen Sie sich einen oder zwei Berater, denen sie voll und ganz vertrauen können." Als Schlüssel zum Erfolg seines Kunststoff verarbeitenden Betriebs nannte er einen gut ausgearbeiteten Businessplan und die Motivation der Mitarbeiter. Nicht bei allen läuft es so glatt wie bei Junker: "Die Fälle, in denen ein Nachfolger einen erfolgreichen Betrieb in kurzer Zeit an die Wand fährt, nehmen leider immer mehr zu", warnte Franz Falk, Geschäftsführer des Bereichs Management und Technik bei der Handwerkskammer Region Stuttgart. Dies könne viele Gründe haben, etwa einen zu hohen Kaufpreis und mangelnde Vorbereitung. Manchmal seien die Schuhe des Vorgängers dem Nachfolger einige Nummern zu groß, sei dieser dem permanenten Entscheidungsdruck nicht gewachsen, sagte Falk.

Als erstes gelte es für den Betriebsübergeber, einen Zeitplan für das Ausscheiden oder den allmählichen Ausstieg aus dem Unternehmen zu erstellen, Falk empfiehlt eine Vorbereitungszeit von fünf bis zehn Jahren. Dann solle sich der Übergeber eine Vermögensübersicht verschaffen und seine Altersversorgung sichern: "Bei 80 Prozent aller Handwerksbetriebe ist der Altunternehmer darauf angewiesen, dass noch Geld aus dem Unternehmen fließt, sei es als Rente, Miete, Pacht oder Arbeitsverhältnis beim Nachfolger." Die Suche nach einem Nachfolger müsse diskret erfolgen, dürfe aber nicht zum Tabuthema gemacht werden. Wichtig sei das Entwerfen einer Steuerstrategie. Durch rechtzeitige Planung könne die erhebliche Steuerbelastung bei der Übergabe minimiert werden. Je besser der Betrieb "in Schuss" sei und je besser und qualifizierter der Mitarbeiterstamm sei, desto leichter falle dem Nachfolger die Übernahme. Vor diesem Schritt sollten alle Verträge überprüft werden. Für den Nachfolger sollten alle relevanten Unterlagen über Anlagen, Mitarbeiter, Verbindlichkeiten, Kunden, Lieferanten, Produkte und Kalkulation vorbereitet werden.

Dem Übernehmer riet Falk, neben seinen eigenen Qualifikationen und Voraussetzungen auch den Betrieb gründlich zu analysieren und genau zu rechnen, welcher Gewinn am Ende zu erwarten sei. Der Kapitalbedarf bei einer Übernahme sei im Durchschnitt dreimal so hoch wie bei einer Existenzgründung, die Organisation der Finanzierung benötige erhebliche Zeit.

Günter Wiedmann, Leiter des Existenzgründungsteams bei der Kreissparkasse, gliederte den Kapitalbedarf in einen langfristigen und kurzfristigen Bereich, ein Liquiditätsplan sei unerlässlich. Anhand eines Beispiels verdeutlichte er dies: Wer im Januar ein Bauunternehmen übernehme, habe möglicherweise im März die erste Arbeit und im Mai erste Zahlungseingänge. Zur Stärkung der Eigenkapitalstruktur biete sich Beteiligungskapital öffentlicher oder privater Kapitalgeber an, bei den Darlehen gebe es eine ganze Reihe von öffentlichen Kreditprogrammen: "Nicht alle Finanzierungsformen machen für jeden Sinn," sagte Wiedmann. Darüber hinaus seien Darlehen von Sparkassen und Banken in die Finanzierung einzubeziehen wobei der Kontokorrentkredit nur zur Abdeckung von Spitzen diene.

So vielfältig die Themen auch waren, von Planungsstrategien, Verfahren zur Unternehmensbewertung bis hin zu arbeitsrechtlichen Fragen, auf einen Punkt kamen die verschiedenen Referenten immer wieder zu sprechen: Die Übernahme eines Unternehmens betreffe auch das soziale Umfeld. Ein Ehepartner, der dabei nicht mitziehe, führe schnell zum Misserfolg. "Sie brauchen großen Rückhalt in der Familie", bestätigte Hartmut Junker aus seiner eigenen Erfahrung.

pm