Lokales

Mangels "schwarzer Kassen" der Griff zum Tafelsilber



BARBARA IBSCH

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KIRCHHEIM Er muss ein Zahlenmensch sein, sonst würde ihm das Geschäft nicht so liegen. Hans-Albrecht Remshardt, Stadtverwaltungsoberrat und seit 1988 Leiter der Stadtkämmerei in Kirchheim, hat es auf den ersten Blick mit einer ziemlich trockenen Materie zu tun. Der 63-Jährige trägt die Verantwortung für einen klassischen und im Grunde nicht zu trennenden Geschäftskreis, bestehend aus Kämmereiamt und Stadtkasse. Gesplittet werden kann dennoch: Stadtamtmann Günter Erben, ebenfalls 63, hat seit 1985 eine relativ autarke Stellung in der Geschäftsführung der Stadtkasse.



Das ist auch gut so, darf doch Hans-Albrecht Remshardt als Fachbeamter für das Finanzwesen der Stadt Kirchheim und damit zugleich auch Kassenaufsichtsbeamter nicht selbst im Kassengeschäft tätig sein. Er braucht also jemanden, der Geld eintreibt und Rechnungen bezahlt. Dafür hat er sich vor Jahren zusätzliche Arbeit "eingefangen" als Kaufmännnischer Betriebsleiter der Stadtwerke, die als Versorgungs- und Verkehrsbetriebe für drei Zweige zuständig sind: Wasserversorgung, Tiefgaragen und Bäderbetrieb.



Der Oberbegriff ist rasch gefunden: Haushalts-, Kassen- und Rechnungswesen. Was dahinter aber für die Stadtkämmerei im Einzelnen steckt, ist in der Geschäftskreisbeschreibung in nicht weniger als 45 Abschnitten aufgelistet. Für die Abteilung Stadtkasse kommen noch einmal gut 25 weitere dazu.



Bleiben wir bei der Stadtkämmerei mit fünfzehn Personen, von denen einige in Teilzeit arbeiten. Vorrang hat sicher das Umsetzen des Haushalts einschließlich der Überwachung, dass alles in den richtigen Bahnen läuft. Das beginnt schon damit, dass der Stadtkämmerer jede Sitzungsvorlage erhält, die im Kirchheimer Gemeinderat behandelt wird. Findet Hans-Albrecht Remshardt ein Haar in der Suppe, setzt er sich mit dem zuständigen Fachamt auseinander oder verweigert im schlimmsten Fall seine Unterschrift. Das gilt auch für den Gemeinderat, wenn dieser beispielsweise finanziell nicht klar definierte Aufträge an die Verwaltung erteilt.



Der Stadtkämmerer hat im Grunde überall den Daumen drauf und spielt dies dennoch nicht aus. Er muss dafür sorgen, dass die Haushaltsansätze nicht überschritten werden und denkt dabei nicht nur im stillen Kämmerlein laut darüber nach, ob wohl ein multifunktionaler Bolzplatz derzeit in die finanzielle Landschaft passt, sondern verweigert dazu auch schon mal die Unterschrift auf der Sitzungsvorlage. Seine Stunde hat aber vor allem dann geschlagen, wenn via Finanzzwischenbericht dem Gemeinderat vor Augen zu führen ist, wie die Kommunen durch zunehmende Aufgaben und zurückgehendes Steueraufkommen immer tiefer in eine belastende Finanzsituation schlittern, deren weitere Entwicklung nicht abzusehen ist.



Wenn von "schwarzen Kassen" die Rede ist, kann Hans-Albrecht Remshardt nur müde lächeln. Die Stadt hat längst zum Tafelsilber greifen müssen den Aktien der einstigen Neckarwerke und wird in diesem Jahr wohl noch auf den Kreditmarkt gehen.



Die Stadtkämmerei ist gefordert, wenn Steuern zu veranlagen sind, es um Stundungen geht, um die Überwachung der Eigenbetriebe, den Finanzausgleich und die Kreisumlage, um die Schlüsselzuweisungen vom Land, das komplette Zuschusswesen, das Aufstellen von Satzungen, die Kalkulation für Wasserzins und Abwassergebühr sowie die Friedhofsgebühren. Die Kämmerei wirkt bei Bebauungsplänen mit im Blick auf die Erschließungskosten, ist für Kreditaufnahmen verantwortlich aber auch für die Übernahme von Bürgschaften, wenn beispielsweise Vereine, Altenheime oder auch Privatpersonen an den Kapitalmarkt gehen; Letzteres wird als Wohnungsbauförderung vor Ort gesehen. Da gibt es zudem das Feld der verschiedenen Konzessionsverträge, der Stiftungen, der Stadthalle, des Fickerstifts und noch viel mehr Zuständigkeiten.



Überschneidungen mit der Stadtkasse bleiben nicht aus, bei der zehn Personen beschäftigt sind (auch hier ist Teilzeitarbeit möglich). Es gilt die Gliederung Stadtkasse, Buchhaltung, Vollstreckungsbereich und zentrale Erfassung von allen Belegen, auch aus den Teilorten. Es gibt eine Einheitskasse, bei der zwar die Buchung getrennt erfolgt, der Kassenbestand aber einheitlich ist und für die Stadt nur ein Konto geführt wird. Beim jeden Tag abzuwickelnde Termingeschäft läuft ohne Beleg der Fachämter keine Auszahlung, auch wenn die Handwerker noch so drängen.



Günter Erben und seine Mitarbeiter sind, dezent ausgedrückt, Ansprechpartner für viele unbequeme Dinge. Das trifft auch auf den städtischen Vollstreckungsbeamten zu, der dann ausrückt, wenn Mahnungen nichts fruchten. Die Zahlungsmoral sinkt, ist festzustellen, es greifen aber auch immer mehr Bürger nach dem Strohhalm Ratenzahlung, weil sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. Das Eintreiben von Bußgeldern ist ein spezielles Thema, schlägt hier doch oft eine generelle Verweigerungshaltung durch, die erst dann im letzten Moment aufgegeben wird, wenn Beugehaft der nächste Schritt wäre.



Was in privaten Haushalten schon längst zu spüren ist, macht auch vor der Stadt Kirchheim nicht Halt. Der Zwang zum Sparen ist größer geworden, betriebswirtschaftliches Denken unausweichlich. "Früher hat es das Wachstum gerichtet", erinnert sich Stadtkämmerer Remshardt an bessere Zeiten. Heute klafft die Schere zwischen der fremd bestimmten Ausgabenenwicklung und den versiegenden Einnahmequellen immer weiter auseinander. Wo das noch hinführen wird, wissen nicht einmal die "alten Hasen" Hans-Albrecht Remshardt und Günter Erben.

Hans-Albrecht Remshardt (links) und Günter Erben können nicht auf "Schwarze Kassen" zurückgreifen, auch nicht auf die alte Kriegskasse im Eingangsbereich der Stadtkämmerei am Widerholtplatz.