Lokales

Maria mit dem geheimnisvollen Lächeln

Rolf Götz stellt „letzte Überreste aus katholischer Zeit“ in der Kirchheimer Martinskirche vor

Kirchheim. Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ wird weltweit gerühmt wegen ihres geheimnisvollen Lächelns. Unzählige Touristen lösen täglich in

Andreas Volz

Paris eine Eintrittskarte für den ­Louvre, nur um einen Blick auf dieses Gemälde werfen zu können. In der Kirchheimer Martinskirche dagegen ist gleich zweimal eine geheimnisvoll lächelnde junge Frau zu sehen – ohne auch nur annähernd vergleichbare Beachtung zu finden. Der Kirchheimer Historiker Rolf Götz hat sich ihrer nun angenommen und einer großen Schar interessierter Zuhörer „die spätgotischen Marienbilder im Chor der Martinskirche“ nahegebracht. Sein Vortrag war der dritte Teil der Reihe „Zur Spurensuche in die Martinskirche“, die Schwäbischer Heimatbund und Verschönerungsverein Kirchheim zugunsten der Martinskirchenstiftung ins Leben gerufen haben.

Geheimnisvoll ist nicht nur das Lächeln der Kirchheimer Jungfrau Maria, die der Kunsthistoriker Adolf Schahl 1966 als „geistliche Mona Lisa“ bezeichnet hat. Auch die Entstehungsgeschichte der beiden Gemälde, die gut 30 Jahre älter sein dürften als Leonardo da Vincis berühmtes Bild, ist ziemlich rätselhaft. Rolf Götz begann seinen Vortrag deshalb auch nicht mit der Zeit um 1460/1470, in der die beiden Bilder wohl entstanden sind. Als Historiker beschränkte er sich zunächst lieber auf zuverlässige Nachrichten. Die erste stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus einem Schreiben des Kirchheimer Dekans Jonathan Friedrich Bahnmaier an die Generalsuperintendenz in Ulm vom 22. Juli 1841.

Er schreibt über das „Totenkirchlein“ am heutigen Alten Friedhof, das 1841 abgebrochen wurde: „Die nicht auf dem Kirchhof, sondern neben dem Kirchhof allhier befindliche kleine Kirche hatte früher Gemälde von Kunstwert, von welchen noch einige Reste, Altarblätter vorhanden sind [. . .]. Der Vandalismus früherer Zeit hat sie sehr vernachlässigt, ja geschändet, und der Unterzeichnende ließ sie daher, damit sie nicht ganz zugrunde gehen; in die Sakristei der Stadtkirche schaffen, wo sie noch stehen.“

Daraus geht noch nicht eindeutig hervor, dass es sich um die beiden Bilder – Mariä Verkündigung und Anbetung der Weisen aus dem Morgenland – handelt, die heute noch im Chor der Martinskirche zu sehen sind. Das ergibt sich erst aus einer Beschreibung, die der Gutenberger Pfarrer Friedrich Hochstetter 1864 unter dem Titel „Die Teck und ihre Umgebung“ herausgebracht hat. Dort heißt es über die Kirchheimer Martinskirche: „Im Chor hängt ein altes, werthvolles Gemälde aus der Ulmer oder oberschwäbischen Malerschule, die Verkündigung der Maria und die Anbetung der Weisen. Beide sind unvollständig, sie waren ursprünglich in der Todtenkapelle bei dem Kirchhof und kamen nach deren Abbruch in einen Winkel der Kirche, aus dem sie nun wieder hervorgezogen und restaurirt worden sind.“

Bis 1898 müssen beide Gemälde, die eigentlich Vorder- und Rückseite eines Altarflügels darstellen und die zu einem späteren Zeitpunkt getrennt wurden, wieder im Chor der Martinskirche zu sehen gewesen sein, wie Rolf Götz ausführte. Nach der Renovierung der Martinskirche durch den Kirchenarchitekten Heinrich Dolmetsch hätten beide Gemälde für die Zeit zwischen 1898 und 1961 einen neuen Platz an der Ostwand der Seitenschiffe erhalten, also im Langhaus links und rechts vom Chorbogen. Nach der erneuten Kirchen-Renovierung bekamen die Bilder Mitte der 60er-Jahre ihre heutigen Plätze im Chor: die Verkündigung an der Südseite, gegenüber der Kanzel, und die Anbetung der Weisen am Choraltar.

Das erklärte Rolf Götz zu den verhältnismäßig sicheren Fakten. „Historiker machen aber auch Mutmaßungen“, meinte er und mutmaßte deshalb, dass beide Bilder bereits 1612 erwähnt sind. Der damalige Dekan Johannes Schuler, der auf der Kanzel immer wieder auf die örtliche Geschichte eingegangen sei, hatte seine Predigten aus dem Jahr 1608 drucken lassen. In einer dieser Predigten war Rolf Götz auf die folgenden Passagen gestoßen: „auff der einen Seiten an der Sacristey ist oben gemahlt die Verkündigung Mariæ / wie der Erzengel Gabriel ihr auf GOttes Befehl die Empfängnuß vnnd Geburt Christi verkün­digt / vnd gsagt / daß sie werd schwanger werden / vnnd einen Sohn gebehren / den soll sie JEsus heissen / der werd groß vnnd ein Sohn des Allerhöchsten genennt werden“. Auf die Beschreibung einiger anderer Bilder folgt auch diejenige, „wie die Weisen auß Morgenland zum Christkindlin kommen / vor jm nidergfallen / es angebetten / vnd jhm Gold / Weyrauch / vnd Myrrhen verehrt.“

Rolf Götz schließt daraus zum einen: „Genau die Bilder, die wir heute sehen, scheinen von Schuler beschrieben zu sein.“ Außerdem mutmaßt der Historiker: „Offenbar sind auch Altarbilder von vor 1534 dabei. Einige Altartafeln scheinen vor der reformatorischen Vernichtung geschützt worden zu sein.“ Wahrscheinlich seien die Bilder von der Geburt und Kindheit Christi auch für die evangelische Kirche „akzeptabel“ gewesen. Hatten diese Bilder also den Bildersturm unbeschadet überstanden, so gab es Ende des 17. Jahrhunderts ein verheerendes Ereignis, bei dem statt fanatischer Menschen die entfesselten Elemente wüteten: den Kirchheimer Stadtbrand von 1690. Auch hier stellt sich Rolf Götz eine Szene vor, wie sie gewesen sein könnte: „Am 3. August 1690 ist die Martinskirche komplett ausgebrannt, bis auf den Chorraum. Da muss jemand diese beiden Bilder gerettet und ins Totenkirchlein gebracht haben.“ Aus dieser gesamten Vorgeschichte heraus nennt Rolf Götz die Bilder mit der geheimnisvoll lächelnden Jungfrau Maria wohl zurecht „die letzten Überreste aus katholischer Zeit in der Martinskirche“.

Weil Maria in der Verkündigungsszene – vom Betrachter aus gesehen – nach rechts in Richtung Erzengel Gabriel blickt und weil dem alten Weisen aus dem Morgenland, den Rolf Götz als Melchior identifiziert hat, die beiden anderen ebenfalls von rechts her folgen müssten, handelt es sich bei beiden Bildern um den linken Flügel des einstigen Altars. Auf dem rechten Flügel müssen die fehlenden Figuren dargestellt gewesen sein: der Erzengel beziehungsweise der reife Mann Caspar und der bartlose Jüngling Balthasar. Welche geschnitzten Figuren der Altar in der Mitte aufwies, lässt sich nicht mehr bestimmen. Weil aber die Anbetungsszene besser erhalten ist und die reicheren Ornamente aufweist, muss sie auf der Innenseite gewesen sein, die nur an Sonn- und Feiertagen zu sehen war. Die Verkündigungsszene dagegen war die Werktagsseite des Altars.

Ein besonderes Schmankerl hatte Rolf Götz noch zu bieten: Während die Kunsthistoriker bis heute bei der ­„Ulmer Schule“ geblieben sind und die beiden Kirchheimer Bilder, die sie dem Jahrzehnt um 1460/1470 zuordnen, der Nachfolge des Meisters Hans Multscher zuschreiben, hat Rolf Götz sogar mutmaßliche „Vorbilder“ ausfindig gemacht: zwei Kupferstiche eines Unbekannten, der wegen seiner Initialen als „Monogrammist E.  S.“ bezeichnet wird. „Er war vielleicht kein großer Künstler“, meint Rolf Götz, „aber doch ein großer Anreger.“

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