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Marienglocke: des Namens beraubt und von Rotten gestohlen

Am kommenden Wochenende feiert der Förderkreis Wellinger Kirchle seine Hocketse unter besonderen Vorzeichen: Der Heimatverein feiert sein 25-jähriges Bestehen. Am Samstag beginnt das Fest um 17 Uhr, am Sonntag um 10 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst unter der Linde. Anschließend ist eine kleine Feierstunde geplant, die vom Musikverein umrahmt wird.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN Die Geschichte des Förderkreises Wellinger Kirchle beginnt nicht erst im Jahr 1981. "Wir sind seit 1976 beieinander, haben aber erst fünf Jahre später einen Verein gegründet", erinnert sich Albert Schanbacher, Erster Vorsitzender des Vereins.

Alles begann mit dem neu gewählten Wellinger Gemeinderat Otto Kuppinger, der im September 1975 im Gemeinderat den Antrag stellte, den Platz vor dem Kirchle neu herzurichten. Dieser war nach dem Abriss des Milchhäusles zu einer Lagerstelle verkommen, was seiner Ansicht nach für den schönen Platz unter der Friedenslinde von 1871 unangemessen war. Als im Februar immer noch nichts geschehen war, einigte sich der Gemeinderat auf einen Vor-Ort-Termin, bei dem angeregt wurde, ob sich nicht engagierte Bürger finden würden, die tatkräftig in Eigenregie diese Arbeit übernehmen würden. Als Mann der Tat erwies sich erneut Otto Kuppinger, als er zu einem Treffen am 10. März 1976 ins Gasthaus Lamm einlud. Dieser Tag markiert das Gründungsdatum der Bürgerinitiative "Wellinger Kirchle". Dreizehn Männer fanden sich zusammen, die bereit waren, bei der Gestaltung des Platzes mit Hand anzulegen. Die anstehende 900-Jahr-Feier von Notzingen forderte den "Nationalstolz" der Wellinger geradezu heraus, die Angelegenheit mit entsprechendem Nachdruck anzugehen. Nach jahrelangen Diskussionen folgten den Worten nun endlich auch Taten.

Bürgerliches Engagement"Mit dem Mäuerle hat alles angefangen und viele von damals sind heute noch dabei", sagt das Wellinger Urgestein Albert Schanbacher. Wie es sich für echte Schwaben gehört samstags wird "gschafft". Die Arbeit zu Hause blieb liegen, dafür nahm die Neugestaltung des Platzes langsam Formen an und die Gründungsmitglieder konnten sich über weitere tatkräftige Unterstützung freuen. "Der Einsatz war groß. Am Ende leisteten zwanzig Männer mehr als 350 Arbeitsstunden", rechnet der Vorsitzende vor. Doch nicht nur diese Männer leisteten ihren Teil an der Ortsverschönerung. Die Wellinger versorgten "ihre Mannen" jeden Samstag mit Speis und Trank. "Das übertraf alle Erwartungen", erinnert sich Albert Schanbacher. Zwei Nachbarsfrauen brachten sogar jedes Mal eine ganze Schüssel voll frisch gebackener Dätscher vorbei. Auch viele Wellinger, die nicht mit Hand anlegen konnten, ließen sich nicht lumpen und beteiligten sich finanziell an dieser Aktion, die das ganze Dorf mit einbezog. Für die Sachkosten kam die Gemeinde Notzingen auf.

Bei der Mäuerlesaktion sollte es aber nicht bleiben. Durch das vielseitige Engagement sah sich die Bürgerinitiative in ihrer Arbeit bestätigt und fasste deshalb den Entschluss, im nächsten Frühjahr das Kirchle, das eigentlich gar kein Gotteshaus ist, grundlegend zu renovieren. "Wir waren eine starke Truppe und wollten deshalb die Arbeiten auf den Turm ausweiten, der nicht mehr gut aussah", erzählt Albert Schanbacher. Ohne Absprache mit dem Landesdenkmalamt konnte man diese Idee jedoch nicht realisieren. Das Amt honorierte das freiwillige Engagement der Bürger, indem es den Zuschuss erhöhte.

Im April 1977 war Beginn des zweiten Bauabschnittes. Bevor das Dach mit neuen grün glasierten Biberschwanzplatten wieder gedeckt werden konnte, musste zunächst ein Gerüst bis zum Turmgockel aufgebaut werden. Der gesamte Putz am Glockenstuhl kam herunter, morsche Balken wurden ausgewechselt, das Fachwerk neu ausgeriegelt und selbst der Hahn samt seiner kunstvollen Turmspitze wurde von seinem angestammten Platz genommen. Fast 2000 Ziegel wechselten die fleißigen Männer aus. Die Arbeiten waren so anspruchsvoll und vielseitig, dass sie auf professionelle Hilfe angewiesen waren. Ortsansässigen Firmen sprangen in die Presche und stellten ihre Stunden nicht in Rechnung. Die Ehrenamtlichen hatten dieses Mal rund 1200 Stunden gearbeitet und geradezu rekordverdächtig war die Renovierungszeit. Bereits am 14. Mai stand der neue Hahn auf seinem neuen Turmaufsatz auf der Kirche. Das Göckelesfest würdigte dieses Ereignis stilecht.

Im März 1978 wurde dann die Idee geboren, das Kirchle als kleines Dorfmuseum zu nutzen. In einem Aufruf im Mitteilungsblatt bat die Initiative um Leihgaben. Damit die Exponate in einem passenden Rahmen präsentiert werden konnten, mussten Erdgeschoss und Turmzimmer aber erst renoviert werden und um ein derart wichtiges Ereignis wie die Eröffnung eines Museums zu würdigen, wurde ein großes Fest gefeiert das Kirchlesfest war geboren. Traditionell wird den Besuchern Backsteinkäse, Rettich- und Rauchfleischbrote serviert. Zwischenzeitlich verfügt das Museum über rund 1000 Exponate. Die Fahne des Kriegervereins Wellingen von 1897 gehört ebenso dazu wie altes Geschirr, Schränke, Bilder, Tonschüsseln, Waschkessel oder Milchzentrifuge.

So viel beispielhaftes Engagement blieb auch in Stuttgart nicht verborgen. Als "vorbildliche kommunale Bürgeraktion" wurde die Initiative "Wellinger Kirchle" ausgezeichnet. Am 29. Januar 1979 überreichte der damalige Ministerpräsident Lothar Späth im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart Otto Kuppinger, Imanuel Barz und Albert Schanbacher den Preis.

Fünf Jahre nachdem sich die Initiative zusammengefunden hat, beschlossen die Mitglieder, einen Verein zu gründen. Zum Ersten Vorsitzenden wurde vor 25 Jahren Otto Kuppinger gewählt. Seit dieser Zeit ist der Verein aus dem Gemeindeleben nicht mehr wegzudenken. Die Hocketse unterm Lindenbaum ist fester Bestandteil im Festkalender der Bodenbachgemeinde, beim Weihnachtsmarkt gibt es Glühmost und der Maibaum neben dem Kirchle wird von Mitgliedern des Vereins aufgestellt.

Im Frühjahr 2001 wurde die "alte Garde" nochmals aktiv. "Männer, wir packen es nochmal an", schwor Albert Schanbacher seine Mitstreiter auf den neuerlichen Arbeitseinsatz ein. Die rüstigen Rentner wollten das Wellinger Wahrzeichen "sauber an die junge Generation übergeben". Das Gebäude wurde erneut angerüstet und außen komplett renoviert, auch das Zifferblatt wurde verkupfert, damit der Rost in Zukunft keine Chance mehr hat. Nahezu 4000 Arbeitsstunden haben die Wellinger all die Jahre über für ihr Kirchle geleistet. Museumswart Günter Deuschle hat darüber eine Bilddokumentation zusammengestellt, die beim Fest zu sehen sein wird.

Besondere MarienglockeAuch wenn das Kirchle noch so klein ist, kann es mit vielen Besonderheiten und Anekdoten aufwarten, und das, obwohl es viele Geheimnisse noch nicht preisgegeben hat. Über den Bau der Sankt Georgskapelle in Wellingen ist wenig bekannt. Historiker gehen jedoch auf Grund besonderer Nachweise davon aus, dass sie bereits im Mittelalter existiert hat. Die Glocken haben seit jeher eine Bedeutung für das Bauwerk. So wurde um 1450 in Esslingen eine Marienglocke gegossen, deren schöner Klang von dem zweizinnigen Fachwerkturm der Kapelle erklang. Seit der Reformation und der damit verbundenen Abwendung von Maria, wurde sie nicht mehr erwähnt. Fortan war nur noch die Rede von der Wellinger Glocke, die bis zum Jahr 1896 den Wellingern die Stunden schlug. Große Trauer herrschte, als die gesprungene Glocke nach vielen Jahrhunderten vom Turm geholt werden musste, der schon längst nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand existierte. Nun war tatsächlich das Ende für die altehrwürdige Glocke gekommen, die vieles erlebt hat. Während des Bauernkriegs 1525 wurde sie gar von durchziehenden Rotten geraubt und fand erst viel später über verschlungene Pfade den Weg zurück ins Kirchle.

Im Zuge der Reformation verfiel die Kapelle, die Menschen lebten in armen Verhältnissen und auch Eigentum der Kirche enteignete der Herzog. Die Kirche wurde schließlich aufgegeben, der Turm dagegen sollte erhalten bleiben, ebenso die Notzinger Jakobuskapelle, die seit diesem Zeitpunkt auch das Gotteshaus der Wellinger ist.

Wie bei so vielen Orten in Württemberg, ist es dem Kartografen Andreas Kieser zu verdanken, dass eine Ortsansicht von Wellingen mit der Sankt Georgskirche aus dem Jahr 1683 existiert. Das einschiffige Gotteshaus ist von wenigen Häusern umgeben. "Auf dem Dach des Schiffes war der Glockenturm aufgerichtet, der aus statischen Gründen in Fachwerk ausgeführt worden war. Die Breitseite des Daches zierten an den Giebelecken zwei Kugelzinnen, die eine von einem Wetterhahn, die zweite von einem Kreuz gekrönt", ist im Heimatbuch "Wellingen Die Geschichte von Ortschaft und Kirchle" von Dr. Gerhard Hergenröder nachzulesen.

Die Glocken von Wellingen untrennbar mit dem alten Uhrwerk verbunden sind bis heute etwas Besonderes geblieben. Lina Schanbacher war ein Original. Lange Zeit war sie eine nicht ersetzbare Person, denn sie war die Glöcknerin von Wellingen. Ihr Leben scheint heute kaum vorstellbar. Tägliche Anwesenheit war Pflicht, denn der Glockenstrang musste um 12 und um 16 Uhr, im Winter schon um 15 Uhr gezogen werden. Dazu kamen noch die Beerdigungen. Jeden Wellinger, "au de Kadohlische ond de Godlose", wie sie einmal erzählte, begleitete sie durch ihre Glocken auf seinem letzten Weg. Zusätzliche Arbeit gab es beim Kirchläuten an Sonn- und Feiertagen, Bibelstunden oder Hochzeiten. Dabei gingen die Uhren in Wellingen anders als in Notzingen. "Bei ons isch seid jeher scho fünf vor zwölfe zwölfe", sagte die damals 82-Jährige, noch im Dienst stehende Lina Schanbacher. Dieser Vorsprung wurde auch beim Kirchenläuten eingehalten. Allerdings dürfte dies nur den Wellinger Kirchgängern genutzt haben, die motorisiert oder mit dem Fahrrad den Berg hinabsausten, um rechtzeitig in der Jakobuskirche in Notzingen sein zu können. Selbst im hohen Alter fiel der Glöcknerin das Läuten nicht schwer. Nicht aber so einem Besucher, der unbedingt den Glockenstrang betätigen wollte. Dieser Mann sei "em ganza Turm romkomma" und habe "a bös Gschäddr" verursacht.

Anwesenheitspflicht in Wellingen gilt auch heute noch für ihren Sohn Albert Schanbacher wenn auch nicht mehr ganz so streng wie bei seiner Mutter. Einmal am Tag muss er das alte Uhrwerk aufziehen. "Ich war oft beruflich unterwegs, konnte also nicht die Glocken pünktlich läuten", erzählt Albert Schanbacher. Als seine Mutter weit in den Achtzigern war, hatte er 1985 von ihr das Amt übernommen und damit eine neue Ära eingeläutet. Seit dieser Zeit werden die Glocken elektrisch betrieben, nicht aber die Uhr, die liebevolle Behandlung fordert. Für Albert Schanbacher gehört die Uhr zum Leben. Der Gang über die Straße ist selbstverständlich, ebenso das Gießen der Blumen im Sommer. Steht ein Tagesausflug an, wird die Uhr eben entsprechend früher aufgezogen. Um für Eventualitäten gerüstet zu sein und auch einmal mehrere Tage am Stück von Wellingen fortbleiben zu können, hat sich eine Tochter bereitgefunden, dieses verantwortungsvolle Amt zu übernehmen. Sie weiß um die Eigenheiten des alten Uhrwerks, als ihr ein weithin hörbares Missgeschick passierte. Durch das Aufziehen der Uhr werden die Gewichte nach oben gezogen. Weil sie den falschen Zeitpunkt für diese Arbeit wählte, schlug die Glocke Viertel, Halber, Dreiviertel und Ganz solange, bis die Gewichte wieder unten waren. "Man darf die Uhr nie kurz vor dem Läuten aufziehen, das mag sie nicht", erklärt Albert Schanbacher.

Doch das Wellinger Kirchle beherbergt nicht nur den Glockenturm und das Heimatmuseum sondern eine weitere Besonderheit: Hinter dem Turm ragt aus dem Dach ein großer Schornstein heraus und verrät das Backhaus. Dieses Kuriosum inspirierte den Notzinger Heimatdichter Otto Kälberer zu einem Gedicht, in dem es unter anderem heißt: ". . . doch wird drin nicht gebetet, als Backhaus ist's bekannt. Dort gibt's die guten Dätscher und auch das Bauernbrot". Auch anlässlich zur Glockenweihe im Juni 1949 verfasste er ein mehrstrophiges Gedicht.