Lokales

Markt für "pflegeleichte" Einheitsgräber?

"Wir sind ein Dienstleister, der das bietet, was die Bürger wollen." Mit dieser Feststellung begründete Dettingens Bürgermeister Rainer Haußmann in der jüngsten Gemeinderatssitzung bei der Diskussion um alternative Bestattungsformen, warum die Gemeinde alles anbieten müsse "vom Luxusgrab bis hin zum Discountgrab".

ANDREAS VOLZDETTINGEN "Der Trend geht zur Urne", kommentierte Jochen Sokolowski, der Leiter des Technischen Bereichs der Gemeinde Dettingen, die Zahlen der zurückliegenden dreieinhalb Jahre: Seit 2002 gab es 73 Erd- und 71 Urnenbestattungen. Um diesem Trend gerecht zu werden, ist angedacht, auf dem Neuen Friedhof eine Urnenwand zu errichten. Auf Antrag der SPD-Fraktion im Dettinger Gemeinderat hat das Gremium nun erstmals die Möglichkeiten erörtert, den Wunsch der Bevölkerung nach einfachen Bestattungsformen bis hin zum anonymen Urnengrab mit dem Sparzwang im kommunalen Haushalt zu vereinbaren: So könnte der Alte Friedhof im Ortskern, zwischen Kirchheimer Straße und Eisenbahnstraße, reaktiviert werden, für anonyme Urnenbestattungen oder für "pflegeleichte" Gemeinschaftsanlagen.

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Landschaftsarchitekt Harald Fischer aus Reichenbach hat im Auftrag der Gemeinde ein Strukturkonzept für die mögliche Wiederbelegung des stillgelegten Friedhofs erstellt. Sein Fazit: "Der Weg ist in sehr schlechtem Zustand, einige Birken sind brüchig und überaltert." Fischer geht von einer Grundinvestition in Höhe von 30 000 bis 40 000 Euro aus, um die Voraussetzungen für neuerliche Bestattungen zu schaffen. Am besten scheint ihm dafür zunächst die Fläche entlang der Eisenbahnstraße geeignet zu sein. Von dieser Seite her sei der Alte Friedhof am besten erschlossen. Parkplätze und Wasserstelle sind vorhanden.

Investitionen würden in nächster Zeit auch bei einer reinen Parkanlage anstehen. "Der Alte Friedhof wird immer eine Grünanlage sein, die man unterhalten muss. Die Wegeverbindung braucht man ohnehin", erläuterte Harald Fischer und verwies zudem auf notwendige Maßnahmen, um die die Verkehrssicherheit aufrechtzuerhalten. Deshalb ist sogar an eine Beleuchtung für den schmalen Weg zwischen Kirchheimer Straße und Eisenbahnstraße gedacht. Die Frage, ob es Konflikte geben könnte, wenn sich die einen auf die Friedhofsruhe berufen und nächtliches Abschließen fordern, während andere den Weg als offenen Platz ansehen könnten, auf dem sich die Jugend trifft, beantwortete der Landschaftsarchitekt folgendermaßen: "Es gibt genügend Beispiele dafür, dass es geht. Ich sehe es sogar als eine Chance, über die Öffentlichkeit und die Beleuchtung eine bessere Überschaubarkeit und Kontrolle zu bekommen." Andernorts führten selbst öffentliche Radwege durch einen Friedhof, ohne dass dabei Probleme entstünden.

Auf dem Alten Friedhof in Dettingen sei Platz für 800 bis 850 Urnengräber vorhanden, rechnete Harald Fischer vor und fügte hinzu: "Es wäre unsinnig, auf dem Neuen Friedhof eine Anlage in dieser Größenordnung zu bauen." Die Wirtschaftlichkeit war für Bürgermeister Haußmann ein wichtiger Aspekt in der Diskussion. "Was bringt es uns, was sparen wir?" fragte er in die Runde. Sollte sich die Wiederbelegung des Alten Friedhofs mit Urnengräbern als finanzielles Risiko erweisen, würde er davon abraten.

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Zumutbarkeit für Angehörige, gegebenenfalls Gräber auf beiden Friedhöfen betreuen zu müssen. Wenn allerdings wie ursprünglich angedacht auf dem Alten Friedhof nur einheitlich gestaltete oder gar anonyme Urnengräber entstehen, dann gibt es dieses Problem überhaupt nicht. Schließlich besteht der Vorteil dieser alternativen Bestattungsformen darin, dass keine individuelle Grabpflege notwendig ist. Immer häufiger sind die Fälle, wo es keine Angehörigen gibt, die sich um das Grab kümmern können, oder wo die Verstorbenen vor ihrem Tod bekundet haben, niemandem mehr "zur Last fallen" zu wollen.

Die Rechnung, durch eine gezielte Wiederbelegung des Alten Friedhofs die Kosten für eine Urnenwand einzusparen, geht aber möglicherweise nicht ganz auf. So sagte der Experte Harald Fischer: "Die Urnenwand finde ich nicht uninteressant. Das ist ein wichtiger Baustein in der Bestattungskultur." Im Sinne der kommunalen Dienstleistungsfunktion könnte die Urnenwand also doch noch zur Aufgabe der Gemeinde Dettingen werden. Zuvor wäre es allerdings notwendig, die Wünsche der Bürger zu erfahren. Denn eines steht für Bürgermeister Haußmann fest: "Fatal wäre es, am Markt vorbei zu investieren."