Lokales

Markttreiben, Trompetenklänge und ein Besuch in der Glöcknerwohnung

KIRCHHEIM Der Geruch von Bratwurst mischte sich mit dem von Matjesheringen, der von Knoblauch mit dem von Blumen, frische Pilze verlockten zum Kauf, ebenso wie heimisches Gemüse und exotische Südfrüchte, Geflügel und Wurst.

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UTE FREIER

Doch Willi Kamphausen, Stadtführer und Rektor der Freihof-Grundschule, kam mit der 15-köpfigen Gruppe Interessierter nicht zum Einkaufen auf den Markt, sondern um sie über die Stadtgeschichte zu informieren. "Eine Führung zur Marktzeit" nennt Willi Kamphausen diese einmal im Jahr von der Kirchheim-Info angebotene Stadtführung, bei der es auch um die Entwicklung der Märkte geht.

"Schon früh wurde Kirchheim Marktstadt", erklärte Kamphausen. "Es gab Märkte für Kraut, Geflügel, Schweine, Pferde und für Wolle. Kirchheim war bis zum Ersten Weltkrieg der Hauptumschlagplatz für Wolle im süddeutschen Raum. Bis heute werden zahlreiche Märkte abgehalten: drei Wochenmärkte, ein Monatsmarkt und zwei Jahrmärkte, der Märzenmarkt und der Gallusmarkt." Wollten die Einwohner im Mittelalter ihren wöchentlichen Bedarf an Lebensmitteln decken, mussten sie innerhalb der Stadt längere Wege zurücklegen. Kraut gab es nur auf dem Krautmarkt, Produkte vom Schwein auf dem Schweinemarkt, Geflügel auf dem Geflügelmarkt.

Der heutige Marktbesucher hat es leichter: Gemüse, Geflügel und Wurst werden auf einem einzigen Platz feilgeboten, dem heutigen Marktplatz. Dieser freie Platz entstand erst durch den Stadtbrand im Jahr 1690. "Vor dem Stadtbrand stand hier das Rathaus", so Willi Kamphausen, "doch anschließend wurde 30 Jahre lang gestritten, wo man nun das Rathaus aufbauen dürfe. Die herzogliche Regierung war der Meinung, dieser Platz sollte freigehalten werden für den Fall, dass ein weiterer Stadtbrand ausbrechen würde." So gibt es heute einen großen Marktplatz mitten in der Stadt, während an der Stelle des mittelalterlichen Bürgerhauses das Rathaus steht.

Von dort her waren um Punkt 11.30 Uhr die Klänge eines Bläserquartetts zu hören. In vier Richtungen schickten die Bläser ihren Choral, zunächst in die Max-Eyth-Straße in Richtung Ötlingen, dann in die Marktstraße, in die Max-Eyth-Straße in Richtung Bastion und zuletzt in Richtung Friedhof, zu Ehren der Toten. Jeden Samstag zur Marktzeit findet dieses so genannte "Abblasen" statt, das im späten Mittelalter weit verbreitet war und für Kirchheim im Jahr 1524 erstmals urkundlich erwähnt wird. Das Blasen von Chorälen von Kirch- und Rathaustürmen war damals Aufgabe der Stadtpfeifer und ist inzwischen in den meisten Orten längst eingestellt worden. In Kirchheim jedoch führt die Stadtkapelle diese Tradition unter der Leitung von Heribert Diemer fort. Von zehn Freiwilligen, die sich dazu bereit erklärt haben, steigen jeweils vier, meist zwei Trompeter und zwei Posaunisten, samstags die 111 Stufen zum Rathaus-Umgang hinauf, um zu blasen.

Andere Klänge sind zur Marktzeit in der Martinskirche zu hören. Seit einigen Jahren spielen hier im Juli und August jeweils samstags um 11 Uhr auswärtige Organisten. "Man kann sich das gesamte Programm anhören, aber auch nur einige Stücke vor oder nach dem Marktbesuch", so der Vorschlag von Willi Kamphausen. Beim Zuhören lässt sich mit Muße auch die Kirche betrachten, deren Langschiff beim Stadtbrand teilweise ausbrannte, doch innerhalb von zwei Jahren wieder aufgebaut wurde. "An Weihnachten 1692 konnten hier schon wieder zwei Kinder getauft werden", berichtete Kamphausen.

Den Stadtbrand unbeschadet überstanden hat der spätgotische Chor, ausgebrannt war aber auch der Kirchturm, der im Mittelalter wesentlich höher aufragte. Sein heutiges Gesicht bekam er um 1540, als Kirchheim zur Landesfestung ausgebaut wurde. Herzog Ulrich von Württemberg ließ den Kirchturm auf die Höhe des Langhauses abtragen und mit einer Plattform versehen, sodass er als Wehr- und Wachturm genutzt werden konnte.

Wie weit der Ausblick von diesem Umgang in 27,5 Metern Höhe ist, davon konnten sich die Teilnehmer am Ende der Stadtführung selbst nach Erklimmen der mehr als 100 Stufen überzeugen. "Hannibal" und Stuttgarter Fernsehturm waren ebenso gut zu sehen wie der Albtrauf mit Hohenneuffen, Teck und Limburg. Zu Füßen breitete sich die Altstadt aus. Aus der Vogelperspektive waren nochmals die markantesten Gebäude der Stadt zu überblicken: Das Max-Eyth-Haus, eines der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt, das Kornhaus, erbaut als Lagerhaus, das Spital, im Mittelalter Wohnort sowohl unverheirateter adliger Frauen als auch verarmter Bettler, und das Rathaus mit seiner prägnanten "welschen Haube".

Erkennen ließ sich auch der Plan der einstigen mittelalterlichen Stadt: die Kreuzung der beiden wichtigsten Straßen, der Marktstraße und der Max-Eyth-Straße, am heutigen Rathaus. Ein solches Straßenkreuz gilt als typisch für Städte, die durch die Herzöge von Zähringen im 12. und 13. Jahrhundert gegründet wurden. "Kirchheim galt deshalb lange als Zähringerstadt", erklärte Willi Kamphausen, "doch die Zähringer waren nur bis zum Jahr 1218 in Kirchheim. Zur Stadt erhoben wurde Kirchheim aber erst um 1220/1230, und zwar durch die Herzöge von Teck. Das bedeutet, dass nur das Prinzip des Stadtgrundrisses von den Zähringern übernommen wurde. Dazu gehörte auch die geschwungene Hauptstraße. Sie verhinderte, dass man von einem zum anderen Stadttor schauen konnte, sodass der Eindruck entstand, die Stadt sei größer als sie in Wirklichkeit ist."

Erahnen konnte man vom Kirchturm aus auch den Verlauf der mittelalterlichen Stadtbefestigung, des doppelten Mauerrings mit Graben und Wall, heute der baumbestandene Alleenring. Diese Wehranlage wirkte während des Stadtbrands wie eine Barriere. Das Feuer konnte sich nicht nach außen ausbreiten und wütete in den Straßen. Nur außerhalb der Mauern stehende Gebäude wurden von den Flammen verschont, etwa das Alte Haus, im 16. Jahrhundert Bauhütte Herzog Ulrichs, und das Hauptgebäude des Frauenklosters, das heutige Finanzamt.

In dieser Aussichtslage Kaffee zu trinken, das war der Familie des Glöckners vergönnt, der bis 1959 auf dem Martinskirchturm wohnte und seinen Dienst versah. "Zwischen sechs Uhr morgens und neun Uhr abends mussten wir jeweils die volle Stunde nachschlagen, nachdem die Rathausglocke geschlagen hatte. Hier sieht man noch das Loch, da ging ein Seil hindurch, an dem war ein Hammer befestigt. So konnten wir von der Stube aus mit dem Hammer auf die Glocke schlagen", erzählte eine Angehörige der Familie Herion, der letzten Glöcknerfamilie.

In der nur wenige Quadratmeter großen Wohn- und Schlafstube wohnte das Ehepaar Herion mit seinen fünf Kindern. Sie kochten in einer winzigen Küche nebenan. Holz, Kohle und Lebensmittel zogen sie in einem Korb mit Hilfe eines Krans hinauf. Hier oben wurde eine Tochter geboren, wurden Geburtstagsfeste gefeiert und fand sich auf dem Umgang selbst noch Platz für einen Hasenstall. Heute steht die Stube verwaist und ist nur im Rahmen weniger Stadtführungen zu besichtigen.