Lokales

Marmorne Murmeln aus dem Seebach als "Botschafter für die Region"

NEIDLINGEN Im sprudelnden Seebach auf der Höhe Gießenstraße 1 in Neidlingen, drehen sich vor einer Bogenbrücke munter vier Mühlräder. Unter ihnen werden zurechtgehauene Marmorstücke zu perfekt

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RENATE SCHATTEL

runden Murmeln geschliffen. Die im Laufe des Jahres von Agraringenieur Stefan Metzler konstruierte und erbaute Kugelmühle, ist in ihrer Art eine Rarität, gibt es doch im gesamten Bundesgebiet nur noch in Berchtesgaden eine Kugelmühle, die dort ein touristischer Anziehungspunkt ist.

Stefan Metzler baute die Neidlinger Kugelmühle in eine betonierte Staustufe im Bach. Vier Rinnen führen von ihr ab, die jeweils ein Malwerk betreiben. Unter den Mühlrädern liegt ein flacher Malstein, in den der Ingenieur konzentrische Rillen eingemeißelt hat. "Auch die hölzernen Drehteller haben passgenaue Rillen", erklärte er bei einer Besichtigung. Zwischen Drehteller und Malstein laufen zurechtgehauene Marmorsteine im Kreis, sich selbst spiralförmig drehend. Angetrieben werden die Mühlräder durch das Seebachwasser. Die Marmorrohlinge brauchen etwa einen Tag, bis sie sich kugelrund abgelaufen haben. "Auf den Kugeln lässt sich jetzt die innere Struktur des Marmors in seinen unterschiedlichen Ausprägungen sehen", freut sich der Kugelmüller.

Die Marmorbruchstücke sammelt er auf der Schwäbischen Alb rund um Neidlingen, Ochsenwang und Gosbach und schneidet sie maßgenau zurecht. "Die Schwäbische Alb hat außergewöhnliche Bodenschätze, so liegen riesige Schichten feinsten Marmors in den Gesteinsschichten, die früher für Bildhauerzwecke gewonnen und bis nach England verschifft wurden", erzählt er. Lampenfüße und zahllose Kleingegenstände seien daraus gedrechselt worden. Heute werde der Marmor von der Alb nur noch verschottert. Der Agraringenieur hat die Rillen in den verschiedenen Malwerken so geschliffen, dass er Murmeln in drei verschiedenen Größen herstellen kann und diese als "Botschafter für die Region" verkaufen will. Jeden Abend ist er vor Ort, "erntet" seine geschliffenen Kugeln und legt neue Rohlinge nach. Bei dieser Gelegenheit erklärt er Interessierten die technische Anlage der Kugelmühle. Zu Hause muss er die neu gewonnenen Murmeln noch mit Schleifpapier bearbeiten, damit sie in vollem Glanz erstrahlen.

Auf die Idee, selbst eine Kugelmühle zu bauen, kam Stefan Metzler bei einer Wanderung durchs Berchtesgadener Land und der Besichtigung der dortigen Mühle. Die 1683 gegründete Marmorkugelmühle produzierte bis zu 500 Tonnen Murmeln jährlich und exportierte das Kinderspielzeug nach West- und Ostindien. Bald entstanden weitere Kugelmühlen. Für die Bergbauern war der Gewinn aus den bis ins 19. Jahrhundert bestehenden 40 Kugelmühlen ein willkommenes Zusatzeinkommen. Bedingt durch Religionsverfolgungen wanderten viele Kugelmüller bis in den Thüringer Wald aus und betrieben auch dort wieder Kugelmühlen. Heute sind außer der Berchtesgadener Mühle kaum noch technische Anlagen dieser Art erhalten.

So machte sich der Weilheimer Agraringenieur auf, im Land der "Tüftler und Denker" ein geeignetes Plätzchen für seine Konstruktion zu suchen, und wurde in der Gemeinde Neidlingen fündig. Bürgermeisteramt, die Untere Naturschutzbehörde im Landkreis Esslingen und das Regierungspräsidium Stuttgart erstellten ihm die erforderlichen Genehmigungen und er konnte im Seebach anfangen zu bauen. Nach einer intensiven Testphase präsentierte Stefan Metzler nun seine Produktion der Öffentlichkeit: Die Reußensteingemeinde ist um eine Attraktion reicher geworden.

Dass die Kugelmühle zugleich ökologisch eine positive Wirkung auf den Organismenbereich und die Selbstreinigungskraft des Wassers hat, erfreut den Hobbymüller besonders. Durch die Verwirbelung auf den Flügelrädern wird das Bachwasser zusätzlich mit Sauerstoff angereichert, die Wassermenge bleibt ausgeglichen. Die Anlage benötigt keinerlei Schmiermittel, denn sie ist aus Naturstein und Holz gebaut, die Befestigungsteile bestehen aus Stahl.

INFODie Neidlinger Kugelmühle im Seebach ist jederzeit zu besichtigen, der Kugelmüller ist jeden Tag ab 18 Uhr vor Ort.