Lokales

Massive zeitliche und nervliche Belastung

Im übertragenen Sinne hat das Thema G 8 schon viel Bauchschmerzen verursacht bei Politikern ebenso wie bei Lehrern, Eltern und Schülern. Dass die Fünft- und Sechstklässler auch tatsächlich verstärkt mit Bauchweh auf die Anforderungen des G-8-Schulalltags reagieren, ist eines der Ergebnisse aus der Fragebogenaktion der SPD-Landtagsabgeordneten Carla Bregenzer.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Flächendeckend hat das G-8-Zeitalter in Baden-Württemberg im Schuljahr 2004/2005 für die damaligen Fünftklässler begonnen. Die Klagen über die Mehrbelastung der Kinder haben allerdings mit zeitlicher Verzögerung eingesetzt. Der Grund dafür: Erst in Klasse 6 unterscheidet sich das neue achtjährige Gymnasium fundamental vom alten neunjährigen. Bislang hatten die Schüler zwei Jahre Zeit, um sich an die neue Schule, die neue Klasse, neue Lehrer, neue Fächer und neue, meist längere Schulwege zu gewöhnen. Erst in Klasse 7 sahen sie sich dann mit weiteren neuen Fächern konfrontiert der zweiten Fremdsprache und Geschichte. Jetzt befinden sich die beiden Fächer, und damit auch zusätzliche Unterrichtsstunden, schon auf den Stundenplänen der Sechstklässler.

Seit diesem Schuljahr haben die Eltern von Sechstklässlern folglich eine "massive Belastung" ihrer Kinder registriert, stellte Carla Bregenzer gestern während eines Pressegesprächs in Kirchheim fest. Nachdem die SPD-Landtagsabgeordnete sich bereits in etlichen Diskussionsveranstaltungen mit den Problemen der Eltern vertraut gemacht hatte, startete sie am 20. Januar eine Fragebogenaktion: An den vier allgemeinbildenden Gymnasien im Wahlkreis Kirchheim ließ sie 1 100 Umfrageformulare verteilen. Bis gestern hatten sie und ihre Mitarbeiterin Sabine Fohler 293 Bögen ausgewertet. Die Rücklaufquote liegt also bei über 25 Prozent Tendenz steigend, weil immer noch Antworten eingehen.

Für eine Umfrageaktion ist eine solche Quote als enormer Erfolg zu werten, sagt Carla Bregenzer: "Unser Fax ist oft schon morgens um halb acht belegt. Manche Eltern haben den Bogen dann mit der Post geschickt oder eingescannt und als E-Mail weitergeleitet." Dieser Aufwand zeige, dass das Thema die Eltern bewegt: "Es gab ja nichts zu gewinnen. Den Gewinn haben die Eltern erst, wenn sich für ihre Kinder etwas ändert."

Die Auswertung der bisher aufgelaufenen Fragebögen bestätigt die Annahme, dass die Sechstklässler noch stärker von den G-8-bedingten Zusatzbelastungen betroffen sind als die "Fünfer". Die zeitliche Beanspruchung der Fünftklässler wird zu 46 Prozent als "angemessen" und zu 52 Prozent als "zu hoch" eingestuft. Bei den Sechstklässlern gibt es da eine deutliche Verschiebung: Nur noch 29 Prozent entfallen auf "angemessen" und 69 Prozent auf "zu hoch". Halten in der 5. Klasse 40 Prozent der Eltern den Umfang des Unterrichtsstoffs für "zu hoch", so sind es in der 6. Klasse sogar 58 Prozent.

Dass für Freizeitaktivitäten zu wenig Zeit bleibt, denken in beiden Klassenstufen mehr als zwei Drittel der Umfrageteilnehmer. Hingegen gaben 84 Prozent an, dass die Sechstklässler ihre sportlichen oder musikalischen Vereinsaktivitäten mehr oder weniger stark reduzieren mussten. Bei den Fünftklässlern sind davon bislang "nur" 70 Prozent betroffen. Körperlich reagieren viele Kinder nach Angaben auf den Fragebögen mit Schlafstörungen, Unwohlsein und sonstigen Auffälligkeiten auf den erhöhten Stress. "Keine Probleme" wurden in 51 Prozent der Fragebögen bei den "Fünfern" gemeldet, bei den "Sechsern" dagegen nur noch in 44 Prozent.

Was die einzelnen Schulen betrifft, so haben Carla Bregenzer und Sabine Fohler beim Schlossgymnasium sowie bei den Gymnasien in Wendlingen und Plochingen vergleichbare Ergebnisse festgestellt. Das Ludwig-Uhland-Gymnasium hob sich davon etwas ab. Für Carla Bregenzer steht deshalb fest: "Die Schulen können selbst sehr viel organisieren. Offensichtlich haben die Eltern am LUG den Eindruck, dass es dort besser organisiert ist. Aber richtig zufrieden sind sie auch nicht." Viele Eltern und auch manche Schüler nutzten die Möglichkeit, persönliche Kommentare auf dem Fragebogen unterzubringen. Darin beklagen sie sich über die zeitliche und nervliche Belastung für Kinder und Eltern, über zu große Klassen, zu schwere Schulranzen und zu langes Sitzen. In einem Fall hieß es: "Ich bekomme Bauchweh, wenn ich daran denke, wenn er in die 6. Klasse kommt."

Carla Bregenzer verschweigt nicht, dass es auch einzelne positive Reaktionen gab. Außerdem ist sie keinesfalls für die Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums. Es sei internationaler Standard, die Hochschulreife früher zu erwerben. Um aber die Probleme mit G 8 zu minimieren, fordert sie, dass die Stofffülle weiter reduziert wird. Außerdem sei der Stoff der wegfallenden 7. Klasse stärker auf die Klassen 8 und 9 zu verteilen als auf 5 und 6. Und schließlich müsse die Ganztagsschule überall konkret umgesetzt werden und vor allem Möglichkeiten der Hausaufgabenbetreuung anbieten.

Selbst die Regierung sei jetzt bereits am Umdenken. Das geplante Vorziehen der zweiten Fremdsprache auf Klasse 5 stehe schon zur Diskussion, und frei werdende Lehrerstellen sollten auch bei sinkenden Schülerzahlen vorerst nicht wegfallen, sondern zur Verbesserung der Unterrichtssituation und der Betreuung genutzt werden. "Wichtig ist, dass die Elternproteste auch Erfolg haben. Sie tun nachfolgenden Kindern und Eltern etwas Gutes", sagt Carla Bregenzer. "Ich bin froh, dass sich die Eltern so engagiert haben. Wenn viele sich zusammentun, bewegt sich auch was."