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Mehr Hilferufe von Familien denn je

Streit um Erziehungsfragen, Magersucht, Schulverweigerung es sind handfeste Probleme, mit denen es die sechs psychologischen Beratungsstellen im Kreis Esslingen zu tun haben. Dass die Zahl der Hilfesuchenden zugenommen hat, machte Roland Kachler, der Leiter der Beratungsstelle des Evangelischen Kirchenbezirks Esslingen im Jugendhilfeausschuss des Kreistags deutlich.

ANKE KIRSAMMER

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KREIS ESSLINGEN Bundesweit steigt der Beratungsbedarf, und die Entwicklung macht auch vor dem Kreis Esslingen nicht halt. Die sechs psychologischen Beratungsstellen in Trägerschaft des Landkreises oder in freier Trägerschaft wurden im vergangenen Jahr in 3 645 Fällen von etwa 6 600 Menschen zu Rate gezogen. "Die Lebenswelt ist komplexer, schwieriger geworden", betonte der Diplompsychologe Roland Kachler. 50 bis 60 Prozent der Fälle, mit denen es die Beratungsstellen zu tun hätten, seien mittelbare Folgen von Trennungen oder Scheidungen. Als akutes Thema bezeichnete er Selbstverletzungen. Häufig gehe es darum, Jungen Grenzen zu setzen. "Anleitung zur Konsequenz", das sei großteils die Aufgabe der Experten.

Sexuelle Gewalt, allein Erziehende, denen die Probleme mit ihren Sprösslingen über den Kopf wachsen, magersüchtige oder aggressive Kinder, Konflikte mit Stiefkindern, Familien, die wegen Erziehungsfragen auseinanderbrechen, Schulverweise. In seinem eindrücklichen Bericht tippte Roland Kachler ganz verschiedenartige Fälle an, mit denen Fachleute in den psychologischen Beratungsstellen zu tun haben. "Anlass für Beratungen geben oft schwerwiegende Krisen", sagte Roland Kachler. An Kristallisationspunkten würden häufig wichtige Weichen gestellt. Weil psychologische Beratung frühzeitig einsetze und die Kindheit maßgeblich für den späteren Lebensweg sei, handle es sich zweifellos um kostengünstige Prävention. Auf Grund der zahlreichen Anfragen würden in 60 Prozent der Fälle lediglich noch ein bis fünf Gespräche stattfinden. "Wir verstehen uns als Knotenpunkt zu anderen Beratungsstellen und verweisen rasch weiter." Das Problem: Die Wartezeiten bei Kinder- und Jugendtherapeuten betragen derzeit ein Jahr und mehr. Kooperiert wird auch mit Ärzten, Kindergärten und Schulen.

Letzteres unterstrich SPD-Kreisrätin und Lehrerin Solveig Hummel. "Für die Schulen sind die Beratungsstellen ein sehr wichtiger Partner." Stefanie Sekler-Dengler, Vertreterin der Jugendverbände, gab jedoch zu bedenken, dass die Beratungsstellen für Migranten-Familien eher ein hochschwelliges Angebot darstellten, was Roland Kachler bestätigte: "Sie kommen oft erst in der zweiten oder dritten Generation."

Trotz der im Rund unbestrittenen Notwendigkeit der psychologischen Beratungsstellen warnte Landrat Heinz Eininger davor, das Sparpaket wieder aufzuschnüren. In diesem Jahr wendet der Landkreis voraussichtlich knapp 2,1 Millionen Euro für die Beratung auf. Vorgesehen ist, in nächster Zeit über Fluktuation drei Personalstellen abzubauen. Von der Kürzung wird die Psychologische Beratungsstelle für Erziehungs-, Familien- und Lebensfragen der Paulinenpflege Kirchheim, eine der sechs Einrichtungen im Kreis, nicht betroffen sein. "Wir sind jetzt schon mit drei Stellen nicht sehr gut besetzt", sagte der Leiter Rolf Ebinger gestern auf Anfrage. Wie in den vergangenen Jahren haben sich die Diplompsychologen, Psychotherapeuten und Diplompädagogen der Paulinenpflege 2003 wieder um sieben bis acht Prozent mehr Fälle gekümmert als im Vorjahr. Besonders häufig suchten allein Erziehende Rat in Erziehungsfragen. "Psychisch und physisch haben sie oft die Belastungsgrenze erreicht", so Ebinger.