Lokales

Mehr Hilfesuchende und weniger Zuschüsse

Immer mehr Menschen wenden sich in ihrer seelischen Not an die Beratungsstellen des Arbeitskreises Leben (AKL) in Kirchheim und Nürtingen. 2004 verzeichnete der AKL 463 Anfragen, 39 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, die wichtige Arbeit zu finanzieren: Vor allem die Kürzung der Landeszuschüsse hat den Verein hart getroffen.

FRANK HOFFMANN

Anzeige

KIRCHHEIM Alle 47 Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch durch Suizid. Alle vier Minuten versucht jemand, sich das Leben zu nehmen. Die Zahlen des Hamburger Therapiezentrums für Suizidgefährdete werden viele überraschen. Das Thema Suizid wird in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend tabuisiert und daher auch unterschätzt. Tatsächlich sterben in Deutschland jedes Jahr mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Verkehrsunfälle, Drogen, Aids und Gewalttaten zusammen. 2003 beispielsweise wurden 11 150 Selbsttötungen registriert. Im gleichen Zeitraum starben 6 606 Menschen im Straßenverkehr. Im Kreis Esslingen nahmen sich im vergangenen Jahr nach Angaben der Polizeidirektion Esslingen 70 Personen das Leben, 2003 waren es 63.

Für Menschen in einer Lebenskrise und deren Angehörige oder Freunde ist der Arbeitskreis Leben mit seinen Beratungsstellen in Nürtingen und Kirchheim eine zentrale und überaus wichtige Anlaufstelle. Seit über 20 Jahren kümmern sich die hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter um Frauen, Männer und Jugendliche, die in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehen. Und es sind offensichtlich immer mehr, die auf Grund unterschiedlichster Umstände am Leben verzweifeln: 463 Menschen suchten 2004 die Hilfe des AKL, 39 Prozent mehr als im Vorjahr und nahezu doppelt so viel wie im Jahr 2000.

Zum einen ist diese deutliche Zunahme sicher auf die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und dem damit verbundenen Abbau der Schwellenangst zurückzuführen. Zum anderen registrieren die Mitarbeiter aber auch einen spürbaren Anstieg der Lebenskrisen auf Grund der anhaltenden Wirtschaftskrise. Schulden, die Angst um den Arbeitsplatz, die Arbeits-, Schul- oder Ausbildungssituation lassen immer mehr Menschen verzweifeln, erzählt Erika Myke, Geschäftsführerin des AKL Nürtingen-Kirchheim.

Auffällig ist zudem der anhaltend hohe Anteil der männlichen Suizidopfer. Von den 70 Menschen, die sich im vergangenen Jahr im Kreis Esslingen das Leben nahmen, waren 52 Männer. Umgekehrt ist das Verhältnis bei den Beratungsgesprächen: "Nur 27,1 Prozent der Hilfesuchenden, die 2004 zu uns kamen, waren Männer", sagt Erika Myke. Damit ist der Männeranteil gegenüber 2003 (34,3 Prozent) sogar noch gesunken und die Hoffnung, dass es Männer schaffen, offener mit ihren Problemen umzugehen, hat sich nicht erfüllt, bedauern Erika Myke und ihr Kollege Dr. Gert Döring. Auch bei den Ehrenamtlichen überwiegen die Frauen: Zum 35-köpfigen Team in der Krisenbegleitung gehören nur fünf Männer.

Wie wichtig die Arbeit des AKL ist, zeigt die ständig steigende Zahl an Anfragen. Das enorme Interesse dokumentiert außerdem, welch große Wertschätzung die Beratungsarbeit genießt. Der Ansturm bringt aber auch Probleme mit sich: "Wir müssen die zunehmende Arbeit mit dem gleichen Personal bewältigen", beschreibt Erika Myke das Dilemma, "gleichzeitig werden auch noch die Zuschüsse gekürzt." Vor allem die deutliche Reduzierung der Landeszuschüsse hat den Verein im vergangenen Jahr empfindlich getroffen. Dies hat zur Folge, erzählt Dr. Döring, dass der Arbeitsaufwand für die Verwaltung und vor allem die verzweifelte Suche nach neuen Finanzquellen deutlich zunimmt. Zeit, die dann zwangsläufig bei der Beratung fehlt. Jedes Jahr steigt der Anteil, den der AKL an Eigenmitteln aufbringen muss. Mittlerweile sind es 42 Prozent oder rund 70 000 Euro, die über Spenden, Veranstaltungen, Bußgelder oder Beiträge in die Kasse kommen müssen. Zuschüsse bekommt der AKL für seine Arbeit in Kirchheim und Nürtingen mit 2,5 Personalstellen vom Land, dem Landkreis und den Städten Kirchheim und Nürtingen.

Für die Suizidprävention Spendengelder zu aquirieren, ist keine leichte Aufgabe. Kaum eine Firma, die sich bereit erklärt, in diesem Bereich als Sponsor aufzutreten. Und so ist der AKL auch in diesem Jahr wieder auf viele Spenden angewiesen, um das eigene Überleben zu sichern und das bisherige Angebot aufrecht zu erhalten. Dabei ist eigentlich eine Aufstockung des Personals längst überfällig. Erika Myke und Gert Döring wissen einige Bereiche, in denen sie gerne mehr Aktivitäten entfalten würden. Beispielsweise sollte es speziell für Jugendliche weitere Angebote geben. Auch dringend notwendige Investitionen müssen wegen der Finanznot immer wieder verschoben werden.

INFOWer den Arbeitskreis Leben unterstützen möchte, kann eine Spende auf eines der folgenden Konten überweisen: Volksbank Kirchheim-Nürtingen, Konto-Nummer 501 818 006 (Bankleitzahl 612 901 20) oder Kreissparkasse Esslingen, Konto-Nummer 8 549 604 (Bankleitzahl 611 500 20). Darüber hinaus sucht der AKL weitere ehrenamtliche Mitarbeiter für die vielfältigen Angebote. Die Kirchheimer Krisenberatungsstelle des AKL ist im Bürgerbüro in der Alleenstraße 96 zu finden. Telefonisch sind die Mitarbeiter unter der Nummer 0 70 21 / 7 50 02 zu erreichen. Weitere Infos im Internet unter www.akl-nuertingen.de.