Lokales

Mehr Selbstbestimmung und Eigenständigkeit

Dass Menschen mit einer geistigen Behinderung bei entsprechender Betreuung ihren Alltag durchaus weitgend selbstständig meistern können, beweist die Kirchheimer Lebenshilfe seit vielen Jahren mit dem Projekt "Ambulant Unterstütztes Wohnen". Bislang nutzen dieses Modell fünf Frauen und Männer, in den kommenden Monaten sollen fünf weitere hinzu kommen.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM "So viel Selbstständigkeit wie möglich und so viel Unterstützung wie notwendig" lautet ein Grundsatz der Lebenshilfe. Statt die Menschen mit einer geistigen Behinderung in geschlossenen Heimen isoliert von der Außenwelt zu betreuen, will ihnen der Selbsthilfeverein ein weitgehend eigenständiges Leben inmitten der Gesellschaft ermöglichen. Dazu gehört auch eine eigene Wohnung. Seit nunmehr zehn Jahren bietet die Kirchheimer Lebenshilfe deshalb das "Ambulant Unterstützte Wohnen" an. Mittlerweile bewältigen fünf Frauen und Männer mit Handicaps ihren Alltag weitgehend selbstständig. Lediglich ein- bis zweimal pro Woche besucht sie eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe und gibt Hilfestellung bei den unterschiedlichsten Alltagsproblemen. In welchen Bereichen genau sie Unterstützung wollen, wird in einer schriftlichen Vereinbarung festgehalten und jährlich überprüft und neu definiert. Zudem bietet die Lebenshilfe einmal pro Woche einen Wohntreff an.

Von Anbeginn dabei und absolut zufrieden mit dem Modell ist Irma Kercher. Die 53-Jährige lebt seit zehn Jahren in einer eigenen Wohnung in Wendlingen, arbeitet in der Werkstatt der Lebenshilfe in Kirchheim und führt ein völlig "normales" Leben. Mit dem Zug fährt sie morgens nach Kirchheim und läuft vom Bahnhof zu ihrem Arbeitsplatz im Gewerbegebiet Kruichling, erledigt ihre Einkäufe, kocht, versorgt ihren Haushalt, plaudert mit den Nachbarn, bringt für ihren Hausarzt jeden Tag die Briefe zur Post und geht einmal pro Woche zur Rückengymnastik in den Sportverein. Ihr Alltag unterscheidet sich kaum von dem eines nichtbehinderten Nachbarn. Ein- bis zweimal pro Woche kommt Susanne Wiesinger von der Kirchheimer Lebenshilfe vorbei, begleitet Irma Kercher bei Arztbesuchen und ist zuverlässige Ansprechpartnerin bei allen großen und kleinen Problemen. "Diese Hilfe und die Sicherheit, dass ich Frau Wiesinger immer anrufen kann, wenn es Schwierigkeiten gibt, sind sehr wichtig für mich", sagt Irma Kercher. Davon abgesehen kommt sie in der Zwischenzeit aber problemlos alleine klar und empfindet das "Ambulant Unterstützte Wohnen" als ideale Lösung: "Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Nachbarn und fühle mich in meiner Wohnung sehr wohl."

Die Betreuungskosten werden in Form einer Leistungspauschale vom Esslinger Landratsamt direkt mit der Lebenshilfe Kirchheim verrechnet. Ansonsten erledigen die derzeit fünf Lebenshilfe-Schützlinge mit eigener Wohnung auch alle finanziellen Angelegenheiten weitestgehend selbstständig. Viele erhalten zusätzlich zu ihrem Lohn eine Grundsicherung und teilweise auch Wohngeld. Mit diesen Einnahmen müssen sie alle Ausgaben wie Miete, Telefon, Kleidung oder Lebensmittel begleichen. Das klappt in aller Regel, aber viel übrig bleibt am Monatsende nicht, und für einen Urlaub wenn sie ihn sich überhaupt leisten können müssen die Menschen mit Behinderung lange sparen.

Die insgesamt sehr positiven Erfahrungen mit dem betreuten Wohnen haben die Lebenshilfe ermuntert, diesen Bereich deutlich auszubauen. Diese Wohnform kommt auch den in den vergangenen Jahren deutlich verstärkten Bemühungen um eine weitestgehende Selbstständigkeit und Integration der behinderten Menschen sehr entgegen. Auch das Landratsamt als Kostenträger fordert und fördert den Ausbau des Ambulant Unterstützten Wohnens, zumal die Kosten gegenüber einer Heimunterbringung um rund 30 Prozent günstiger sind.

Seit einem Jahr sind fünf Männer und Frauen aus dem Wohnheim und den Außenwohngruppen der Lebenshilfe im "Trainingslager" und bereiten sich gezielt auf das Leben in den eigenen vier Wänden vor. Sobald geeignete Wohnungen gefunden sind, so Lebenshilfe-Geschäftsführer Gerhard Thrun, können sie einziehen. Da alle fünf berufstätig sind, sollten die Wohnungen möglichst zentral liegen oder gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sein.

Drei der fünf Aspiranten auf eine eigene Wohnung leben im Moment im Wohnheim in der Saarstraße. Sie sind die ersten Heimbewohner, die in die Selbstständigkeit "entlassen" werden. Für Gerhard Thrun ein überaus erfreulicher und zugleich spannender Prozess. Er ist zuversichtlich, dass alle diesen Schritt mit entsprechender Begleitung durch die Lebenshilfe-Mitarbeiter erfolgreich meistern und hat bereits weitere Kandidaten im Visier, denen er ebenfalls zutraut, dass sie mittlerweile weitgehend alleine zurechtkommen. "Bis Ende 2007", so Thrun, "rechne ich mit zwölf Plätzen im Bereich Betreutes Wohnen."