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"Mein Hyazinthenbeet, meine Sonne, mein Trauerspiel . . ."

KIRCHHEIM m Kommunikationszeitalter von Internet-Chatrooms und Handys scheinen "echte" Liebesbriefe, geschrieben mit Herzblut und schwarzer Tinte, verheult, verwischt, vertrocknet, vor allem für die heutige Jugend "tierisch out" zu sein und zum ver-

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RICHARD UMSTADT
staubten Antiquariat zu gehören. Dass sie dennoch nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben, konnten die Zuhörerinnen und Zuhörer am Freitagabend in der Kirchheimer Stadtbücherei bei der Premiere von "Es ist nur Tinte Briefe aus sieben Jahrhunderten von Liebenden für Liebende" unschwer feststellen. Die beiden Schauspieler Madeleine Giese und Rainer Furch schlüpften in ihrem nach "Symbadische Schwaben" und "Wie Windeswehen in gemalten Bäumen" dritten Programm in die Rolle der Liebenden und boten dem begeisterten, vorwiegend weiblichen Pub-likum ein unterhaltsames, vielstimmiges Hörspiel, brillant und einfühlsam begleitet am Klavier von dem Hamburger Konzertpianisten Thomas Rahlfs.


Liebesbriefe sind intim. Nicht für fremde Ohren bestimmt. Deshalb dachten die Liebenden auch nicht im Mindesten daran, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen. "Briefe haben Seelen, können sprechen, . . ." schrieb bereits im 12. Jahrhundert die Schülerin Heloise an ihren Lehrer, den scholastischen Philosoph Peter Abaelard. In der Tat. Briefe verraten viel über den Charakter und die Gemütsverfassung des liebeskranken Schreibers, beziehungsweise der sich in Liebesqualen windenden Schreiberin. Sie glauben ohne den Anderen nicht existieren zu können, beten ihn an, setzen Himmel und Erde in Bewegung, sehnen sich nach dem Geliebten, wie etwa Johanna von Puttkamer, die sich 1847 wünschte: "Ach, könnt ich mich doch selbst in dieses Kuvert legen. . .", um möglichst rasch ihren späteren Gatten Otto Graf von Bismarck wiederzusehen.


"Du, mein Hyazinthenbeet, Sonne meines Lebens, mein teurer Sünder, mein Trauerspiel. . ." himmelte 1810 Heinrich Kleist seine Geliebte, Henriette Vogel, an. "Du Süßer, Süßer, Süßer, Süßer, Süßer. Ich habe keine Ausdrücke, wie voll ist mein Herz. . .", gestand Meta Moller 1752 ihrem geliebten Friedrich Klopstock. Und der irische Dichter Dylan Thomas versprach 1934 seiner Angebeteten, "wir werden so glücklich leben wie zwei Hummer im Topf, wie zwei Mücken auf meinem Bizeps. . .". Dagegen wetterte Napoleon Bonaparte 1796 "Ich hasse Dich, Du bist so verdorben, so dumm. Aschenputtel. . . . Was tun Sie den ganzen Tag, Madame?" eifersüchtelte der Feldherr mit seiner Josephine. Einen tiefen Einblick und Ausblick auf ihr Äußeres gewährte 1698 Liselotte von der Pfalz nicht nur ihrer besten Freundin, sondern durch den Erhalt ihres Briefes auch der Öffentlichkeit: "Ich bin so hässlich durch die Kindsplattern . . ." Ihre Taille beschreibt sie als monströs, ihre Nase sitze schief, die Backen seien platt und die Zähne verschlissen. Welch ein Geständnis?


Ob nun Che Guevara oder Ulrike Meinhof ihren Kindern schreiben, Leni Riefenstahl Adolf Hitler für den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris dankt, Fjodor Dostojewski um Geld für sein Glücksspiel bittet, "Wolferl" Amadeus Mozart schweinigelt, Anais Nin mit Henry Miller "bestimmte Dinge" tun will, Camille Claudel wegen Auguste Rodin splitternackt schläft, Georg Büchner sich nach einem Brief seiner Braut sehnt, oder Jeanine von Westphalen ihr "Herzchen" Karl Marx um Spitzen bittet und Simone de Beauvoir ihrem Jean-Paul Sartre "100 Küsse für den kleinen Mann" sendet es ist eben nicht nur Tinte.


In den Briefen spiegeln sich Komödien und Tragödien unseres Lebens. Wobei Madeleine Giese und Rainer Furch für ihr drittes Programm hauptsächlich Liebesbriefe bekannter Persönlichkeiten der Zeitgeschichte auswählten. Man kann jedoch davon ausgehen, dass nicht nur sie die Feder ins Tintenfass tauchten. Freilich, im 21. Jahrhundert dürfte dies nur eingeschworenen Romantikern vorbehalten sein. Heutzutage greifen Verliebte eher zum Handy und tun ihre Wünsche per SMS kund: "Hast Du Bock heute Abend? Dein Schwarzwald-Elch" "Bin ganz wild darauf! Dein Bienchen".


Von derlei Kommunikation wird außer Spesen nichts übrigbleiben.

"Es ist nur Tinte": Die Schauspieler Madeleine Giese und Rainer Furch zitierten aus zahlreichen Briefen von Liebenden für Liebende.