Lokales

Menschliche Tragödien und Schmonzetten

MÜHLHAUSEN Da ist die Geschichte von Veronika, die sich auf der Alb vorkam wie am Ende der Welt. Mit ihren knapp 40 Jahren hatte sie als Truckerin genügend erlebt. Aber das war dann doch zu viel. Die Straße wurde immer schmäler und steiler und sie hatte Mühe, ihren 40-Tonner vorwärts zu bringen. "So, das war's jetzt", dachte sie, als der Teer dem Schotter wich. Die Straße war hier zu Ende und irgend etwas musste schief gelaufen sein. Auf der Wegbeschreibung stand doch Stuttgart-Aichelberg, dann Richtung München. Sie fuhr in Aichelberg von der Autobahn ab und suchte die Richtung nach München. Das Schild "Sackgasse" und "Keine Wendemöglichkeit für Lkw" hatte sie zwar passiert, aber nicht wahr genommen. Es wäre doch besser gewesen auf der Autobahn zu bleiben und dort einfach gerade aus weiter zu fahren. So war die Hilfe eines Bergungsunternehmens fällig, um den in die Sackgasse gefahrenen 40-Tonner wieder auf die richtige Strecke zu bringen. Veronika war dazu nicht mehr in der Lage.

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Zu helfen wusste sich dagegen eine französische Gruppe, die mit einer Fahrzeugpanne liegen blieb. Ein heißer Tag, gut 30 Grad im Schatten, die Sonne brutzelte gnadenlos vom Firmament. Mindestens zwei Stunden sollte es dauern, bis ein Hilfsfahrzeug kommt, meinte der Mann am Telefon. Gut, dachten sie sich, wenn schon warten, dann ohne Stress. Und so begannen die Franzosen damit, einen Pavillon aufzustellen. Zwei mal zwei Meter, mit weißer Plane. Direkt neben der Autobahn. Tischchen raus, Klappstühle dazu und aus dem bordeigenen Kühlschrank einen exakt temperierten Chablis gereicht. "Du musst das Leben genießen, jammern hilft nicht weiter," meinten sie übereinstimmend.



Was eine gute Idee in einer prekären Situation wert ist, erfuhr Annabell. Warten wäre nicht gut gewesen, sonst hätte sie die Kirschen weg werfen können. Sie war auf dem Wochenmarkt, doch es wollte nicht so richtig laufen an diesem Tag. Es regnete in Strömen, die Leute blieben zuhause und sie auf ihren Kirschen sitzen. Was tun? Sie bot die Ware auf einem Autobahnparkplatz an und die Leute rissen ihr die roten Perlen förmlich aus den Händen. Die Polizei allerdings winkte ab. Auf Autobahnparkplätzen Waren anzubieten und zu verkaufen ist nämlich verboten.



Dass Not erfinderisch macht und manche Menschen um eine Ausrede nie verlegen sind, bewies Carlos. Er hatte auf seinem Anhänger einen wunderschönen Maserati. Leider war er zu schwer für den Anhänger. 600 Kilogram hätte er abspecken müssen, um Idealgewicht zu haben. "Und ich sag noch, er soll den Wagen nicht voll tanken. 90 Liter verbleites Super gehen in die Karre rein, was glauben Sie, was das wiegt," meinte er. "Hätt' der nicht getankt, hätt's vermutlich gereicht mit dem Gewicht."



Nicht das Gewicht war bei einem Trucker aus der Alpenrepublik das Problem, sondern sein Sattelauflieger. Auf den ersten Blick schien alles in bester Ordnung. Doch dem scharfen Auge der Gesetzeshüter entging nichts. Irgend'was mit dem Kennzeichen stimmte nicht. Es war kunstvoll ausgeschnitten und mit einer beklebten Folie versehen. Offensichtlich sollte der Anschein eines normalen Nummernschilds erweckt werden. "Mei, mir ham des richtige Kennzeichen verloren und deshalb einfach 'ne Folie gemacht", erklärte der Trucker. Die Beamten überprüften die Angabe und siehe da, es wurde in seinem Heimatland tatsächlich eine Anzeige über den Verlust eines Kennzeichens gemacht. Doch lautete dieses komplett anders. Der Sattelauflieger war gar nicht zugelassen. Die Mühe des Scherenschnitts hatte sich nicht gelohnt.



Immer wieder müssen die Gesetzeshüter feststellen, dass in Klischees doch ein Körnchen Wahrheit steckt. Auf der Alb hatte es tagelang geschneit. Die Landschaft glich einem einzigen Wintermärchen. Für die Abgesandten aus dem großen Ballungsgebiet am Neckar freilich war's eher ein Albtraum. Sie standen mit ihren wunderschönen Vehikeln, einem DC 420 CDI und einem Porsche, namens Cheyenne, in einer Pannenbucht der Autobahn und unterhielten sich wild gestikulierend. "Sie, eigentlich wollten wir ja mit den Kiddis zum Schlitten fahren nach Westerheim. Aber hier hat's ja überall Schnee auf den Straßen. Da ist ja nix geräumt, nix sauber. Müssen wir erst mal überlegen, was man tun kann," erklärten sie auf Befragen eines Polizeibeamten. Bei einem Blick auf die Bereifung ihrer Transportmittel wurde dem rasch klar, woher ihre Verunsicherung rührte. Schöne, breite Reifen, die richtig was her machten, bestens für sommerliches, trockenes Wetter geeignet, mit einem Hauch von Profil. "Das beste wird sein, wir fahren wieder heim", meinte einer der Chauffeure, "es konnte ja auch niemand damit rechnen, dass es hier oben Schnee auf den Straßen hat!"



Jürgen Horn hielt in seinem alternativen Polizeibericht jedoch nicht nur skurile Geschichten, beziehungsweise Episoden zum Schmunzeln, fest. Die Beamten erlebten auch menschliche Tragödien, Beziehungskrisen sowie Männer und Frauen mit Alkoholproblemen, wobei der Spitzenwert bei den Männern bei 3,2 Promille lag und der der Frauen bei 2,3 Promille.



Darüber hinaus macht der Polizeibeamte auf ein Thema aufmerksam, das in der Öffentlichkeit weniger bekannt ist, aber dennoch ein Problem darstellt, nicht nur für die Gesetzeshüter. Toilettenanlagen auf Autobahnparkplätzen sind notwendige und sinnvolle Einrichtungen, die allen das Leben erleichtern sollen. Das tun sie auch, wenn sie benutzbar sind. Immer häufiger kommt es jedoch vor, dass man gerade noch den Parkplatz erreicht und dann vor verschlossenen Türen steht. Und fast immer sind es die Damentoiletten. "Kein Zufall", sagt der erfahrene Polizist, "sondern Absicht". Nicht Frauen manipulieren an den Türschlössern, sondern in der Regel sind es männliche Wesen. Allerdings lassen diese sich nicht klassifizieren. "Es ist nicht der ältere, gelangweilte, schmuddelige Mann, der die Türen verschließt und im Gebüsch lauert, um seine Fantasie und deren Anhängsel zu befriedigen. Es ist auch nicht der unscheinbare, kleine, dickliche und verklemmte Mann, der es nie geschafft, hat Fuß zu fassen. Es könnte jeder sein. Auch der Enddreißiger, verheiratet, zwei Kinder, angesehener Job, gutes Gehalt, lebte seine Abartigkeiten auf diese Art und Weise schon aus. Bestens ausgestattet mit Nachtsichtgerät und Infrarot-Videokamera", weiß Polizeihauptmeitser Jürgen Horn. "Diese Spezies jedoch ist stets darauf bedacht, nicht gesehen zu werden und "begnügt" sich mit der reinen Beobachtung."

Not macht erfinderisch: Als eine Kirschenverkäuferin auf dem Wochenmarkt ihre süße Ware nicht an den Mann brachte, zog sie damit kurzerhand auf einen Autobahnparkplatz und machte das (illegale) Geschäft ihres Lebens.