Lokales

Militärischer Schrott prägt die entlegensten Gebiete der Welt

OWEN Die Al‰uten liegen fernab von allen Zentren hektischen Weltgeschehens. Sie kommen in keinem

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ANDREAS VOLZ

gängigen Atlas über den Status eines zu Alaska gehörigen Anhängsels hinaus das sich zudem viel zu weit hinzieht, um vollständig verzeichnet zu werden. Als einziger Name findet sich vielleicht noch "Unalaska". So heißt die Hauptinsel, auf der sich Dutch Harbor befindet, der größte Fischereihafen der USA. Der Name der Inselgruppe "Al‰uten" dient gleichzeitig zur Bezeichnung der ursprünglichen Bevölkerung. Diese Menschen, die auch "Unangan" genannt werden, leben schon seit tausenden von Jahren in jener rauen, einsamen und faszierenden Gegend des nördlichen Pazifik, zwischen Kamtschatka und Alaska.

Die Unangan repräsentieren "eine der ältesten Kulturen Nordamerikas", sagt der Abenteurer und Expeditionsleiter Arved Fuchs, der erst vor zwei Wochen von der Durchquerung der legendären Nordwestpassage wieder zurück nach Deutschland kam. Auf Einladung der Raiffeisenbank Teck in Owen anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens berichtete der "Kältespezialist" aus dem Norden nun seinem begeisterten Publikum in der Owener Teckhalle von Stürmen, Treibeis, aktiven Vulkanen, von Eisbären, Walrössern, Mitternachtssonne und arktischem Winter, von den Bewohnern dieser kargen Gegenden und von menschlichen Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg: Schrott, der von Patronenhülsen über Lastwagen bis hin zu Mini-U-Booten und Frachtschiffen reicht.

"Die Al‰uten hatten keine strategische Bedeutung, sie waren ein Nebenkriegsschauplatz", erzählte Arved Fuchs in Owen, bevor er auf die schrecklichen Folgen einging, die diese fast vergessene Episode des Kriegs zwischen Japan und den USA für die Unangan hatte. Auf den Inseln Attu und Kiska errichteten die Japaner Festungen, verbrannten die Barabaras in die Erde eingegrabene und mit Dachkonstruktionen aus Walrippen oder Treibholz versehene Hütten der Ureinwohner und verschleppten die Bevölkerung nach Japan. Innerhalb weniger Stunden mussten die Unangan ihre angestammte Heimat verlassen. Weil die Amerikaner auf der anderen Seite nicht weniger zimperlich vorgingen, verbrachte das Volk große Teile des Kriegs in Internierungslagern beiderseits des Pazifiks. "Sie starben wie die Fliegen", fügte Arved Fuchs in aller Drastik hinzu.

Erst Jahre nach dem Krieg konnten die Überlebenden auf einige der Inseln zurückkehren mit einer staatlichen Entschädigung in Höhe von zwölf Dollar pro Person. Der Niedergang der Unangan die ihre Toten einbalsamiert auf einer speziellen und schwer zugänglichen "Friedhofsinsel" bestatteten begann Arved Fuchs zufolge bereits mit der russischen Okkupation im 19. Jahrhundert, als Pelzjäger nicht nur die enormen Seeotterbestände dezimierten, angezogen von der Aussicht auf schnelles Geld.

Diese Aussicht lockt bis heute Abenteurer auf die Al‰uten: Riesenkrabben für den japanischen Markt versprechen riesige Gewinne. Die Krabbenfischer gehen aber einem ausgesprochen gefährlichen Gelderwerb nach, wie Arved Fuchs zu berichten wusste: Außer den gewaltigen Fangkörben gehen regelmäßig auch Fischer in der rauen See über Bord. "Oft gehen auch ganze Schiffe mit Mann und Maus zu Grunde."

Solche Fischer ereilt dann ein ähnliches Schicksal wie im Jahre 1741 Vitus Bering, den dänischen "Entdecker" der Al‰uten in Diensten russischer Zaren. Es war ihm nicht mehr gelungen, rechtzeitig vor Einbruch des Winters nach Kamtschatka zurückzukehren, und so starb er wie auch ein Großteil seiner Mannschaft auf der äußersten Al‰uteninsel, die ursprünglich Awatscha hieß und nun den Namen ihres prominentesten Toten trägt: Beringinsel.

Wie hart und entbehrungsreich das Leben im äußersten Norden sein kann, schilderte Arved Fuchs anhand zahlreicher Beispiele: So überwinterte sein Expeditionsschiff "Dagmar Aaen" dieses Jahr im kanadischen Cambridge Bay auf Victoria Island bei Temperaturen unterhalb von minus vierzig Grad Celsius. Im Gegensatz dazu zeigte der 51-jährige erfahrene Expeditionsleiter seinem Publikum in der Teckhalle aber auch Bilder vom Baden in warmen Quellen auf den Al‰uten, die allesamt vulkanischen Ursprungs sind.

Besonders angenehm hatte es das Team um Arved Fuchs auf Adak. Bis vor wenigen Jahren noch ein geheimer Marinestützpunkt der USA, wohnen heute nur noch rund 60 Personen auf der Al‰uteninsel und in der gleichnamigen Stadt, die mit einer perfekt funktionierenden Infrastruktur für 6 000 Menschen ausgestattet ist. "Wir durften uns Häuser aussuchen mit Heizung, Dusche und Telefon", berichtete Arved Fuchs in Owen, "die Telefonrechnung hat das Pentagon übernommen."

Besondere Gastfreundschaft erfuhren die Expeditionsteilnehmer auch in Gjoa Haven auf King William Island. Genau hundert Jahre nach Roald Amundsens "Gjøa" lief die "Dagmar Aaen" am 8. September 2003 in den kleinen Naturhafen ein auf dem Weg, die Nordwestpassage zu bewältigen. Die Einwohner feierten ein großes Fest, mit traditionellem Kehlgesang, und bewirteten ihre Gäste mit Delikatessen wie roher Walhaut, Blutsuppe oder in Fett gebackenem Brot. Für Arved Fuchs ist es selbstverständlich, wenn er Land und Leute kennen lernt, auch die Nahrung mit ihnen zu teilen. Und so konnte er ohne jede Ironie hinzufügen:" Wir haben mit großem Appetit gegessen."

Letzteres gelingt den Eisbären in freier Wildbahn zunehmend weniger. Auf Grund des Klimawandels nimmt das Eis im gesamten Polarbecken immer stärker ab, berichtete Arved Fuchs. Mit den Jagdgebieten der Eisbären schwindet auch ihre Lebensgrundlage. Die Folge: "Viele Eisbären sind unterernährt, und eine große Gefahr für den Nachwuchs sind männliche Eisbären mit Hang zum Kannibalismus."

Die globale Erwärmung gefährdet indessen auch die Küstengebiete als solche. Am nördlichsten Kap Alaskas, Point Barrow, stieß die Crew der "Dagmar Aaen" auf unzählige Sandsäcke, die die Bewohner des abgelegenen Orts zum Schutz ihrer Küste deponiert haben. Der Boden ist nicht mehr permanent gefroren und dadurch dem Wüten des Meeres stärker ausgesetzt. Und auch des Meer tobt umso mehr, seit es weniger mit Eis bedeckt ist als früher.

Für die "Dagmar Aaen" und ihre Besatzung hatte es freilich noch genügend Eis in der kanadischen Inselwelt im nördlichen Polarmeer. So gab es im vergangenen Jahr kein Durchkommen mehr durch die Nordwestpassage. Mit viel Glück gelangte das Schiff gerade noch zurück ins Winterquartier in Cambridge Bay. Der arktische Sommer bietet ohnehin nur ein kurzes Zeitfenster, um eine solche Fahrt ohne die Unterstützung von Eisbrechern zu bewältigen. Auch von Cambridge Bay aus war das Weiterkommen nicht selbstverständlich: "In allerletzter Minute haben wir es geschafft", sagt Arved Fuchs, "als einziges Schiff überhaupt in diesem Jahr."