Lokales

„Mir sen die, wo gwenne welled“

Im WM-Café des Mehrgenerationenhauses Linde schauen Flüchtlinge und Kirchheimer Jugendliche gemeinsam Fußball

Kirchheim. „Is that Fisch or Fleisch?“, fragt ein junger Iraner das Mädchen, das im WM-Café im Mehrgenerationenhaus Linde hinterm Tresen steht und die Gäste mit Essen

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Antje Dörr

versorgt. In Südafrika hat der Schiedsrichter gerade das Spiel Japan gegen Dänemark eröffnet. „It‘s Fisch“, antwortet das Mädchen. Passend zum Spiel kredenzt das Linde-Team Sushi und Smørrebrød, Letzteres natürlich ohne Schweinefleisch. Schließlich sind heute Abend hauptsächlich Muslime zu Gast im Mehrgenerationenhaus Linde.

Während in Südafrika Japan auf Dänemark trifft, treffen in der Linde zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite sitzen Menschen, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten, weil sie politisch oder religiös verfolgt wurden, und die nun hoffen, dass sie nicht wieder abgeschoben werden. Und auf der anderen Seite sind Jugendliche, deren Probleme im Vergleich dazu relativ bescheiden anmuten, auch wenn sie ebenso real sind. Doch darum geht es heute Abend nicht. Was zählt, ist ein gemeinsames Interesse: Fußball.

Zwischen Kurden, Afghanen, Iranern und Pakistani sitzt David Carfora. „Das sind meine Jungs“, sagt der Italiener aus Jesingen, der sich beim Kirchheimer Arbeitskreis Asyl engagiert. Diesen „Jungs“, die alle in der staatlichen Unterkunft in der Kirchheimer Charlottenstraße leben und dort auf den Abschluss ihres Asylverfahrens warten, bringt David Carfora seit Neuestem zwei bis drei Mal die Woche das Fußballspielen bei. „FC Kirchheim International“ nennt sich seine Mannschaft. „Es werden jeden Tag mehr“, sagt der Trainer stolz. An der Disziplin hapert es noch ein wenig. „Aber wenn wir öfter gegen andere Teams spielen, wird das bestimmt besser.“

Emmanuell aus Pakistan spielt selbst nicht Fußball. Sein Lieblingssport ist Kricket. Aber er schaut den anderen gerne beim Training zu. Seit einem Jahr lebt der Asylbewerber, der in Pakistan Pastor in einer Pfingst­gemeinde war, in Kirchheim. Seine Familie ist noch in der alten Heimat. Sie nachzuholen, dafür fehlt ihm im Moment das Geld. In Europa fühle er sich freier als in Pakistan, sagt Emmanuell. „Dort können wir unseren Glauben nicht praktizieren.“ In der Kirchheimer Charlottenstraße ist ihm das jedoch auch nur bedingt möglich. Denn seine Mitbewohner seien alle Muslime. „It was nice to meet you“, sagt Emmanuell und wendet sich wieder dem Spiel zu.

Mansour und sein Bruder sind aus dem Iran geflohen. Beide waren in einer oppositionellen Partei aktiv und wurden daher politisch verfolgt, erzählen sie. Mansour war im Iran Grundschullehrer und spricht auffallend gutes Deutsch. „Ich gehe oft in die Bibliothek“, sagt Mansour. Zeit dafür hat er genügend, denn Asylbewerber dürfen im ersten Jahr ihres Aufenthalts weder arbeiten, noch bekommen sie Integrationskurse bezahlt. Deshalb ist das Fußballtraining eine willkommene Abwechslung.

Für Dänemark sieht es nicht gut aus. Zur Halbzeitpause steht es in Südafrika 2:0. Zeit für einen kleinen Kick. Auf der Bolzwiese hinterm Mehrgenerationenhaus treffen die Asylbewerber auf die Jugendlichen. Mit vollem Körpereinsatz kämpfen etwa 30 Spieler auf der kleinen Wiese um den Ball und brüllen sich auf arabisch, persisch und deutsch Wort­fetzen zu. Eigentlich erinnert die Szene mehr an Rugby als an Fußball. „Was is‘n das, ein Flashmob?“, fragt ein Mädchen, das gerade dazu kommt. „Sieht aus wie Pogo“, findet ein anderes. Egal was es ist, die Spieler haben großen Spaß daran.

In Südafrika hat die zweite Halbzeit längst begonnen. Auf dem Platz interessiert das keinen. Wie aufgedreht rennen die Spieler über den Platz und bolzen auf den Ball ein. „Wasser fassen“, ruft Jutta Ziller und schleppt Mineralwasserkisten he­ran. Es steht 3:2 für die Flüchtlinge. Mansour trinkt einen Schluck. „Mir sen dia, wo gwenne welled“, sagt er im schönsten Schwäbisch, und grinst. Dann läuft er zurück auf den Platz.