Lokales

Mit alter Technik für die Zukunft gebaut

Der Trägerverein Freies Kinderhaus hat sich viel vorgenommen: Das Fabrikationsgebäude an der Plochinger Straße 14, die ehemalige Moschee, soll zu einem sozialen und kulturellen Zentrum ausgebaut werden. Gerade helfen dabei 13 junge Menschen aus vier europäischen Partnerregionen. Im Zuge eines internationalen Workcamps, organisiert vom Verein Inter-nationale Begegnung in Gemeinschaftsprojekten (IBG), arbeiten sie unter anderem mit dem alten Werkstoff Lehm.

ANDREAS WARAUSCH

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NÜRTINGEN Seite an Seite knieen sie über den Holzschablonen. Die Jugendlichen klatschen die Masse förmlich in die Fächer. Ein Teil Lehm, zwei Teile Sand, gehäckseltes Stroh. "Bei der Klatschtechnik verbindet sich der Lehm besser als beim Pressen", erklärt Pit Lohse von der Kinderkulturwerkstatt.

In der Kinderkulturwerkstatt versucht man sich an einer uralten Technik. Mit den Lehmziegeln soll in der ehemaligen Moschee eine Innenwand exemplarisch hochgezogen werden. Die restlichen Trockenständerwände werden mit dem traditionellen Baustoff verputzt. Eine Wand wurde schon mit Lehmputz versehen, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Einstmals war Lehm als Baustoff beliebt, da er billig war und überall vorkam. Heute noch schätzt man das gute Raumklima in Lehmziegelbauten. Die alte Technik boomt. Und der Einsatz des Lehmbaus hilft, aus dem Areal auch ein ökologisches Zentrum zu machen.

Die europäische Jugendtruppe arbeitet aber in den zwei Wochen ihrer Anwesenheit in Nürtingen auch mit herkömmlichen Ziegelsteinen. Zwischen Postgelände und Sandkasten wird eine Mauer hochgezogen, als Schattenspender und Sichtschutz. Ein Kunstwerk wird integriert. Zehn Gäste aus dem Ausland sind bis Freitag da, drei Schwaben kommen dazu. Zwischen 18 und 25 Jahre sind sie alt. Viele sind Studenten, aus verschiedenen Bereichen. Fünf Stunden arbeiten sie pro Tag. So bleibt Zeit, um die Gegend kennen zu lernen. Zum Beispiel die Nebelhöhle und Schloss Lichtenstein oder auch das Daimler-Museum.

Bereits 1992 legte das Land das Programm "Vier Motoren für Europa" auf. Mit dabei Katalonien mit der Metropole Barcelona, die Lombardei mit der Hauptstadt Mailand, die Region Rhône-Alpes mit dem Land zwischen Rhône und Alpen und Baden-Württemberg. Austausch auf Sektoren wie Wirtschaft, Wissenschaft und Sport ist das Ziel. Und auf dem Jugendsektor.

Christoph Meder ist Geschäftsführer des Vereins IBG, der auch das Nürtinger Workcamp organisierte. Er zeigte sich bei einem Besuch in Nürtingen erfreut darüber, dass das Land die Zuschüsse nicht kürze. Es erfülle die Partnerschaft der Regionen mit Leben, wenn die jungen Gäste Land und Leute kennen lernen. Auch Hans-Werner Carlhoff vom baden-württembergischen Ministerium für Kultus, Jugend und Sport unterstrich am Dienstag die Wichtigkeit des Austauschs. Carlhoff: "Wir können in Europa viel zusammen erreichen." Grüße der Stadt überbrachte Baudezernent Wilfried Hajek. Er bezeichnete die Kinderkulturwerkstatt als "Motor der Ideen in Nürtingen".

Pit Lohse präsentierte den Gästen die Baustelle. Im Erdgeschoss soll neben einem afrikanischen Restaurant eine Jugendwerkstatt Platz finden, in der sich benachteiligte Jugendliche der Bildhauerei widmen können, in die aber auch Firmen ihre Lehrlinge schicken können. Im ersten Stock sollen eine Multimedia-Werkstatt und ein Familiengesundheitszentrum mit Betreuung für Familien und allein Erziehende mit Kindern bis zum dritten Lebensjahr untergebracht werden. Im zweiten Stock soll ein Jugendhotel im Sommer vor allem Radwanderer aufnehmen, im Winter sollen in den Räumen Schüler der Bodelschwinghschule in Wohngruppen aufs Leben nach der Schule vorbereitet werden. Und unter dem Dach könnte eines Tages ein Tagungszentrum realisiert werden.

Die Realisierung könnte sich indes über Jahre hinziehen. 450 000 Euro kostet der Ausbau für das Nutzungskonzept. Noch einmal die gleiche Summe verschlingt die Grundsanierung. Der Trägerverein verhandelt noch mit der Post, die das Gebäude bis 2024 in Erbpacht hält und eigentlich für die Grundsanierung aufkommen muss.

Das langfristige Ziel ist es, das Areal um die Seegrasspinnerei in eine Stiftung umzuwandeln und es so auf Dauer für die Kinder- und Jugendarbeit zu sichern, erläuterte Helmut Bürger vom Trägerverein Freies Kinderhaus. Eine soziale Infrastruktur soll für eine gemischte Gesellschaft aufgebaut werden. Mit diesem Ziel präsentierte sich die Kinderkulturwerkstatt den jungen Gästen aus den vier Partnerregionen eine schöne Botschaft, die die jungen Menschen von Nürtingen mit in ihre Heimatländer nehmen werden.