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Mit Angst und Ungewissheit ins Studium

500 Euro pro Semester sollen Studenten in Zukunft an ihre Universitäten zahlen. Ein weiterer Rückschritt im Aufbau sozialer Gerechtigkeit oder eine Chance für das Land, den Bildungsstandard zu erhöhen? Abiturienten versuchen das Ganze realistisch zu betrachten, und stellen dabei fest, dass Fragen und Ungewissheit über die Zukunft für sie das größte Problem darstellen.

CHRIS HEINRICH

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KIRCHHEIM Der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, das Studiengebührenverbot aufzuheben, regt im ganzen Land zu heftigen Diskussionen an. Die Studenten demonstrieren, die Politiker versuchen verzweifelt, die Bevölkerung zu beschwichtigen, und die Schüler, die blicken nun sehr ängstlich in ihre ungewisse Studienzeit.

Ein Deutschkurs der 13. Klasse des Kirchheimer Schlossgymnasiums erörtert die Vor- und Nachteile der in Zukunft zu erhebenden Studiengebühren. Ein Großteil der Klasse hatte vor, nach dem Abitur ein Studium zu beginnen. Die Geschehnisse der letzten Wochen lassen sie nun jedoch zweifeln. "Ich weiß nicht, ob ich noch studieren will, vielleicht ist es ja jetzt viel sinnvoller, eine Ausbildung zu beginnen", sagt eine Schülerin.

Schockiert sind die Abiturienten insbesondere über die Höhe der Gebühren. "500 Euro sind einfach viel zu viel. 100 Euro, das wäre okay. Das ist mir mein Studium auch wert", meint dazu ein anderer. Ob ein Studium die Studiengebühren wert ist oder nicht, lässt Fragen offen. Ein Schüler sagt seinen Mitschülern dazu: "Mal abgesehen davon, dass euch allen eine qualifizierte Akademikerschicht doch auch wichtig ist, der Abschluss eines Studiums eröffnet euch Aussichten auf einen Arbeitsplatz mit überdurchschnittlichem Gehalt und unterdurchschnittlichem Arbeitslosenrisiko. Ihr seid einfach besser abgesichert, als andere. Und dafür möchtet ihr nichts investieren?" Der Schüler erhält daraufhin weder Zustimmung noch Ablehnung. Denn auch wenn ein Studium das Geld wert ist, wie ist es einem Studenten möglich, einen solchen Betrag aufzubringen? "Selbst wenn ich nebenbei Arbeiten gehe, müsste ich davon ja auch noch leben. Essen, Wohnung, Lehrmittel. Das kostet ja auch alles Geld", sagt eine der 13-Klässler. Die Eltern zur Kasse bitten möchten die angehenden Studenten nicht. Darüber sind sie sich einig. "Wie soll das überhaupt möglich sein? Gerade für Familien mit mehreren Kindern ist so viel Geld doch eine unglaubliche finanzielle und wenn sie das Geld für ihre Kinder nicht aufbringen können auch eine psychische Belastung", meint dazu eine Abschlussklässlerin.

Ein Modell nachlaufender Studiengebühren soll den Studenten die Möglichkeit bieten, erst nach Abschluss des Studiums die Gebühren zu bezahlen. Man kann also bei einer Bank ein Darlehen aufnehmen und die Rückzahlung erst dann erbringen, wenn ein bestimmtes Mindesteinkommen im Beruf erzielt ist. "Auf gar keinen Fall", ruft eine Schülerin sofort. "Ich will doch nach meinem Studium nicht erst einmal auf einem Berg von Schulden sitzen. Was wird aus Zukunftsplänen? Haben Frauen dann überhaupt noch die Chance, vor 35 eine Familie zu gründen?"

"Aber dafür hast du danach ein qualitativ hochwertiges Studium absolviert, und kannst damit viel leichter einen guten Arbeitsplatz finden", entgegnet ein Mitschüler. "Studiengebühren erhöhen außerdem den hochschulinternen Marktwert und die Qualität der Ausbildung. Bisher wurden wir anonym vom Staat finanziert. Das ist doch auch nicht in Ordnung. Die Steuerzahler investieren da in etwas, auf das sie keinen Einfluss haben."

Dass die Steuerzahler auch Arbeiter sind, darüber sind sich alle im Klaren. Auf Grund dieses Aspekts kommen die Schüler auf soziale Schichten zu sprechen: "Wie soll es sozial schwächeren Familien gelingen, den Kindern ein Studium zu ermöglichen?" Das ist die Hauptfrage. Durch Studiengebühren ohne geeignetes Stipendiensystem werden noch weniger Menschen aus niedrigen Einkommensschichten ein Studium beginnen. "Wer wohlhabende Eltern hat, startet ohne Schulden ins Berufsleben, alle anderen dürfen erst einmal abzahlen...", wirft daraufhin ein Mädchen in die Diskussion ein. "Bildung ist Luxus oder auch ein Grundrecht, das allen offen stehen muss!"

"Kann es richtig sein, dass der Kindergarten, auch für Kinder aus einkommensschwachen Elternhäusern, Geld kostet, während das Studium, auch für Kinder aus einkommensstarken Elternhäusern kostenfrei ist?", wirft wiederum ein Schüler in die Diskussion ein. Zu diesem Argument kommt der internationale Vergleich. Weltweit und auch in Europa ist die Beteiligung von Studierenden an den Kosten ihrer Ausbildung weit verbreitet. Die Gebührenhöhe schwankt dabei zwischen 280 Euro in der Schweiz und 4040 Euro in Japan. "Das Ganze ist auch eine Reaktion auf die PISA-Studie", meint Rektor Siegfried Lutz. "Ja. Deutschland will zukünftig einfach mithalten", ergänzt ein Junge. Für viele der Klasse ist dies jedoch kein tröstendes Argument. Der gesund-egoistische Menschenverstand denkt in solchen Fällen einfach nicht an das Wohl des Landes.

Die Abiturienten quälen sich jetzt schon mit der Frage, wie sie sich die Zukunft finanzieren sollen. Hin und hergerissen zwischen der konsequenten Ablehnung des Darlehensystems und der Gewissheit, dass es, je nach Studiengang, nicht möglich sein wird, ein unbeschwertes Studienleben zu führen, sehen die Schüler in ihre Zukunft: "Ich habe Angst. Angst davor, dass ich es nicht schaffe, das Geld für mein Studium aufzubringen, und daran dann mein Bildungsweg scheitert."