Lokales

Mit Bildung und einer warmen Mahlzeit dem Leben Perspektive gegeben

KIRCHHEIM Der 28-jährige Kirchheimer Stefan Büschelberger hilft benachteiligten Kindern auf Madagaskar und eröffnet ihnen durch Zugang zu Bildung eine Perspektive. Dazu hat er den Verein Ny Hary Deutschland gegründet. Zu seiner Arbeit und seiner persönlichen Motiovation hat der Teckbote den engagierten Entwicklungshelfer interviewt.

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RICHARD UMSTADT

Wodurch kamen Sie mit den Problemen auf Madagaskar in Berührung?

1999 übernahm ich eine Patenschaft für ein Kind in einem SOS Kinderdorf auf Madagaskar. Aus Interesse besuchte ich dann die Insel und konnte so erste Eindrücke von der großen Armut einerseits und dem natürlichen Reichtum andererseits gewinnen. Im SOS Kinderdorf lernte ich eine sehr engagierte Erzieherin kennen. Wir hielten jahrelang Briefkontakt und durch weitere Besuche lernte ich sie und Madagaskar besser kennen. Mittlerweile sind wir verheiratet . . . 2003 besuchten wir gemeinsam die Stadt Miarinarivo im Hochland Madagaskars. Yvette erzählte mir, dass ihr kleiner Bruder früher dort zur Schule ging und unter welchen, oft katastrophalen Bedingungen viele Kinder aus weit entfernten Dörfern in die Stadt ziehen, um die Schule besuchen zu können. Sie leben dort vielfach auf sich selbst gestellt, müssen kochen, waschen, lernen und sich oft noch um kleinere Geschwister kümmern. Ihre Eltern, meist einfache Reisbauern, können ihnen kaum Geld schicken, zumal in der Regenzeit viele der Heimatdörfer von der Außenwelt abgeschnitten sind. Yvette wollte diesen Kindern helfen und hatte die Idee, ein Schülerwohnheim aufzubauen, um die Schüler richtig versorgen zu können. Als Anfang 2004 zwei Kinder an Fehlversorgung starben, sahen wir uns zum Handeln veranlasst.

Was sind die größten gesellschaftlichen Probleme auf der Insel?

Da steht in erster Linie die Armut mit all ihren Auswirkungen: Durch die riesige Ausdehnung der Insel leben viele Menschen in vollkommen entlegenen Gebieten. Dort gibt es kaum Schulen, Trinkwasser ist knapp und medizinische Versorgung so gut wie nicht vorhanden. Viele Kinder sterben noch im Kleinkindalter. Man muss sich das vorstellen: In Madagaskar wird noch gegen Lepra, Cholera und die Pest gekämpft. Nur wenige Kinder können eine Schule besuchen, viele sind durch die Armut gezwungen, bei der Feldarbeit mitzuhelfen. Der einzige Ausweg scheint für viele die Flucht in die Städte zu sein. Doch dort ist die Armut dann noch viel schlimmer . . . Aber auch für die Umwelt sind die Folgen der Armut verheerend. Madagaskar ist einer der biologisch wertvollsten Lebensräume der Erde. Eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten kommt ausschließlich hier vor. Da Holzkohle aber der einzig erschwingliche Energieträger ist, schwinden die restlichen Wälder rasant.

Seit wann gibt es den Verein Ny Hary und was bedeutet der Vereinsname genau?

Ny Hary Deutschland e.V. wurde Mitte 2004 gegründet. "Hary" bedeutet auf Madagassisch "Ernte" oder "Ertrag". Es beinhaltet aber auch die Suche nach einer Lebensaufgabe und ist somit Grundlage jeden Fortschrittes. Ein madagassisches Sprichwort besagt: "Wer sich als junger Mensch keine Lebensaufgabe sucht, wird im Alter einen leeren Teller haben". Wir haben den Namen gewählt, weil er uns an unsere Lebensaufgabe erinnert. Er soll aber auch Ansporn für die Kinder sein denen wir helfen wollen, sich später selbst einmal eine Aufgabe zu suchen, um so die Lebensumstände zu verbessern.

Was sind die Ziele des Vereins und wie viele Mitglieder hat er?

Unser Ziel ist die Förderung der Jugendbildung auf Madagaskar. Wir wollen Kindern aus ländlichen Gegenden helfen eine Bildung zu erhalten und damit auch eine Alternative zur Kinderarbeit bieten. Konkret ist unsere Arbeit vor Ort der Aufbau und der Betrieb unseres Schülerwohnheimes "Antseranantsoa" (auf madagassisch "im sicheren Hafen"). Wir arbeiten eng mit unserem Partnerverein "Ny Hary Madgasikara" zusammen. Im Moment haben wir rund 40 Mitglieder.

Wie engagieren Sie sich persönlich in Ny Hary?

Ich lebe gemeinsam mit meiner Frau in Miarinarivo. Dort arbeiten wir selber ehrenamtlich am Aufbau des Heimes und werden das Projekt weiterhin vor Ort leiten. Unsere Vereine leben vom persönlichen Engagement aller Beteiligten. Ich glaube das ist eine wichtige Grundvoraussetzung für den Erfolg solcher Projekte. Zum Beispiel hatten wir im ersten Halbjahr 2005 nur 1 Prozent Verwaltungsaufwand, 99 Prozent aller Mittel sind direkt in das Projekt geflossen.

Mit welchen Entwicklungsorganisationen arbeitet Ny Hary zusammen?

Wir arbeiten mit der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungspolitischer Gutachter (AGEG) hier in Kirchheim zusammen. Die AGEG hat langjährige Erfahrung aus der Entwicklungszusammenarbeit in allen Erdteilen und berät uns ehrenamtlich. Dann haben wir engen Kontakt zum deutsch-madagassischen Verein in Esslingen. Dieser betreibt auf Madagaskar das Berufsbildungszentrum "Soltec" für Kinder aus ärmsten Verhältnissen, an das wir unsere Schüler nach der Schulausbildung weitervermitteln können. In den Lehrwerkstätten der Soltec werden auch Solarkocher hergestellt. Derzeit planen wir ein gemeinsames Projekt zu deren Verbreitung in unserer Projektregion. Zudem haben wir engen Kontakt zur Deutschen Botschaft auf Madagaskar. Sie ist derzeit der größte Förderer unseres Projektes. Auch der Lions Club Nürtingen-Kirchheim und "Action 5" aus Bonn helfen uns sehr großzügig.

Was wurde bislang erreicht?

Dank der vielfältigen Unterstützung, ganz besonders von Kirchheimern, können wir bereits ab diesem September 100 Kinder täglich mit einer Mittagsmahlzeit versorgen. Dazu haben wir im letzten halben Jahr auf dem Projektgrundstück ein Wirtschaftsgebäude und einen Speisesaal errichtet. Aus einem eigens eingerichteten Gesundheitsfonds können wir medizinische Notfallhilfe leisten und stehen den Kindern bei der Bewältigung ihrer alltäglichen Probleme als Ansprechpartner zur Verfügung. Diese Angebote wollen wir im kommenden Jahr zu einem Schülerwohnheim ausbauen. Dann können wir den Kindern zusätzlich eine sichere und saubere Unterkunft, sämtliche Mahlzeiten und hygienische Versorgung bereitstellen. Ergänzend bieten wir Bildungsangebote zu Themen wie Aids, Trinkwasseraufbereitung, Umweltschutz aber auch zur beruflichen Qualifikation an.

Wie können Interessenten dem Verein helfen?

Wir freuen uns sehr über Spenden und Mitgliedschaften. Wer aber einem Kind ganz direkt helfen will, kann eine Patenschaft bei uns "Stipendium" genannt übernehmen. Mit einem "Bildungsstipendium" von 10 Euro monatlich übernimmt man beispielsweise die Hälfte aller Kosten für ein Kind im Schülerwohnheim. Für Jugendliche und Kinder gibt es das "Mitschüler-Stipendium". Mit 4 Euro monatlich hilft ein deutscher Schüler einem besonders bedürftigen madagassischen Kind und wird so zu seinem "Mitschüler". Auf Madagaskar kann man mit wenig Geld wirklich viel erreichen: So können wir beispielsweise mit 36 Euro ein Kind mit Lebensmitteln für 360 Mahlzeiten versorgen. Da der Zweck unseres Vereines als "besonders förderungswürdig" anerkannt ist, sind Mitgliedsbeiträge, Spenden und andere Zuwendungen steuerlich voll absetzbar.

Verein zur Förderung der Jugendbildung auf Madagaskar Ny Hary Deutschland e.V., Esslinger Steige 16, D-73230 Kirchheim, Telefon: +49 (0)7021/482 248, Telefax: +49 (0)7021/482 249, e-mail:kontakt@ny-hary.orgwww.ny-hary.org, Spendenkonto-Nr.: 3674323, BLZ: 600 501 01, Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Herr Büschelberger, vielen Dank für das Interview.