Lokales

Mit "Bio-Navigationssystem" auf der Jagd nach fotogenen Türmen

DETTINGEN "Anfänglich sind wir im Freundeskreis nur mitleidig belächelt worden", sagt Elisabeth Bosch über das seltene Hobby, das sie und ihren Mann Günther seit drei, vier Jahren ziemlich auf Trab

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ANDREAS VOLZ

hält. An jedem freien Wochenende sind die beiden unterwegs, um in ganz Baden-Württemberg Wassertürme aufzuspüren, sie zu fotografieren und alle möglichen technischen Daten über die Türme zu sammeln. Warum das Ganze? Um die Homepage weiter auszubauen, die eines Tages eine nahezu lückenlose Dokumentation baden-württembergischer Wassertürme aufweisen soll. Freunde und Bekannte sind mittlerweile auch mehr oder weniger infiziert: "Jetzt sehen alle anderen schon Wassertürme und fotografieren sie."

Günther Bosch, Rektor der Dettinger Teckschule, war auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal für seine Homepage: "Ich wollte etwas Besonderes, was es nicht so im Internet gibt. Schließlich musste ich mich entscheiden zwischen Hochspannungsmasten, Wegkreuzen und Wassertürmen." Eine wichtige Hilfe war der Holzmadener Wasserturm, den der Schulleiter nach vielen Jahren des achtlosen Vorbeifahrens in dieser Zeit plötzlich zum ersten Mal bewusst wahrnahm.

Dabei muss es sich um ein richtiggehendes Schlüsselerlebnis gehandelt haben: "Ich habe den Turm früher nie gesehen. Jetzt sehe ich ihn von überall und kann mir nicht erklären, warum er mir vorher nie aufgefallen ist." Das erzählte Günther Bosch jüngst seinen Vereinskameraden von der "Deutsch Internationalen Wasserturm-Gesellschaft". Der Verein, der im Jahr 2002 gegründet wurde, hat seinen Sitz in Dorsten im Ruhrgebiet, die 61 derzeitigen Mitglieder kommen aus ganz Deutschland. Günther Bosch hatte für dieses Jahr die Hauptversammlung in Dettingen organisiert. Die Schlossberggemeinde steht damit auf einer Stufe mit der Bundeshauptstadt, denn 2006 wollen die Mitglieder der Wasserturm-Gesellschaft ihr jährliches Treffen in Berlin abhalten.

Organisator Günther Bosch stellte auf der Hauptversammlung Auszüge aus seiner Baden-Württemberg-Internetseite vor, die in die einzelnen Landkreise untergliedert ist. Nur noch wenige von ihnen sind in der Zwischenzeit als gänzlich weiße Flecken auf der Landkarte übrig. Meistens gibt es pro Kreis mehrere Eintragungen, die außer Bildern noch das Baujahr, die Höhe, das Fassungsvermögen und den genauen Standort angeben sofern sich diese Daten überhaupt ermitteln lassen.

Oft genug muss das Ehepaar Bosch geradezu detektivischen Spürsinn an den Tag legen, um überhaupt fündig zu werden. Günther Boschs Lieblingsbeispiel dafür ist der Turm bei Möglingen, der direkt von der Autobahn in Richtung Heilbronn aus zu sehen ist. Bis man aber mit dem Auto tatsächlich in die Nähe des Wasserturms kommt, bedürfe es guter Nerven und guter Karten. Elisabeth Bosch unterstützt ihren Mann dabei nach Kräften unter anderem in ihrer Eigenschaft als "Bio-Navigationssystem". Für Günther Bosch sind die Wassertürme hauptsächlich ein Anreiz, "irgendwo hinzufahren, wo ich sonst nie hinkäme. Ich habe dadurch schon sehr viele unbekannte Ecken in unserem Land entdeckt. Im Mittelpunkt steht aber nicht nur der Wasserturm. Wir verbinden das auch mit dem Besuch von Museen, Schlössern oder Städten."

Sind schon allein die Reiseziele ungewöhnlich, so gilt dasselbe in etlichen Fällen auch für die Reisezeit. Wer dabei nur an Schönwetter-Ausflüge im Sommer denkt, liegt näm-lich ziemlich daneben. Das gibt es zwar auch. Aber "viele Türme kann man nur im Winter fotografieren, wenn das Laub im Wald weg ist", weiß Günther Bosch aus mehrjähriger, teilweise leidvoller Erfahrung.

Seit er sich mit diesem Hobby befasst, sieht Bosch übrigens Wassertürme, wo immer er hinkommt. "Das kann schon auch zur Plage werden", gibt er freimütig zu. Aber die Zweifel halten niemals lange an. Mit wahrer Begeisterung spricht er über seine vielen außergewöhnlichen Funde. Da gibt es etwa den Fall in Kornwestheim, wo die Verwaltung den sprichwörtlichen "Wasserkopf" nicht verleugnen kann: "Der Wasserturm ist dort im Rathaus untergebracht. Die Mitarbeiter haben 800 Kubikmeter Wasser über sich."

In Waldenburg hat Günther Bosch einen Wehrturm aus dem 12. Jahrhundert fotografiert, der mit Wasser kaum jemals etwas zu tun hatte von den wenigen Jahren zwischen 1901 und 1957 abgesehen, in denen er tatsächlich als Wasserturm gedient hat. In Sindelfingen gibt es das Kuriosum, dass oben ein Restaurant eingebaut ist, zur besseren Vermarktung: "Das Restaurant ging aber nie in Betrieb, weil die Fluchtwege fehlten." Ein Konstanzer Wasserturm ist zur Jugendherberge umgebaut worden: "Das hat uns ziemlich beeindruckt. Von dort oben hat man einen tollen Blick auf den Bodensee." Die Hochhäuser im Tübinger Gebiet "Waldhäuser Ost" sind weithin sichtbar und vielen aktuellen und ehemaligen Studenten ein Begriff. Dass sich an eines der Häuser ein Wasserturm anschmiegt, dürfte dagegen weniger bekannt sein. Gleiches gilt für die Landesfestung beziehungsweise das Gefängniskrankenhaus Hohenasperg. Auch in dieser Anlage befindet sich mittendrin ein weitgehend unbekannter Wasserturm.

Zum Dettinger Hauptversammlungsprogramm der "Deutsch Internationalen" Gesellschaft gehörte auch die Besichtigung hiesiger Wassertürme. Auf dem 30 Jahre alten Turm am Göppinger Eichert hatten die Teilnehmer aus 52 Metern Höhe nicht nur eine hervorragende Rundsicht, sondern erfuhren zugleich etwas über den Umgang mit der latenten Terrorgefahr, die manche Turmbetreiber davor abschreckt, ihre Daten öffentlich preiszugeben. Die Behälter in Göppingen werden rund um die Uhr überwacht. Wenn tatsächlich jemand eindringen sollte, wird das Wasser sofort gestoppt und automatisch die Polizei benachrichtigt. Wer Böses im Schilde führt, würde bis er einmal nach oben und wieder nach unten gestiegen ist am Eingang von einer polizeilichen Übermacht in Empfang genommen werden.

Beim Kirchheimer Wasserturm am Waldfriedhof, der ebenfalls ein Fassungsvermögen von etwa 500 Kubikmetern hat, verhält es sich genauso, wie Christian Maiwald von den Stadtwerken erläuterte: "Nach dem 11. September 2001 wurde die Alarmsicherung verstärkt. Die Aufregung war damals sehr groß. Der Schutz ist hauptsächlich so gehalten, dass wir es möglichst schnell merken, wenn jemand reinkommen sollte." Die Aussicht vom Kirchheimer Wasserturm (33 Meter hoch, Baujahr 1962) sucht ihresgleichen. Anfangs war die Anlage als beliebtes Ausflugsziel an Sonn- und Feiertagen für Spaziergänger geöffnet. Inzwischen ist der Service längst wieder eingestellt, weil die Einnahmen die Personalkosten bei weitem nicht decken würden.

Der Wasserturm in der Urweltgemeinde Holzmaden, mit dem für Günther Bosch alles anfing, gehörte ebenfalls zum Besichtigungsprogramm der Gesellschaft. Er unterscheidet sich allerdings deutlich von seinen größeren Nachbarn: Er ist älter (Baujahr 1929), mit rund 20 Metern Höhe um einiges niedriger und mit einem Fassungsvermögen von etwa 200 Kubikmetern auch um einiges kleiner.

Dafür konnten die Mitglieder der Wasserturm-Gesellschaft in Holzmaden den Beweis antreten, dass sie mehr sind als nur ausdauernde Treppensteiger. Die oberen Stockwerke sind nämlich nur über Eisenleitern und vergleichsweise enge Luken zu erreichen. Folglich gab Günther Bosch seinen Vereinskameraden mit auf den Weg: "Hier werden ganz andere Anforderungen an die Sportlichkeit gestellt." Ein echter "Wassertürmer" kann das allerdings nur als Herausforderung begreifen.

WEB-INFOWer sich ein genaues Bild von der Arbeit der Wasserturm-Gesellschaft oder von einzelnen baden-württembergischen Türmen machen möchte, wird unter diesen beiden Internet-Adressen fündig: www.wasserturm-gesellschaft.de und www.wasserturm-web.de.