Lokales

Mit blauem Auge davongekommen

Situation auf Ausbildungsstellenmarkt noch positiv – Rückgang im Bereich Kirchheim

Das hohe Ausmaß an Kurzarbeit zeigt: Die Unternehmen in den Kreisen Esslingen und Göppingen sind von der Wirtschaftskrise besonders gebeutelt. Dennoch bilden die Betriebe fast in gewohntem Umfang aus. Das beweist die Bilanz des Berufsberatungsjahres 2008/09 der Göppinger Agentur für Arbeit.

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Anke Kirsammer

Göppingen. „Wir haben mit einem mulmigen Gefühl darauf geguckt, wie sich der Ausbildungsstellenmarkt entwickelt“, sagte Bettina Münz, Geschäftsführerin des Operativen Bereichs der Göppinger Agentur für Arbeit, gestern in einer Pressekonferenz. Mit der Zunahme von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit in zahlreichen Betrieben waren die Rahmenbedingungen in den Landkreisen Esslingen und Göppingen für die Ausbildung im vergangenen Jahr nicht gerade rosig. „Ohne unsere Instrumente hätten wir große Probleme auf dem Ausbildungsmarkt gehabt“, so lautet die Überzeugung von Bettina Münz. Mit 5 061 gemeldeten Ausbildungsstellen standen der Göppinger Agentur für Arbeit zum Ende des Ausbildungsjahres 2008/09 insgesamt 499 Ausbildungsstellen weniger zur Vermittlung zur Verfügung als im Vorjahr. Das ist ein Rückgang um 9 Prozent. Der Blick auf das Vorjahr relativiert das Ergebnis allerdings, denn entgegen dem Landes- und Bundestrend war die Zahl der Stellen in der Göppinger Arbeitsagentur damals um 11 Prozent angestiegen. Nach wie vor liegt die Zahl der Ausbildungsstellen noch über der von vor zwei Jahren. Trotz des jetzigen Rückgangs ist die Relation zwischen Angebot und Nachfrage nur leicht auf 0,92 Ausbildungsstellen pro Bewerber gesunken. Während im Kreis Göppingen die Zahl um 15,9 Prozent auf 1 720 Stellen zurückging, hat der Kreis Esslingen nur ein Minus von 4,9 Prozent auf 3 341 Stellen zu verzeichnen. In der Geschäftsstelle Kirchheim brachen die gemeldeten Ausbildungsstellen gegenüber dem Vorjahr allerdings um 14,4 Prozent ein. „Hier sitzen viele Automobilzulieferer. Sie sind auch bei der Kurzarbeit stark dabei“, so Bettina Münz. Im Vergleich dazu hat Leinfelden-Echterdingen gegenüber dem Vorjahr sogar leicht zugelegt. Erklären lässt sich dies mit der hohen Zahl der dort ansässigen Dienstleister, die kaum von der Krise betroffen sind. Neu in der Liste der Top Ten der realisierten Berufswünsche sind der Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk und der medizinische Fachangestellte. Rausgefallen ist unter anderem der Mechatroniker.

5 479 Bewerber und damit 5,3 Prozent weniger als im Vorjahr haben sich an die Arbeitsagentur zur Vermittlung einer Ausbildungsstelle gewandt. Das liegt zum einen an stagnierenden Schülerzahlen, zum anderen aber auch daran, dass sich Jugendliche vermehrt weiterqualifizieren, bevor sie eine Lehrstelle antreten. Auch hier differiert die Situation in den beiden Landkreisen stark: Im Kreis Göppingen sank die Zahl der Bewerber um 1,6 Prozent auf 2 359, dagegen waren es im Kreis Esslingen mit 3 120 Bewerbern 7,9 Prozent weniger als im Vorjahr. „Hier ist die Tendenz zu weiterführenden Schulen etwas höher“, erläuterte Dorothee Schwarz-Biedermann, für den Bereich Berufsberatung/U25 verantwortlich. Als Erfolg verbucht die Agentur den Rückgang der Altbewerber um 10,7 Prozent. Genauso wie bei Migranten greift hier besonders das Instrument außerbetrieblicher Ausbildungsplätze. Lediglich 14 Jugendliche waren bis zum 30. September ohne Ausbildungsplatz oder Alternativangebot. Allerdings konnten weitere 579 Jugendliche keine Lehrstelle ergattern, obwohl sie sich darum bemüht hatten. Sie nehmen an einer der unterschiedlichen Qualifizierungsmaßnahmen teil, um ihre Chancen im kommenden Jahr zu verbessern.

An der mangelnden Bewerberzahl liegt es also nicht, dass die Betriebe noch 194 offene Ausbildungsplätze (159 im Vorjahr) gemeldet haben. „Die Diskrepanz zwischen den Anforderungen der Betriebe und dem, was Einzelne mitbringen, wird immer stärker“, erklärte Bettina Münz dazu. Ausbildungsbegleitende Maßnahmen sollen dieses Problem abfedern. Entgegen anderslautender Prognosen sieht sie die Talsohle in der Göppinger Arbeitsagentur noch längst nicht durchschritten. Da stark von der Automobilindustrie abhängig, bleibe abzuwarten, ob sich die Wirtschaft in den Kreisen Esslingen und Göppingen weniger in einer Konjunktur-, als mehr in einer Strukturkrise befinde. „Fallen hier Arbeitsplätze weg, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf den Ausbildungsstellenmarkt.“

Eine weitere Herausforderung gilt es in drei Jahren zu meistern, wenn durch das G8 zwei Jahrgänge Abitur machen: „Wir hoffen, dass sich die schwierige Situation auf dem Arbeitsmarkt bis dahin entspannt“, betonte Bettina Münz.