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Mit "Corvus" unterwegs zwischen Himmel und Hölle

KIRCHHEIM Hans Schneider ist Flieger und Abenteurer. Der heute 65-jährige Esslinger, der in einem Wohnwagen auf der Hahnweide lebt, flog nach einem Buschfliegerpart in Afrika mit einer kleinen einmotorigen Cessna 150 in den frühen 90er-Jahren von Europa über Asien nach

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RICHARD UMSTADT

Australien, erkundete den fünften Kontinent, packte dann seinen Aluminiumvogel in einen Überseecontainer und ließ ihn in handliche Einzelteile zerlegt per Schiff nach Südamerika schippern. Dort wurde Schneiders Alu-Rabe wieder zusammengebaut und für den Flug von Feuerland nach Kanada vorbereitet. Insgesamt 45 000 Kilometer flog er in zwei Jahren mit dem kleinen Hochdecker und schrieb jetzt ein Buch darüber: "Der Flug des Raben" heißt es. Dabei muss erwähnt werden, dass er auch die Fotos oft auf abenteuerliche Weise selbst schoss. Der Teckbote wird in den folgenden Wochen über die abenteuerlichsten Episoden Hans Schneiders in einer lockeren Serie berichten.

1940 erblickt der "global Flyer" in Laupheim das Licht der Welt. Im Alter von zwölf Jahren erhält er Violinunterricht. Es sollte der Beginn einer lebenslangen Beziehung zur klassichen Musik werden. Schon sehr früh entdeckt Hans Schneider jedoch noch eine ganz andere Liebe die zu Vögeln, deren Flugkünste ihn besonders faszinieren. Sein erster gefiederter Freund ist ein rotbrauner Turmfalke. Corvus, der Kolkrabe auf Teneriffa, schließlich verweist den gelernten technischen Zeichner in die dritte Dimension.

Den Inhalt seiner ersten Lohntüte setzt er um in einen Anhaltertrip durch Südamerika und die USA. Im Amazonasbecken hilft er einem Amerikaner beim Einbau eines Motors in dessen Flugboot "Catalina". Vom Fliegervirus gepackt erwirbt Schneider noch im selben Jahr 1965 in Oregon den Flugschein. Ein Jahr später steht er auf der Kirchheimer Hahnweide, um nach einer Prüfung auch die deutsche Fluglizenz zu erhalten.

Seinen geliebten "Corvus", so nennt Hans Schneider seine einmotorige Cessna 150, kauft er auf dem Gebrauchtflugzeugmarkt 1980 in Baden-Baden. Freilich nicht, um sich anschließend wieder ans Reißbrett zu stellen. Während seine Altersgenossen Besitz erlangen und Nachfahren zeugen, schnuppert er Höhenluft und erkundet zahllose exotische Ecken dieser Welt. Von Arusha aus in Tansania schaukelt er Touristen über den Kilimandscharo und den Ngorongokrater. Auch Berufsfotografen und Anthropologen gehören in Afrika zu seinen Passagieren. Nord-, Zentral- und Ostafrika waren erkundet, als sich Schneiders Blick gen Osten richtet. Namen wie Karakorum, Kandahar, Karachi und Kathmandu schleichen sich in seine Erinnerung.

Mit einem 135-Liter Zusatztank an Stelle des einzigen Passagiersitzes und fünf Liter Saint Emilion rose startet Hans Schneider am 2. Mai 1990 mit seinem 100-PS-Schulflugzeug "Corvus" von Südfrankreich in Richtung Asien. Unterwegs erweist er Gorbi mit einem rot-weißen Nelkenstrauß die Ehre, trinkt mit Mudschaheddin in Afghanistan "black tea", sorgt für Verspätung eines indischen Airliners auf dem Weg nach Kalkutta, lernt dort die Ohrenpopler kennen, wird aus Burma hinausgeworfen, angelt mit den Drachenfischern von Lombok, fliegt neun Stunden mit seinem "Raben" über die Timor-See nach Australien, trinkt mit Aborigines im Outback Victoria Bitter, fotografiert Haie, Salzwasserkrokodile und Koalas und landet schließlich in Sydney.

In Sydney lässt der Globetrotter seinen demontierten Aluvogel in einem stählernen Überseecontainer aufs Schiff verfrachten und fliegt ihm per Jumbo voraus nach Südamerika. In Buenos Aires startet er mit "Corvus" zum Abenteuer, zweiter Teil, zunächst in Richtung Feuerland, dann retour durch die argentinische Pampa, bezwingt wie einst Guillaumet die mächtigen Anden, durchquert Brasilien und überfliegt dabei das Amazonasbecken und hüpft von Venezuela über Trinidad, Martinique, Puerto Rico und die Dominikanische Republik auf die Bahamas. Von den Inseln in der Karibik aufs nordamerikanische Festland ist der Sprung mit dem Raben ein Kinderspiel.

In Florida fliegt Hans Schneider mit dem "Roten Baron" Seite an Seite, genießt die amerikanische Freiheit der "Barnstormers", landet auf Farmen, fotografiert den Massenballonstart in Albuquerque, folgt dem Colorado in beziehungsweise über den Grand Canyon, macht eine Stippvisite in Mexiko und fliegt wieder gen Norden über New Mexiko, Kalifornien, Oregon, Washington nach Kanada und folgt dem Alaska-Highway. Der ist sein Guide auf dem letzten Teil seiner Reise um die Welt, denn in Fort Nelson ereilt Corvus ein unverhofft bitteres Flugzeugschicksal: Er macht sich beim Start selbstständig und fällt auf die Nase, "die unschuldige Cessna steht Kopf. Stille. Mir scheint, die Erde hat aufgehört sich zu drehen . . .", schreibt Hans Schneider. Natürlich lässt er seinen treuen Gefährten der Lüfte wieder reparieren. Beide lassen sich, nachdem sie rund 90 Länder bereist haben, in Arizona nieder. Dort trennt sich der Globetrotter schließlich voller Wehmut von "Corvus", um sich einem neuen Abenteuer zuzuwenden: dem des Buchautors. Hans Schneiders Fazit: "Die Welt kennen zu lernen erweitert zweifellos den Horizont und vor allem geografisches und biologisches Wissen, lässt aber die Toleranzschwelle im Hinblick auf die eigene Kultur sinken. Was positiv stehen bleibt waren Augenblicke des Einmaligen und Unwiderbringlichen. Dieses Geschenk, einem explodierenden Gewitter mit Millionen von Entladungen Flugbegleiter zu sein, unauslöschliche Landschaftsgemälde zu erleben oder aber 10 000 aufblinkende Froschaugen zu bestaunen, Freundschaften zu besiegeln, all das bleibt im Gedächtnis eingemeißelt. Auch Minuten der Todesangst oder Stunden schweißtreibender Beklemmung will ich nicht missen im Rückblick, sei's als Flieger oder Globetrotter."

Jetzt liegt sein Buch "Der Flug des Raben" druckfrisch auf dem Tisch. 256 Seiten stark, zweisprachig und mit 200 Farbfotos aus vier Kontinenten davon Luftaufnahmen zwischen 10 und 3 000 Höhenmetern. Das aufwändig gebundene Werk im Bildbandformat beinhaltet außerdem eine DVD mit einem Filmbericht über Piranhafischen im peruanischen Urwald 1966.

INFODas Buch "Der Flug des Raben" von Hans Schneider ist zu beziehen bei dem Autor selbst und kann unter der Rufnummer 01 79/7 68 08 53 oder unter bestellung@der-flug-des-raben.de, bestellt werden. Das reich bebilderte Werk kostet 42 Euro und wird vom Autor handsigniert geliefert. Es ist in Kirchheim aber auch in den Buchhandlungen Zimmermann und Schieferle sowie bei Schreibwaren Weixler in der Dettinger Straße zu haben.