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"Mit dem Geigerzähler übers Grundstück"

Am 26. April 1986 explodierte ein Block des ukrainischen Atomreaktors Tschernobyl, radioaktive Niederschläge verseuchten weite Teile Europas. Bei einer Umfrage in der Kirchheimer Innenstadt wollte der Teckbote von Passanten wissen, welche Erinnerungen sie an den Super-Gau haben und wie sie damals damit umgingen.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM "Es war unwahrscheinlich bedrückend", erinnert sich Dr. Sigmar Pfitzer an die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vorO:18040687.JPG 20 Jahren. In der Zeit danach habe er darauf verzichtet, Wild und bestimmte Pilzarten zu essen. Außerdem wollte er Gewissheit haben, dass sein Umfeld nicht verstrahlt ist: "Ich bin damals mit dem Geigerzähler über mein Grundstück gelaufen", erzählt er. Als Apotheker bekam er zudem hautnah die Sorgen der Bevölkerung mit: "Teilweise wurden Jod-Tabletten gefordert", erinnert er sich, betont aber, dass die Einnahme nicht als erforderlich galt.

"Am Schlimmsten fand ich, dass wir erst so spät von dem Unglück erO:18040688.JPGfahren haben", ärgert sich Liliana Medak noch heute über den mangelnden Informationsfluss. "Wir haben unsere Kinder sogar noch draußen spielen lassen", erinnert sie sich zurück. Als dann endlich bekannt wurde, dass eine radioaktive Wolke sich bis nach Deutschland ausbreitete, trafen Liliana Medak und ihre Familie Vorkehrungen: "Das Futter für die Kühe musste ausgetauscht werden und wir haben alles Gemüse aus unserem Kleingarten weggeschmissen", erzählt sie.

"Es war schrecklich, einfach grausam", sagt Caren Stümpflen aus BruO:18040686.JPGcken. Jedes Mal, wenn sich das Reaktorunglück von Tschernobyl jährt, denkt die 48-Jährige unwillkürlich an das Ereignis zurück: "Ich habe nämlich am 26. April Geburtstag", sagt sie. Furchtbar findet sie, dass so viele Menschen als Folge radioaktiver Verstrahlung unter Missbildungen, Krebs und Leukämie leiden. Besondere Sorge bereitet ihr auch das Wissen, dass ein Atomunglück jederzeit wieder passieren kann "auch hier bei uns".

Nur noch wenige Erinnerungen an die Zeit nach der Explosion in dem O:18040685.JPGAtomkraftwerk hat Anton Hörber aus Stuttgart. "Ich war damals erst sechs Jahre alt", sagt er. Darum kommen dem 26-Jährigen beim Thema "Tschernobyl" weniger Ängste und Horrorszenarien in den Kopf, sondern eher Details: "Ich weiß zum Beispiel noch, dass es auf einmal keine Milch und keinen Salat mehr bei mir in der Familie gab." Wichtig ist aus seiner Sicht, dass Kernkraftwerke Sicherheitsstandards erfüllen denn: "Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass so etwas wieder passiert."

"Ich habe keine Ahnung was das ist", gibt Jessica Buda aus Filderstadt O:18040684.JPGzu, als sie bei ihrem Bummel durch Kirchheim spontan mit dem Schlagwort "Tschernobyl" konfrontiert wird. Dass es ein Atomunglück in der Ukraine gegeben haben soll, weiß die 20-Jährige allerdings kann sie sich nicht vorstellen, dass heute noch eine Bedrohung von der Kernkraft ausgeht: "Ich denke nicht, dass so etwas noch einmal passiert."

"Als das Unglück passierte, war ich gerade im Urlaub in Tunesien", erzählt Franz Gärtner: "Ich habe mir überlegt, ob ich überhaupt wieder zurückfliegen soll." Der Schock des O:18040689.JPGUnglücks bestärkte den 48-jährigen Kirchheimer in seiner Haltung: "Ich war noch nie ein Freund der Atomkraft. Sie ist gefährlich und bringt auch für die Nachwelt Probleme." An besonders häufiges Duschen oder gar den Verzicht auf Freilandaufenthalte dachte Franz Gärtner damals jedoch nicht: "Ich habe lediglich keine Pilze und kein Wild gegessen."

Besonders wachsam ist Maria-Ilona Frey seit Tschernobyl: "Wir sind nicht mehr so leichtfertig und gehen beim Einkaufen misstrauisch ans Werk", betont sie. Kurz nach O:18040683.JPGdem Unglück brachte sie wenig Frisches auf den Tisch: "Wir haben Eingefrorenes gegessen und für die Kinder habe ich Gläschen gekauft obwohl das bei mir eigentlich verpönt war." Ein Ereignis kommt ihr stets in den Kopf, wenn sie an das Atomunglück denkt: "Wir haben nach der Katastrophe Hamsterfutter von der Wiese geholt. Kurz danach verlor der Hamster sein Fell, 14 Tage später war er tot." Ob das tatsächlich an der Radioaktivität lag, weiß die 59-Jährige nicht: "Wir haben es aber immer darauf geschoben."