Lokales

Mit dem Kehrwisch den Reben-Schädlingen zu Leibe gerückt

An Egelsberg und Limburg wächst manch guter Tropfen. Seit mehr als 900 Jahren wird in Weilheim Weinbau betrieben. Ganz so alt ist der Verein der Weinbergbesitzer zwar noch nicht. Doch wird dieses Jahr das 50-jährige Bestehen gefeiert.

WEILHEIM Wie viel Öchsle stecken in Müller-Thurgau, Portugieser, Silvaner und Dornfelder? Stimmt die physikalische Reife der Trauben? Bange Fragen, die alljährlich bei der Weinbergbegehung Ende September beziehungsweise Anfang Oktober an Limburg oder Bürrle geklärt werden. Stolz konnte Ausschussmitglied Werner Kauderer während des Rundgangs im vergangenen Jahr vermelden: "Wir verbessern den Täleswein." Gemeint sind die Tropfen der Genossenschaft Hohenneuffen-Teck. Ihr gehört inzwischen das Gros der Weilheimer Wengerter an. Lediglich der Ertrag von 0,5 Hektar der Weilheimer Weinbaufläche wird nicht in der Genossenschaft gekeltert.

Anzeige

Am 18. Februar 1956 wurde der Verein der Weinbergbesitzer im Weilheimer Gasthaus zum Anker als Nachfolger der früheren Weinzehntgesellschaft gegründet. Damals traten dem Verein 31 Mitglieder bei. Der Vorstand setzte sich aus drei Köpfen zusammen. Karl Bauer hatte das Amt des Ersten Vorsitzenden bis 1971 inne. Schriftführer Albert Kuch und Kassierer Hans Bernauer saßen bis 1960 in dem Dreiergremium. Weitere sechs Mitglieder bildeten den Ausschuss. Das einstige Gründungsmitglied Eugen Gölz gehört noch heute zum Verein.

Insgesamt bauen die Weinbergbesitzer der Zähringerstadt derzeit auf 2,8 Hektar Reben an. Das war im 17. Jahrhundert noch anders. Damals war von 299 Morgen die Rede das entspricht 100 Hektar.

Die Geschichte des Weinbaus in der Limburgstadt ist von einem Auf und Ab gekennzeichnet: Während des Dreißigjährigen Krieges ging die Anbaufläche auf 30 Hektar zurück, 1730 wuchs sie wieder auf das Doppelte an; im Jahr 1878 kümmerten sich insgesamt 530 Wengerter um 37 Hektar. Zum Vergleich: Der Verein der Weinbergbesitzer zählt heute 23 Mitglieder. Der Rückgang der Bedeutung des Weinbaus ist wohl in erster Linie auf Schädlinge und Krankheiten zurückzuführen. So trat Ende des 19. Jahrhunderts in Europa zum ersten Mal die aus Nordamerika eingeschleppte Pilzkrankheit Peranospera auf. Zur gleichen Zeit breitete sich auch die Reblaus aus. Um den Weinbau zu retten, ersetzten die Wengerter wurzelechte Reben durch so genannte Pfropfreben.

Überwiegend werden in den Weilheimer Weinbergen noch Trauben für Weißwein angepflanzt. Mit 63 Ar hat der Müller-Thurgau die Nase vorn; häufig ist auch der Kerner vertreten. Mit neun Ar führt der Riesling dagegen eher ein Schattendasein. Unter den Rotweinen nimmt der Spätburgunder vor dem Acolon die Spitzenstellung ein. Doch werden neue Pflanzen gesetzt, greifen die Wengerter vermehrt zu Rotgewächsen, lassen sie sich doch besser vermarkten.

Gedeihen Spitzenweine in hiesigen Gefilden bekantlich in Südlagen, so wurde der Weinbau an der Limburg einst vorrangig an der West-Nord-Seite des Vulkanbergs betrieben. Der Grund: Die Hänge waren nicht so steil und nicht so weit vom Ort entfernt entscheidend zu Zeiten, in denen es weder Auto noch Traktor gab und als Transportgerät vorwiegend Schubkarren dienten. Weil die Reben an einzelnen Stöcken gezogen wurden, mussten jedes Jahr neue Pfähle in den Boden gerammt werden. Nach starkem Regen galt es, den abgeschwemmten Boden wieder nach oben zu tragen, aus Platzgründen konnten die Wengerter nicht mit der Sense mähen und gespritzt wurde anfangs nur mit dem Kehrwisch. Die Pumpbuckelspritze stellte später einen gewaltigen Fortschritt dar.

Um die Reben effektiver bearbeiten zu können, stellten die Weinbergbesitzer auf Zeilengassen um. Die Weiterentwicklung zu den heute noch üblichen Hochstamm-Reben freute so manchen geplagten Rücken. So konnte der Boden zwischen den Reben begrünt werden, und auch nach starken Niederschlägen war der Weinberg bald wieder begeh- und befahrbar. Die Neuerungen wurden in Weilheim erstmals am Egelsberg umgesetzt.

Freuten sich die Weingärtner früher über einen üppigen Behang, so müssen sie heute regulierend eingreifen, weil die Richtlinien der Europäischen Union eine Mengenbegrenzung von 110 Litern pro Ar vorschreiben. Nicht immer einfach für sparsame Schwaben. "Den Älteren fällt das Ausdünnen und das Herausschneiden von Trauben besonders schwer", betont Werner Kauderer.

Bis 1958 tranken die Winzer den Weilheimer Wein überwiegend selbst oder verkauften ihn an Wirte in der Umgebung. Preis und Absatz unterlagen dabei starken Schwankungen je nachdem, ob es sich um einen guten oder schlechten Jahrgang handelte. Deshalb traten einige Weinbergbesitzer der 1947 gegründeten Weingärtner Genossenschaft Hohenneuffen-Teck bei. Auch die Stadt Weilheim unterstützte den Schritt. Sie erwarb mit zehn Anteilen die Mitgliedschaft. Bis 1965 wurde der Wein in Neuffen durch den Kellermeister ausgebaut. Die einzelnen Weinbaugemeinden hatten weiter ihre eigenen Weine. "Weilheimer Limburg" prangte so beispielsweise auf dem Rebensaft. Seit 1966 wird der gesamte Traubenmost an die Württembergische Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) Möglingen geliefert, dort ausgebaut und abgefüllt. Die Trauben der Weilheimer Genossenschaftsmitglieder wurden von 1959 bis 1976 in der Weilheimer Kelter an der Weinsteige gepresst und dann von einem Tankwagen abgeholt. Von 1977 an wurden die Trauben in Weilheim lediglich noch entbeert, gewogen, die Öchslegrade festgehalten und in 5000-Liter-Fässer umgefüllt. Anschießend brachten die Wengerter die gesamte Tagesernte jeweils sortenrein zum Pressen nach Neuffen. Seit dem vergangenen Jahr müssen sämtliche Mitglieder ihr Lesegut direkt in Neuffen anliefern, damit die Hygienevorschriften der zertifizierten WZG Möglingen eingehalten werden.

Die Weilheimer Genossenschaftsmitglieder brachten von 1959 bis 2005 insgesamt 676 558 Kilogramm Traubenmaische nach Neuffen. Das entspricht rund 525 000 Litern Wein, jährlich sind das im Schnitt 11 200 Liter. Spitzenreiter in punkto Qualität ist der Wein des "Jahrhundertsommers" 2003 mit 94 Öchsle, dicht gefolgt vom Jahrgang 1997, in dem 91 Öchsle erreicht wurden.

Einen Totalausfall gab es während der gesamten letzten 50 Jahre nicht. Das war in früheren Zeiten anders: Die Weilheimer Chronik, die die Jahre 1756 bis 1896 umfasst, berichtet von 72 Jahren mit geringem oder gar keinem Ertrag. Ein gutes Drittel der Jahrgänge wird darin als "sauer" beschrieben. 1837 bemerkte der Chronist: "Es wurde ein sündiges Gespött über den Wein geübt." Dem Geschichtsschreiber zufolge stimmten lediglich alle zehn Jahre Qualität und Quantität. Lediglich alle vier Jahre gab es genügend Wein. Dagegen blieb beispielsweise der Silvaner in den vergangenen 20 Jahren nur vier Mal unter 20 Öchsle und lediglich drei Jahrgänge lieferten einen halben Ertrag. Werner Kauderers etwas ironisches Fazit: "Früher regelte die Natur die Mengenbegrenzung, heute müssen wir Wengerter das selbst erledigen."

Ein Blick in die Chronik fördert auch Wissenswertes über die alte petrinische Kelter in Weilheim zutage. Die Jahreszahl 1758 über der südlichen Eingangstür wies offenbar auf eine Renovierung hin. Bereits im Statutenbuch von 1571 ist die Kelter genannt. Allerdings geht sie auf die Zeit zurück, als die Limburg noch St. Peter gehörte das war vor 1453. Die 42 auf 16 Meter große Kelter zeugte von der ehemaligen Bedeutung des Weinbaus in Weilheim. Bis zum Jahr 1943 diente sie ausschließlich dem Weinbau, beherbergte Keltergeschirr, alte Bütten und Standen, Kelterbäume und später Weinpressen. Mitte der vierziger Jahre funktionierte die Stadt die Hälfte des Gebäudes in eine Turnhalle um, baute später eine Bühne ein und nutzte das Gebäude für Versammlungen. 1956 wurde die petrinische Kelter schließlich abgebrochen, weil die Stadt ein Schulgebäude auf dem Kelterplatz plante. Als Ersatz wurde die neue Kelter an der Weinsteige gebaut.

Am Egelsberg begann der Weinbau im Jahr 1568. Dafür wurde an der Schulstraße eine Stadtkelter gebaut, die noch bis 1955 als Farrenstall benutzt wurde. Heute flimmern an dieser Stelle in den Schlosslichtspielen Kinofilme über die Leinwand. Während des Dreißigjährigen Krieges gaben die Wengerter den Weinbau am Egelsberg auf; der von der Regierung geforderten Wiederanpflanzung von Reben am Bürrle erteilten die Weilheimer mangels Weinbauern eine Absage. Wie bereits vor dem Weinbau wurde der Egelsberg wieder als Schafweide genutzt. Abgesehen von einem kurzen Intermezzo begannen die beiden aus Südmähren stammenden Familien von Anton und Josef Riemer nach dem Zweiten Weltkrieg wieder mit dem Weinbau am Egelsberg. Sie traten 1956 auch als erste Weilheimer Mitglieder der Winzergenossenschaft Hohenneuffen-Teck bei. Zudem züchtete Anton Riemer von 1949 bis 1975 Pfropfreben zum Verkauf. So entstand am Egelsberg ein Muttergarten mit resistenten amerikanischen Wildreben. Die im Veredlungsbetrieb entstandenen Pfropfreben wurden nicht nur in Weilheim und den umliegenden Gemeinden der Winzergenossenschaft ausgepflanzt, sondern auch auf Bestellung des Regierungspräsidiums Nordwürttemberg unter anderem an die Rebenaufbaugenossenschaften nach Uhlbach, Endersbach, Großheppach, Hessigheim und Beutelsbach geliefert. Veredelt wurden 1949 Silvaner, Riesling, Trollinger, ab 1950 auch Müller-Thurgau und Portugieser und später auch Kerner. Anfang der 50er-Jahre wagten sich die Gebrüder Riemer auch an Rotgewächse. Bis dahin wurde fast ausschließlich die Silvanerrebe angepflanzt. Seit 1995 hat Familie Warth aus Untertürkheim Flächen gepachtet und immer mehr ausgebaut, sodass am Egelsberg jetzt eine zusammenhängende Fläche von einem Hektar mit Reben bestockt ist.

An der Limburg arbeiten die Wengerter bis heute unter erschwerten Bedingungen. Weinbau-Traktoren samt Zusatzgeräten können im steilen Gelände nur dort eingesetzt werden, wo die Grundstücke von oben und unten mit Wegen erschlossen sind. Dennoch: Intensive Pflege und gute Lage sorgen dafür, dass in Neuffen trotzdem meist gute Qualität angeliefert wird.

Obwohl der Weinbau nur ein bescheidenes Nebeneinkommen sichert, finden sich auch in der jüngeren Zeit immer wieder Idealisten, die den Anbau der Reben weiterführen möchten. Auch das örtliche Leben bereichern die Weinbergbesitzer unter ihrem Vorsitzenden Kurt Bög, der das Amt bereits seit 35 Jahren bekleidet: Mit dem Weinausschank am Städtlesfest, der Weinprobe am Kirschblütentag, dem Kelterhock sowie beim alljährlichen Adventsmarkt. Das Jubiläum wird heute Abend mit geladenen Gäste gefeiert. Angesagt hat sich dazu auch die ehemalige Württembergische Weinkönigin, Christine Warth.

wk/ank

Fotos: Jean-Luc Jacques