Lokales

Mit dem Marimbafon in die musikalische Bundesliga

KIRCHHEIM Wenn Vanessa Wünsch ihre musikalischen Hausaufgaben macht, ist die Luft voller klarer, weicher Akkorde. Voll ist auch der Raum, denn das kleine Dachzimmer der Fünfzehnjährigen beherbergt nicht nur Schlafstatt und

Anzeige

ANNEGRET KAPP

Schreibtisch, sondern zusätzlich das Marimbafon, auf dem sie die Klänge zaubert und das fast so viel Platz braucht wie das Bett.

Erstmals hat es beim Wettbewerb "Jugend musiziert" die Kategorie "Mallets solo" gegeben, in der die Kirchheimerin mit ihrem exotischen Tonwerkzeug prompt auf Regional- und Landesebene einen ersten Preis mit Weiterleitung erspielte. Beim Bundeswettbewerb am vergangenen Wochenende in der Stadthalle Fürth stellte die Kirchheimerin nun ein weiteres Mal ihr Können unter Beweis und gewann mit insgesamt 21 Punkten einen dritten Preis.

Nicht nur in den Landkreisen Esslingen, Göppingen und Rems-Murr, aus denen Vanessa als einzige Stabspiel-Solistin ihrer Altersklasse zum musikalischen Wettstreit angetreten war, ist die Marimba eine Rarität. Sie ist das Nationalinstrument von Guatemala, stammt ursprünglich aus Afrika und ist auch in Japan recht verbreitet. In Deutschland ist sie hingegen weit weniger bekannt als ihr Verwandter, das Instrument mit X, das zumindest Kreuzworträtselfreunden ein Begriff ist. Vom Xylofon unterscheidet sich die Marimba durch die dünneren, stärker ausgehöhlten und weicheren Holzplatten, die ihr einen dunkleren, volleren Ton verleihen. Diesen verstärken Resonanzkörper unter den Klangplatten. Bei den traditionellen Instrumenten der Afrikaner und ihrer im Sklavenhandel nach Südamerika verschleppten Nachfahren können dies Flaschenkürbisse sein. Moderne Marimbafone haben stattdessen Metallröhren, deren Länge genau auf die Höhe des darüber angespielten Tons abgestimmt ist. Der Tonumfang kann über fünf Oktaven erreichen, für Vielfalt bei den Klangfarben sorgen verschiedene Schlägel. Um Melodie und Begleitstimmen besser herauszuarbeiten, kommen bisweilen vier unterschiedlich weiche Schlägel gleichzeitig zum Einsatz.

Den härtesten Anschlag für einen durchdringenden Klang braucht Vanessa Wünsch, wenn sie im Kreisjugendblasorchester oder in der Stadtkapelle Kirchheim spielt. Der Wunsch, in der Stadtkapelle mitzuspielen, hatte die Gymnasiastin dazu bewogen, neben den Klavierstunden, die sie seit der ersten Klasse bekommt, ein weiteres Instrument zu erlernen. Perkussion wollte sie machen wie der Vater, der dort Schlagzeug spielt, aber auch eine Melodie spielen können, wie die Mutter auf der Klarinette. So fiel die Wahl auf die Mallets, also die Stabspiele obwohl sie schon wusste, dass die Perkussionisten bei Auftritten oft eine Stunde nur mit Auf- und Abbau beschäftigt sind und deshalb stets als Letzte zum geselligen Teil übergehen können.

Die Stadtkapelle freute sich über den talentierten Nachwuchs an einem schwer zu besetzenden Instrument und ließ Vanessa schon als Dreizehnjährige im Hauptorchester mitspielen. Das ist umso bemerkenswerter als die Kirchheimer regelmäßig bei Wettbewerben der höchsten Leistungsstufe antreten.

Obwohl sich die Neuntklässlerin nicht vorstellen kann, ihr Hobby später zum Beruf zu machen, nimmt sie es sehr ernst. In den Wochen vor einem wichtigen Vorspiel übt sie täglich anderthalb Stunden. "Mehr geht nicht, sonst tut mir die Hand weh", erklärt sie. Weil mit Muskelkater oder Stauchungen das rasante Schlägelschwingen unmöglich wäre, schraubt sie vor großen Auftritten auch ihr dreimal wöchentliches Schwimmtraining zurück und verzichtet auf die Volleyball-AG. "Du spinnst", meinen ihre Freundinnen angesichts des Zeit fressenden Engagements in vier Ensembles. Oft muss die Neuntklässlerin in den Probepausen Vokabeln der drei Fremdsprachen büffeln, die sie am Schlossgymnasium lernt. Deshalb hofft sie nach ihren jüngsten Erfolgen bei "Jugend musiziert" auf mehr Verständnis seitens der Schule für ihr aufwendiges Hobby.

Als Sponsoren und Logistik-Manager der Jungmusikerin fungieren ihre Eltern. So bekam Vanessa vor einem Jahr ein eigenes Marimbafon mit Klangplatten aus Palisander, das für Soloauftritte besser klingt als die Orchesterinstrumente mit Padouk-Hölzern. Mutter Elke kümmert sich um die logistische Herausforderung, mit Kisten in der Größe von Kleiderschränken zu Konzerten anzureisen, und wöchentlich zum Unterricht nach Stuttgart zu fahren. An der Musikschule Stuttgart fand Vanessa einen auf das Exoten-Instrument spezialisierten Lehrmeister: Gergely Nagy. Die Marimba-Experten bilden selbst international eine relativ kleine Gemeinschaft. So stellte Vanessa fasziniert fest, dass das Schlägelset, das sie über ihren Lehrer gebraucht kaufen konnte, von der weltberühmten japanischen Virtuosin Keiko Abe stammt.

Bei den Vorspielen für "Jugend musiziert" hat das Kirchheimer Nachwuchstalent nun Gelegenheit, selbst Stücke zu Gehör zu bringen, die sie als CD-Einspielungen von Weltklassespielern kennt, beispielsweise "Ghanaia" von Matthias Schmitt. "Der Leistungsdruck bei diesem Wettbewerb ist schon sehr hoch", bekennt die Jugendliche.

Von Bedeutung ist für Vanessa nach ihrem Vorspiel beim Bundeswettbewerb in Fürth aber nicht nur der dritte Preis. Sie freut sich auch darüber, dass sie Gelegenheit hatte, andere junge Tonkünstler zu hören und Anregungen von einer hoch qualifizierten Jury zu bekommen: "Diese Erfahrung nimmt einem keiner mehr."

Foto: Jörg Bächle