Lokales

Mit dem „Motorradl“ der Seidenstraße entlang

Angela Brandl verpasste ihrer Fangemeinde einmal mehr großes Fernweh

Kirchheim. Nach ihrer zweijährigen „Reise zum Horizont“, die sie von Bayern bis Australien führte, hat sich Angela Brandl erneut eine Auszeit gegönnt. In der Brunnenstraße in Jesingen berichtete sie beredt über ihre Fahrt entlang der Seidenstraße.

Wolf-Dieter Truppat

Rund 28 000 Kilometer hat sie bis Peking mit ihrem „Moped“ zurückgelegt – und manche Überraschung erlebt.

Touristisch noch eher unberührtes Niemandsland birgt nicht nur unentdeckte Schönheiten, sondern auch viele Risiken und Strapazen in sich. Die unvermeidlichen Grenzübergänge sind dabei eine ganz besondere Herausforderung und Grenzen hatte Angela Brandl auf ihrer langen Tour zweifellos viele zu passieren.

Eine für ausländische Besucher nicht bereitgehaltene Infrastruktur, nicht lesbare Karten und kaum vorhandene Hinweisschilder zwingen Individualreisende unentwegt zu Spontaneität und Improvisation. Angela Brandl schafft es aber immer wieder, ohne ernsthafte Probleme von ihren abenteuerlichen Reisen in den heimischen Alltag zurückzukommen.

Wortgewaltig und gewinnend berichtet sie begeistert aber ungemein zurückhaltend über all das, was man erlebt, wenn man alleine und auf eigene Faust mit dem „Motorradl“ das Herz Zentralasiens ansteuert. Die vielen Ausnahmesituationen unterwegs werden einem da kaum bewusst. Kein Strom, kein Wasser, kaum Benzin waren Anmerkungen, die im gewaltigen Redefluss einfach untergingen und im Rückblick der uneit­len Erzählerin wohl auch gar keine allzu große Bedeutung bekommen sollen.

Wer das reisewütige Energiepaket Angela Brandl schon einmal erlebt hat, ließ sich gerne auf eine weitere lange Begegnung ein, die aus der Werkstatt von BMW-Schäufele einmal mehr ein fast aus den Nähten platzendes Vortragsforum machte.

Die aus 6000 Dias ausgewählten und mit passender Musik und Originalton unterlegten 860 Bilder sorgten für einen langen, aber nie langweiligen Abend. Außer in ihrem mitgebrachten „Zeltl“ übernachtete Angela Brandl nicht nur in Klöstern, sondern versehentlich auch in Bordellen. Immer wieder bildeten auch Jurten eine willkommene Herberge. Die bescheidene Anfrage, ob sie nebenan ihr Zelt aufbauen dürfe, sorgte oft dafür, dass die armen, aber gastfreundlichen Besitzer sie gleich für eine Nacht in die Familie aufnahmen.

Dass die reisefreudige Motorradfahrerin nach einem strapaziösen Reisetag auch noch völlig allein ihr Zelt aufbauen soll, wurde vielerorts energisch unterbunden. Die Begegnung mit Menschen ist ein wichtiges Motiv der Reisen, die Angela Brandl immer wieder nicht nur in atemberaubende Landschaften führt, sondern auch für nicht unbedingt vo­rauszusehende Gesten der Gastfreundschaft und des Vertrauens sorgt, die sie vor allem in den ärmsten und entferntesten Ecken der Welt erleben durfte.

Von der Türkei aus trat sie ihre lange Reise an, die sie über Georgien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisien und Kasachstan Richtung chinesischer Grenze führte. Auch wenn es nicht möglich ist, mit einem eigenen Fahrzeug nach China einzureisen, schafft Angela Brandl es letztendlich doch, in zähen Verhandlungen, ein spezielles Zollpapier für ihr „Motorradl“ mit deutschem Kennzeichen zu bekommen. Das Argument, dass sie unbedingt zur Olympiade nach Peking will, überzeugt letztlich.

Dass sie die Landessprache nicht beherrscht und viele der Menschen, denen sie begegnet kein Englisch sprechen, kann sie nicht davon abhalten, ihren langen Traum einer Fahrt entlang der sagenumwobenen Seidenstraße zu verwirklichen und schließlich in Peking enden zu lassen.

Leicht war das nicht, denn ohne Hilfe sich in Millionenstädten zurechtzufinden, ohne die für den Durchgangsverkehr errichteten Schilder lesen zu können, ist nicht einfach. „Reinfahren ist kein Problem“, weiß Angela Brandl, „rausfinden dagegen schon“.

Da sie sich an einem bestimmten Platz in Peking mit jemand verabredet hatte, brauchte sie auch einmal dringend die Hilfe eines Taxifahrers, der zunächst überhaupt nicht verstand, dass diese exotische Motorradfahrerin eigentlich nur wollte, dass er gegen Vorauskasse zu genau diesem Park in der Stadtmitte vor ihr herfährt.

Eine geeignete Übernachtungsmöglichkeit und einen sicheren Standort für ihr „Moped“ zu finden, ist nicht immer leicht. Das mitgebrachte Zelt blieb aber oft in der Gepäckkiste des „Motorradls“, das an der Rezeption eines Hotels im ersten Stock eines Abends genauso gut und sicher untergebracht war wie in einem Keller, von dem aus es sich freilich fast nicht wieder auf die Straße bringen ließ.

Nach vielen durchlebten Abenteuern des Reisealltags und kaum vorstellbaren Kämpfen gegen die Bürokratie gönnte sich Angela Brandl nach 28 000 munter erzählten, aber doch immer wieder auch hart erfahrenen Motorrad-Kilometern eine vergleichsweise gemütliche Rückreise. Mit der transsibirischen Eisenbahn fuhr sie von Peking nach Moskau, das ja eigentlich nur noch einen “Katzensprung“ vom bayrischen Moosburg bei Augsburg entfernt liegt . . .

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