Lokales

Mit dem Namen bleibt auch die Erinnerung

In wenigen Wochen erhält Kirchheim die ersten "Stolpersteine". Die Steine erinnern an einstige Mitbürger, die während des "Dritten Reichs" als Opfer des nationalsozialistischen Regimes ihr Leben verloren. Den Anstoß zu den Stolpersteinen gab die Frauenliste.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM In den vergangenen zehn Jahren hat der Kölner Künstler Gunter Demnig bereits über 9 000 Stolpersteine verlegt überwiegend in Deutschland, aber auch in Österreich, Italien, Ungarn oder in den Niederlanden. Bei den Steinen handelt es sich um Betonwürfel, die mit einer Messingplatte versehen sind. Auf dieser Platte stehen der Name des NS-Opfers, das Geburtsjahr sowie Jahr und Zielort der Deportation. Am Dienstag, 10. April, soll Gunter Demnig zunächst neun Steine verlegen. Auf ihnen stehen Namen und Daten von sieben jüdischen Mitbürgern sowie von zwei russischen Zwangsarbeitern, die "auf der Flucht" erschossen wurden, wie es damals hieß.

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Die Stolpersteine werden vor den letzten bekannten Wohnhäusern der Opfer im Straßenpflaster eingelassen. Sie schließen bündig ab, sodass die Passanten lediglich im übertragenen Sinne über die Steine stolpern können. Dr. Silvia Oberhauser, Stadträtin für die Frauenliste undInitiatorin des Kirchheimer Projekts, ist beispielsweise im Oktober letzten Jahres erstmals über solche Steine "gestolpert", in Berlin. "Es war kein Stolpern, sondern ein Innehalten", erinnert sie sich und erzählt, dass sie anschließend den Stolpersteinen durch Berlin gefolgt ist.

Diesem Erlebnis folgten in Kirchheim Gespräche mit der Oberbürgermeisterin und die Kontaktaufnahme mit dem Künstler. Die erforderlichen Informationen über ehemalige jüdische Mitbürger steuerte Brigitte Kneher bei, die sich schon lange intensiv mit dem Thema befasst und die auch spezielle Stadtführungen zum Thema "Juden in Kirchheim" anbietet. Informationen über Zwangsarbeiter lieferte Gunter Basler. Stadtarchivar Rainer Kilian unterstützte die Initiatorin mit weiteren historischen Fakten über Menschen, die aus Kirchheim stammten und im "Dritten Reich" verfolgt wurden.

An Sinti und Roma wird in Kirchheim allerdings nicht in Form von Stolpersteinen erinnert. Silvia Oberhauser erläutert die Gründe dafür: "Wir haben Kontakt aufgenommen, aber es ist für sie unvorstellbar, dass die Namen ihrer Vorfahren mit Füßen getreten werden. Diesen Wunsch wollen wir respektieren."

So sind es also hauptsächlich Kirchheimer Juden, an die die Stolpersteine erinnern werden. Bei einem weiteren Verlegetermin der voraussichtlich im Februar 2008 ansteht sollen zu den sieben deportierten Juden und den beiden Zwangsarbeitern noch fünf Personen hinzukommen.

Vier davon waren ebenfalls jüdische Mitbürger Kirchheims, einer war ein polnischer Landarbeiter, der im Februar 1944 mit 19 Jahren im Kirchheimer Krankenhaus an einem Magendurchbruch sterben musste, nachdem ihm die notwendige medizinische Behandlung verweigert worden war.

Bei der Recherche zum Thema "Zwangsarbeiter" gibt es große Schwierigkeiten, wie Gunter Basler gestern bei einem Pressegespräch erläuterte: "Da klaffen große Lücken. Teilweise sind auch Unterlagen bewusst vernichtet worden." Im Gegensatz zu den jüdischen Mitbürgern handelte es sich bei den Zwangsarbeitern auch nicht um angestammte Kirchheimer, weshalb über sie ohnehin weniger Informationen vorliegen.

Zudem sieht das Konzept des Künstlers Gunter Demnig eigentlich vor, die Stolpersteine in unmittelbarer Nähe zum letzten frei gewählten Wohnort der Opfer des Nationalsozialismus anzubringen. Bei Zwangsarbeitern kann von einem frei gewählten Wohnort freilich nicht die Rede sein. Deshalb steht auf den Steinen, die den einstigen Zwangsarbeitern gewidmet sind, der Hinweis: "Hier lebte . . ." Im Fall der einheimischen Juden dagegen heißt es: "Hier wohnte . . ."

Stadtarchivar Rainer Kilian sprach gestern von 59 Juden, die in den 30er-Jahren in Kirchheim wohnten, von denen aber nicht alle deportiert worden seien: "Wer es schaffte, ist rechtzeitig ausgewandert." Angelika Matt-Heidecker wusste, dass zu Beginn des Zweiten Weltkriegs noch 43 Juden in Kirchheim gewohnt hatten, am Ende des Kriegs kein einziger mehr.

Brigitte Kneher war es dann, die sich vor über 20 Jahren der schwierigen Aufgabe stellte, zu denjenigen Kirchheimer Juden, die rechtzeitig nach Israel oder in die USA ausgewandert waren, Kontakt aufzunehmen und sie in ihre einstige Heimatstadt einzuladen. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker zollte Brigitte Kneher für diese Leistung höchsten Respekt.

Rainer Kilian erinnerte gestern auch daran, dass Themen wie "Holocaust" und "Nationalsozialismus" in den 80er-Jahren noch "sehr unbeliebt waren", als Brigitte Kneher mit ihren Nachforschungen in Kirchheim begann. "Aber schon damals", fügte Kirchheims Stadtarchivar jetzt hinzu, "haben wir Wert darauf gelegt, dass es keine Kollektivschuld geben kann, sehr wohl aber eine Kollektivverantwortung." Die Stolpersteine sind für ihn ein Zeichen dafür, dass sich auch Kirchheim dieser kollektiven Verantwortung stellt.

Angelika Matt-Heidecker ist froh darüber, "dass die Frauenliste das Thema aufgegriffen hat und an die Verwaltung herangetreten ist". Es gehe bei diesem Projekt darum, wie in vielen anderen Städten, so auch in Kirchheim die Erinnerung an die Mitbürger aufrechtzuerhalten, die Opfer des NS-Regimes geworden sind. In diesem Zusammenhang zitierte die Oberbürgermeisterin den Schriftsteller und Literaturkritiker Walter Benjamin, der sich im September 1940 in Spanien das Leben genommen hatte aus Furcht vor der Auslieferung an die Nazis: "Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten." Ziel des Projekts "Stolpersteine" sei es, diesen Namenlosen ihren Namen zurückzugeben und sie somit vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren.

Silvia Oberhauser verwies gestern noch darauf, dass das Projekt auf Sponsoren angewiesen ist. Der Preis für einen Stolperstein betrage 95 Euro. Außer Einzelpersonen könnten auch Schulen, Unternehmen, Parteien sowie sonstige Gruppen und Organisationen aller Art die Kosten für einen Stolperstein übernehmen. Wer sich als Sponsor an der Stolperstein-Initiative beteiligen möchte, sollte sich mit dem Kirchheimer Hauptamtsleiter Steffen Weigel unter der Telefonnummer 0 70 21/5 02-2 04 in Verbindung setzen.