Lokales

Mit dem "Romancier als Fremdenführer" unterwegs zur Braut

OWEN

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"Wahnsinn, Liebeskummer oder Entkräftung es rafft am Ende alle dahin." So beschreibt die Literaturwissenschaftlerin Ute Harbusch einigen wenigen wagemutigen

ANDREAS VOLZ

Wandergesellen auf dem Geigersbühl bei Großbettlingen die wichtigsten Handlungszusammenhänge von Eduard Mörikes Roman "Maler Nolten". Von Owen her kommend, haben die Wanderer im Jubiläumsjahr zu Mörikes 200. Geburtstag auf den Spuren des Dichters bereits eine beachtliche Strecke Fußwegs hinter sich gebracht.

Manch einer mag insgeheim denken, dass es Wahnsinn gewesen sein müsse, sich überhaupt auf diese literarische Tour einzulassen, zu der der "Alt Owen"-Förderkreis und der Schwäbische Albverein gemeinsam eingeladen hatten: Schließlich ist der Geigersbühl noch lange nicht der Schlusspunkt des poetischen Ausflugs. Nach kurzer Mittagsrast geht es vielmehr weiter nach Grötzingen, wo mit mehr oder weniger deutlichen Anzeichen von Entkräftung zu rechnen sein dürfte. Allein den Liebeskummer überlassen die zehn Wandersleute dem 200 Jahre alten schwäbischen Dichter und seinen literarischen Gesellen.

"So wanderte denn der kleine Zug und gelangte bald aus dem Tälchen auf die fruchtbare höher gelegene Ebene. Lange zuvor hatte man den Hügel vor sich, der, unter dem Namen Geigenspiel bekannt, an seinem Fuße unbedeutend anzusehen, oben mit einer außerordentlichen Aussicht überrascht." Von der Aussicht abgesehen, die zwar wirklich außerordentlich, aber durch regnerisches Herbstwetter stark getrübt war, hätte diese Schilderung aus Mörikes einzigem Roman durchaus auch zu der kleinen Schar gepasst, die sich im Jubiläumsjahr 2004 von seinem einstigen Pfarrvikarsstädtchen Owen aus auf den Weg nach Grötzingen gemacht hatte. Am Zielort wartete Luise Rau auf die Wanderer, einstmals leibhaftig auf ihren Verlobten Eduard Mörike, 200 Jahre nach dessen Geburt auf die zehn Owener "Mörike-Pilger" in Form einer kleinen Gedenkausstellung im Grötzinger Museum. Hinzu kam die Besichtigung von Kirche, Pfarrhaus und Pfarrkeller, der sich kurzerhand in einen gastlichen "Luise-Rau-Keller" verwandelt hatte.

Zurück zum Geigersbühl, den Mörike im "Maler Nolten" als "Geigenspiel" bezeichnet und auf dem eine seiner volkstümlichsten Figuren Jung Volker sein Wesen getrieben haben soll. Trotz des geänderten Namens versichert Mörike in einer "hochgelahrten" Fußnote mitten im Roman: "Die kurze Beschreibung dieser Gegend ist, soviel es möglich war, nach der Natur entworfen. Der Punkt, auf welchen man hier ausdrücklich aufmerksam machen will, befindet sich im Württembergischen, im Oberamt Nürtingen, zunächst bei dem Pfarrdorfe Groß-Bettlingen."

Friedrich Pfäfflin, ehemaliger Leiter der Museumsabteilung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach, konnte sich bei der literarisch ausgestalteten Rast auf dem Geigersbühl einen kleinen Seitenhieb zu diesem Stück Weltliteratur nicht verkneifen: "Wenn man das in Japan liest, hat man wirklich was davon."

Vor Ort allerdings zeigte sich, dass der "Romancier als Fremdenführer", wie Pfäfflin sich ausdrückte, wahrhaft und naturgetreu schildert, was es zu sehen gibt. "Hier schaute, gar nicht allzu weit entfernt, eine lang gedehnte Albtraufe ernsthaft undgroß herüber; sie verschloß beinah die ganze Ostseite, Berg hinter Berg verschiebend und ineinander wickelnd", heißt es bei Mörike, bevor er den Hohenneuffen genauer ins Vi-sier nimmt: "Eine bedeutende Ruine krönte die lange Kette des Gebirgs und selbst durch einen schwächern Tubus glaubte man ihre Mauern mit Händen greifen zu können."

Über die Nebelgeister, die "in jenen feuchtwarmen Gründen irgendein goldenes Geheimnis zu hüten" schienen, kam Friedrich Pfäfflin zu weiteren Geistern im Werk Eduard Mörikes: Im Gedicht "Zwei Kameraden" erzählt ein gewisser Franz, wie er unterwegs sei zu seinem "Mädle", das auf dem Kirchhof liegt. In Mörikes Handschrift zu diesem Gedicht heißt es: "Zur Erinnerung an den Rückweg von Bettlingen nach N[ürtingen] im August 1830".

In jener Zeit hat Mörike nicht nur den "Maler Nolten" fertiggestellt, sondern nebenher auch seine Amtsgeschäfte als Vikar in Owen versehen. Außerdem war er damit beschäftigt, Liebesbriefe an die Braut in Grötzingen zu schreiben. "Es gibt nichts Schöneres für die Literatur, als wenn Dichter Liebessehnsucht haben", kommentierte Ute Harbusch auf dem Geigersbühl die rund 70 erhaltenen Briefe, die Mörike während der vierjährigen Verlobungszeit an Luise Rau geschrieben hat. Von der Braut selbst sind nur wenige Zeilen erhalten, die in Mörikes Notizbuch eingetragen waren: "Erinnerst du dich jenes schönen Nachmittags, als Du mir den Wilhelm Meister vorlaß'st, es wurde uns beyde so wohl ums Herz, wir hatten damals schon so leise Anklänge von einer gegenseitigen Liebe, die bald in helle Accorten übergiengen! L." Den Alltag der Brautleute schildert diese Szene freilich nicht oder allenfalls unvollständig. Es kommt noch die Kehrseite der Medaille hinzu längere Zeiten der räumlichen Trennung , die Mörike in dem Gedicht "An Luise" folgendermaßen umschreibt:Ist's möglich, ferne von der SüßenSo fort zu leben, so verbannt?Nur über Berg und Tal zu grüßen,Und nicht ein Blick, nicht eine Hand?Da ist es wahrlich oft ein JammerSo manchen lieben, langen Tag,Bis mir bei Nacht auf meiner KammerEinmal ihr Geist erscheinen mag.Sie setzt sich lächelnd zu mir nieder,Es brennt ein ruhig Licht dabei,Sie sagt mir alte, gute Worte wiederUnd sagt mir, daß sie meine sei.

Auch wenn es sich hier um eine äußerst liebreizende Geistererscheinung handelt, bleibt festzuhalten, dass Luise Rau dem verliebten Pfarrvikar in Gedanken meistens näher war als in persona, weil zwischen Owen und Grötzingen nun einmal "Berg und Tal" liegen.

Trotzdem stellte sich für Mörike die geografische Situation Ende November 1829, als er "mir nichts, Dir nichts, zum Vikar in Owen, Dekanats Kirchheim, gemacht" werden sollte, ausgesprochen positiv dar. "Die Hauptsache ist die kleine Entfernung von Euch und den l[ieben] Meinigen überhaupt", schreibt er der Braut. Bei Mörike ist von drei Stunden Wegs die Rede, die er von Owen nach Grötzingen braucht.

Bei der Wanderung der Ortsgruppe Owen des Schwäbischen Albverein und des "Alt Owen"-Förderkreises dauerte es im Jubiläumsjahr einige Stunden länger. Das kann zum einen an der mangelnden Übung im Vergleich zum frühen 19. Jahrhundert gelegen haben, andererseits an der Streckenführung: Während Mörike wohl über Kirchheim und Nürtingen ging, führte der Weg, den sich die beiden veranstaltenden Vereine zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausgesucht hatten, über rund 30 Kilometer hinweg von Owen durch das Tiefenbachtal über Beurener Gemarkung, Linsenhofen und Frickenhausen in Richtung Geigersbühl. Von dort ging es über Großbettlingen, Raidwangen und Neckarhausen weiter nach Grötzingen.

Friedrich Pfäfflin nannte es am Zielort rückblickend einen "überaus glücklichen Gedanken, mit dem Schwäbischen Albverein eine solche Veranstaltung zu machen". Im Jubiläumsjahr habe es genügend Vorträge, Lesungen und Konzerte gegeben, "aber Literatur im Gehen erleben, das gibt es nur beim Schwäbischen Albverein".

Ein glückliches Ende hatte also zumindest der Wandertag auf Mörikes Spuren im Jahr 2004, wenn schon die Verlobung des Dichters mit Luise Rau nach etwas mehr als vier Jahren mit der Katastrophe der Entlobung im November 1833 endete. Mörikes innerliche wie äußerliche Schwierigkeiten, im Pfarrberuf Fuß zu fassen, mögen dazu beigetragen haben. So vermutet Ute Harbusch: "Ihre Mutter muss gesagt haben: ,Mädel wenn das nichts mehr wird, lass den Jungen sausen.'" Dabei hätte Mörike wohl die Möglichkeit gehabt, als Nachfolger von Luises Schwager Christian Gottlieb Denk Pfarrer in Grötzingen zu werden. Aber, so folgerte die Literaturwissenschaftlerin zum Abschluss der Veranstaltung im Grötzinger Luise-Rau-Keller, "er muss Muffensausen bekommen haben, kurz bevor es ernst wurde, sonst säßen wir hier vielleicht im Eduard-Mörike-Keller."

Anfang der 1840er-Jahre, als Pfarrer in Cleversulzbach, habe Mörike noch einmal Besuch von "Schwager Denk" bekommen, der anfragte, ob es nicht doch noch etwas werden könnte mit Luise. Ute Harbusch sagte dazu: "Eduard Mörike reagierte weltmännisch, mit recht viel Dank." 1845, als Mörike seine spätere Frau Margarethe kennen lernte, hat Luise Rau geheiratet einen verwitweten Pfarrer mit fünf Kindern. "Ob sie verfolgt hat, wie Eduard Mörike berühmt geworden ist, ist eine interessante Frage", schloss Ute Harbusch ihre Ausführungen.

Immerhin hat Eduard Mörike nachträglich auch Luise Rau ein bisschen berühmt gemacht. Zumindest ist ihr Name im Jubiläumsjahr 2004 landauf, landab gefallen. Und zwischen Owen und Grötzingen hat sie kürzlich, trotz schlechter Wetterbedingungen, zehn erwachsene Menschen und einen Hund 30 Kilometer lang auf Trab gehalten ohne dass jemand von Wahnsinn, Liebeskummer oder Entkräftung dahingerafft worden wäre. Das hat ja selbst Eduard Mörike ausschließlich seinen literarischen Gestalten überlassen.

Fotos: Christof Leuze / Andreas Volz