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Mit dem Schießgewehr auf Du und Du

"Wenn du es schaffst, auf Anhieb das bronzene Schießabzeichen zu erringen, dann darfst du in meine Schießsportgruppe." So lautete 1981 die Bedingung für die damals zwölf Jahre alte Tordis-Arlett Nitsch, um sich der Mannschaft ihres Vaters anschließen zu dürfen. Die Nürtingerin schaffte es und machte in ihrer Sportart Karriere: Heute fährt sie zur Vorderlader-Weltmeisterschaft nach Bordeaux.

MAXIMILIAN HAUPT

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NÜRTINGEN Ehrgeizig, das ist sie wohl. Wie sonst lässt es sich erklären, dass die so zierlich wirkende Frau von gerade einmal 1,63 Meter Körpergröße allen Konkurrentinnen und den meisten Männern regelmäßig die Show stiehlt und es bei deutschen Meisterschaften auf mittlerweile elf Medaillen gebracht hat fünf davon glänzten golden.

Nicht nur national, auch international hat die Frau mit den langen blonden Haaren Eindruck hinterlassen. 2005 gewann die 37 Jahre alte Nürtingerin mit Deutschland die Mannschafts-Europameisterschaft und holte im Einzelwettkampf zwei Vizetitel. Dabei stellte sie zusammen mit dem Erstplatzierten wohlgemerkt einem Mann einen neuen Europarekord auf. Lediglich Millimeter fehlten am Ende zum ganz großen Triumph, der das i-Tüpfelchen einer tollen EM gewesen wäre.

Ehrgeiz allein reicht bei weitem nicht aus, um den Konkurrenten ein ums andere Mal zu zeigen, was Frauenpower wirklich bedeutet. Für die Sportlerin Nitsch ist vor allem das tägliche Training der Schlüssel zum Erfolg. Egal ob im Sommer beim Joggen oder im Winter beim Gewichte stemmen, die Gedanken sind stets darauf fokussiert, beim Wettkampf in optimaler physischer wie psychischer Verfassung zu sein. Neben den Grundübungen für Ausdauer und Kraft kommen viele Trockenschieß-übungen, das Zielen und Schießen ohne Munition, im Trainingsplan vor. Mindestens drei Mal die Woche geht es dann auch auf den Schießstand. Geeignete Stände zu finden, ist aber auf Grund der benötigten Distanz von 100 Metern und dem erheblichen Krach ein schwieriges Unterfangen, das es erforderlich macht, in drei Schützenvereinen Mitglied zu sein und deshalb auch bei anderen Vereinen die anfallende Gebühr zu bezahlen. Allerdings, darauf legt die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin, die heute Lehrerin am Nürtinger Max-Planck-Gymnasium ist, großen Wert, ist nicht nur das praktische, sondern vor allem auch das mentale Training von enormer Wichtigkeit.

Tordis-Arlett Nitsch erklärt das am Beispiel der Trainingsweltmeister: Es gibt durchaus einige Schützen auf Landesebene, die von der im Training gezeigten Leistung das Zeug dazu hätten, um bei großen Meisterschaften um die ersten Plätze zu schießen. Allerdings kommen die meisten davon mit der mentalen Belastung während des Wettkampfs nicht klar.

Auch wenn die zweimalige Vize-Europameisterin im Einzel dem Druck standhält, spurlos geht ein Wettkampf nicht an ihr vorbei: "Es kann durchaus sein, dass ich während eines Schießens bis zu zwei Kilogramm Gewicht verliere." Meistens, auf jeden Fall aber bei den wichtigen Veranstaltungen wie den deutschen Meisterschaften oder bei Ranglistenschießen, ist ihr Vater dabei. Durch ihn kam die in der DDR aufgewachsene Brandenburgerin auch zum Sportschießen. Als Chorleiter und Lehrer ihrer Grundschule war sie auch außerhalb der eigenen vier Wände oft mit ihm in Kontakt. Als der Wunsch der Tochter aufkam, sich der Schützengruppe ihres Vaters anzuschließen, hatte dieser die Befürchtung des Nachmachens. So musste die Anfängerin im Alter von zwölf Jahren unter Beweis stellen, es ernst zu meinen.

Da die Aufnahmeprüfung in Form des bronzenen Schießabzeichens bestanden wurde, zeigte sich auf Anhieb das Talent für den Schießsport. Damals war allerdings noch das Luftgewehr Mittel zum Zweck. Auf den erheblich schwereren und schwierigeren Vorderlader kam die mehrfache deutsche Meisterin durch einen älteren Schießkollegen ihres Heimatvereins in Stetten. Die entfachte Leidenschaft wurde konsequent verfolgt, und bald wurde auch Geld investiert. Mit 2500 Euro gehört das Erfolgsmodell Nitschs noch zu den günstigen Gewehren, haben die meisten Top-Schützen doch handgefertigte Einzelstücke vom Büchsenmacher im Anschlag.

Doch auch wenn es sich bei ihrer Flinte nur um ein Standardmodell handelt: Man baut eine Beziehung zu seinem Gewehr auf. Diese komme vor allem durch den aufwändigen Reinigungsvorgang, der nach jedem Schießen unweigerlich vorgenommen werden müsse. Wie vor vielen Jahrzehnten müssen auch die Replika mit handgefertigten Bleikugeln sowie Schießpulver gestopft und geladen werden. Im Gegensatz zur Unterkunft und der Verpflegung während eines internationalen Wettkampfs müssen die Sportler selber für anfallende Kosten aufkommen. Sponsoren für die einzelnen Schützen gibt es keine, und so bedauert Tordis-Arlett Nitsch die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben: "Früher, als Studentin, hatte ich massig Zeit, um zu trainieren, aber kein Geld, um es mir zu leisten. Heute bin ich berufstätig und das Geld ist nicht mehr das Problem, dafür mangelt es mir an Zeit."

Da ist es ganz praktisch, dass seit dem 3. August Sommerferien sind und die Lehrerin vom Max-Planck-Gymnasium sich ohne Probleme aus Nürtingen verabschieden kann, um mit der Nationalmannschaft zur Vorderlader-WM nach Bordeaux zu fahren. In drei Disziplinen geht Nitsch an den Start: Neben Liegend Frauen und Liegend Männer schießt sie auch beim Stehend Männer um Medaillen. Wenigstens eine Medaille möchte sie mit nach Hause nehmen. "Mit der Mannschaft ist die Chance durchaus da, wir schießen mit der gleichen Besetzung wie bei der EM vergangenes Jahr." Spricht's, lacht und verabschiedet sich: "Ich muss noch ins Fitnessstudio."

Ihre erste Weltmeisterschaft kann kommen.