Lokales

Mit dem schrecklich Unausweichlichen leben zu lernen


BARBARA IBSCH

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KIRCHHEIM Nichts ist mehr wie vorher. Eine gerade noch glückliche und erwartungsfrohe Familie wird geschockt und aus der Bahn geworfen durch die Tatsache, dass ihr Kind an einer unheilbaren Krankheit leidet und deshalb nur noch eine begrenzte Lebenserwartung hat. Der

O:3006F404.EP_Gedanke daran lähmt, frisst einen fast auf, löst Gefühle von Wut und Ohnmacht aus, führt zu einem verzweifelten Kampf zwischen Hoffen und Bangen, Mut und Verzweiflung.


Der Häusliche Kinderhospizdienst in Kirchheim begleitet Familien mit sterbenskranken Kindern. Patinnen und Paten wollen den schwierigen Weg mitgehen. Sie kommen in die Klinik und in die Familien, sie unterstützen so lange, wie dies gewünscht wird und sie bringen vor allem viel Zeit mit. Der Häusliche Kinderhos-pizdienst, eine bis jetzt beispiellose Kooperation zwischen einem Fachverband dem Malteser Hilfsdienst und einer Kirchengemeinde der Kirchheimer Katholischen Gesamtkirchengemeinde verbindet professionelles Arbeiten mit der Gemeinde vor Ort. In das gemeinsame Helfen sehr stark eingebunden sind Ehrenamtliche, die als Paten die Eltern und Angehörigen entlasten, sich um die Kinder, aber auch um deren Geschwister kümmern. Sie schaffen Freiräume, damit die Angehörigen wieder einmal durchatmen können.


"Jung und Alt" ist 2004 das Thema des Ehrenamtspreises "Starke Helfer", ausgeschrieben vom Verlag des Teckboten und der Stiftung Kreissparkasse. Zehn Projekte haben sich dafür qualifiziert, die ehrenamtlichen Patinnen und Paten des Häuslichen Kinderhospizdienstes gehören dazu. "Jung und Alt" hat dabei eine traurige Komponente.


Die Ehrenamtlichen begleiten beispielsweise die Familie eines sechsjährigen Mädchens, das mit unheilbarer Leukämie nach Hause entlassen wurde. Nicht nur das kranke Mädchen, sondern auch sein dreijähriger Bruder und die Eltern bedurften in der letzten Lebensphase der Kleinen des Beistands. Jetzt erhalten die Angehörigen in der Zeit der Trauer Hilfestellung. Begleitet werden beispielsweise auch ein Vater mit seinen neun und zehn Jahre alten Kindern nach dem Krebstod der Ehefrau und Mutter. Es geht dabei um Fagen des Haushalts, der Schule, der Erziehung, genauso wichtig ist es aber auch, Gesprächspartner für die Trauernden zu sein.


Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sind entsprechend ausgebildet und kommen als Paten und Patinnen in die Familien. Sie sind mittleren Alters oder etwas älter, sodass sich für die zu betreuende Familie die Konstellation von "Freundinnen und Freunden" ergibt, aber auch von "Oma und Opa". Auf diese Weise sorgen verschiedene Altersgruppen für eine Bezugsebene der jeweiligen Bedürfnisse.


Es ist ein besonderes Anliegen des Häuslichen Kinderhospizdienstes, den kranken Kindern und deren Angehörigen trotz des körperlichen und seelischen Leids zu einer möglichst hohen Lebensqualität mit größtmöglicher Selbstbestimmung zu verhelfen. Es geht darum, nicht dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. Und es wird Hilfestellung dabei geleistet, mit dem Unausweichlichen leben zu lernen.


Es werden Fachdienste und ergänzende Hilfen vermittelt, die Ehrenamtlichen begleiten bei Behördengängen oder Arztbesuchen, fahren Angehörige ins Krankenhaus und helfen in vielen weiteren Bereichen.


Die Paten werden mit ihrer, einen sehr hohen persönlichen Einsatz fordernden Aufgabe nicht allein gelassen. Regelmäßige Treffen dienen der Weiterbildung und der gegenseitigen Stärkung, Supervision ist möglich.


Der Häusliche Kinderhospizdienst hat einen Hilfsfonds eingerichtet, durch den in finanziellen Notlagen schnell und unbürokratisch geholfen werden kann. Über ein Darlehen konnte ein behindertengerechter Zugang zum Haus einer betreuten Familie ermöglicht werden.


Was im stationären Bereich bereits bekannt ist, soll auch im ambulanten Dienst eingesetzt werden: Clowns. Mit der Ausbildung dazu betritt der Häusliche Kinderhospizdienst zwar Neuland, ist aber guten Mutes, damit ein ergänzendes Angebot machen zu können, das neue Zugänge für die Betroffenen schafft.


Der Häusliche Kinderhospizdienst in Kirchheim war der zweite dieser Art in ganz Deutschland und der erste im süddeutschen Raum. Ambulant vor stationär lautet der Grundsatz, was nicht ausschließt, sich eines Tages auch an einem solchen Projekt zu beteiligen.


Vorrang hat in jedem Fall das Ziel, gemeinsam eine überaus schwierige Situation zu meistern.

Zu den Aufgaben der Patinnen und Paten des Kinderhospizdienstes gehört auch, sich um die Geschwister der sterbenskranken Kinder zu kümmern.