Lokales

"Mit dem Unternehmen das Ehrenamt sichern"

Rückkehr in die Heimat: Der frühere Neckartenzlinger Bürgermeister Klaus Rau ist seit 1. April neuer Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Nürtingen. Damit hat das Rote Kreuz im Altkreis nunmehr eine "Doppelspitze": auch Stefan Wiedemann, der schon bisher in Diensten dieser Organisation stand, behält seinen Titel und ist künftig für den Bereich der Pflegeheime zuständig.

JÜRGEN GERRMANN

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NÜRTINGEN Die Hintergründe dieses Revirements erläuterte Kreisvorsitzender Rolf Siebert: Das Engagement des DRK im Sektor Pflegeheime sei in letzter Zeit massiv gewachsen man betreibe das Haus Kalixtenberg in Weilheim, das Ficker- und das Steingau-Stift in Kirchheim, das Neckarstift in Neckarhausen und das Haus im Park in Wendlingen. Die Pflegeheime seien mittlerweile zum bestimmenden Faktor des Tagesgeschäfts geworden: "Sie fressen die gesamte Aufmerksamkeit des Geschäftsführers auf."

Daher solle sich Stefan Wiedemann, den ja eine große Kompetenz in diesem Bereich auszeichne, nur noch darum kümmern und dafür sorgen, dass täglich rund 300 Menschen optimal versorgt werden.

Für den gesamten restlichen Teil der Aufgaben- und Angebotspalette solle Klaus Rau verantwortlich zeichnen: Er ist daher für ambulante Dienste und Sozialstation, die Bereitschaften vor Ort und den Hausnotruf, den Kindertransport und Essen auf Rädern ebenso zuständig wie für den Rettungsdienst.

Im Managen solch völlig unterschiedlicher Dinge kommt dem neuen Mann ja sicher seine Bürgermeister-Vergangenheit zugute. Doch der neue Mann kann mit doppelter Erfahrung aufwarten: nicht nur mit der aus der Kommunalverwaltung, sondern auch der aus dem DRK. Hier war er 13 Jahre stellvertretender Kreisvorsitzender im Ehrenamt und fast fünf Jahre hauptberuflich Geschäftsführer des Kreisverbands Freudenstadt.

Doch auch während dieser Zeit war Klaus Rau in Neckartenzlingen wohnen geblieben: "Hier hab ich meinen Lebensmittelpunkt, jetzt kann ich endlich wieder jeden Abend daheim sein, die Aufgabe ist sehr interessant alles hat also gepasst", freute der neue Mann sich gestern im Gespräch mit unserer Zeitung.

Was ist denn nun in Nürtingen anders als in Freudenstadt? Sehr viel: "Nürtingen ist viel größer. Außer der Wasserwacht hat dieser Kreisverband alles, was es nur irgend beim DRK gibt."

Und es gibt am Neckar durchaus gewaltige Aufgaben, die geschultert werden müssen: "Wir müssen uns am Markt behaupten. In allen Bereichen." Der Verhandlungsspielraum mit den Kostenträgern werde immer enger, da müsse das DRK als modernes dienstleistungsorientiertes Unternehmen sehr "kundenorientiert agieren": "Wir müssen gute Produkte anbieten, sonst kommt der Mitbewerber zum Zuge." Es gelte, den guten Namen des DRK zu stärken: "Wo Rotes Kreuz drauf steht, muss auch Rotes Kreuz drin stecken."

Die Erben Henry Dunants sieht Klaus Rau mithin als Unternehmen? Zum Teil schon: "Aber dieses Unternehmen soll zugleich auch die Position des Ehrenamts sichern und stärken. Das ist ja ohnehin unsere große Stärke flächendeckend vertreten zu sein und einen starken örtlichen Bezug zu haben." Manche Aufgabe im gesellschaftlichen Leben sei ja ohne Ehrenamt gar nicht mehr zu leisten.

Stärker als bisher möchte Rau in diesem Zusammenhang Menschen auch anbieten, sich projektbezogen einzubringen, nur für eine begrenzte Zeit mitzumachen und sich dann ohne schlechtes Gewissen wieder zurückzuziehen. Dann signalisiere man dem oder der Betreffenden: "Wir können dich brauchen, wir danken dir sehr, und du kannst gerne irgendwann wiederkommen."

Die neue Struktur im DRK-Kreisverband hat übrigens schon zum 1. Januar gegriffen. Bis Rau seinen Dienst antreten konnte, hatte der frühere Geschäftsführer Erich Hogen diese Aufgabe kommissarisch übernommen. Kreisvorsitzender Rolf Siebert sieht in der neuen Regelung übrigens nur Vorteile: Wiedemann könne den Heimen die nötige Aufmerksamkeit zuteil werden lassen und Rau die anderen Bereiche verstärkt bearbeiten, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Unterstützung der Ehrenamtlichen, die Jugendarbeit und die sozialen Dienste gelegt werden solle.

Zwei Geschäftsführer nebeneinander wie funktioniert denn das? Laut Siebert so: "Klaus Rau trägt die Gesamtverantwortung." Um es mit einem Vergleich aus der Torwart-Sprachregelung in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu beschreiben: Beide sind Nummer 1, Klaus Rau aber die Nummer 1a.

Der Kreisvorsitzende drückt es so aus: "Auch wenn beide auf Augenhöhe agieren, so hat er dem Kreisvorstand gegenüber Rechenschaft abzulegen und ist auch zuständig für das Controlling im Bereich Pflege." Letzteres ist keine unwichtige Kleinigkeit: Schatzmeister Gerhard Moritz lege größten Wert auf eine zeitnahe Berichterstattung, man wolle die "Wirtschaftlichkeitskennziffern künftig straffer handhaben", um den Forderungen der Kostenträger besser gerecht werden zu können, kündigte der Kreisvorsitzende an.

In der neuen Struktur sieht er aber nicht zuletzt einen Schritt zur Stärkung der Selbstständigkeit des Nürtinger DRK: "Wir werden den Herausforderungen der Zeit besser gerecht."

An eine Erweiterung der Aufgabenpalette sei durch die Einstellung des neuen Geschäftsführers nicht gedacht. Allerdings besitze man in Nürtingen einen Kompetenzvorsprung in Sachen Pflegeheime: "Von Nachbarn wurden wir schon auf eine Kooperation angesprochen und bedrängt, ihnen mit unserem Knowhow zur Seite zu springen."

Ganz wichtig sei auch, dass der Rettungsdienst, den man im Juli 2003 in eine gemeinnützige GmbH ausgegliedert habe und der 120 Leute beschäftige, nach der Fusion mit den Esslinger Nachbarn zum 1. Januar seinen Sitz in Nürtingen nehme. Der Rettungsdienst-Geschäftsführer, Raphael Dölker, sitze bereits in Nürtingen: "Die letzten Vorbereitungen für den Zusammenschluss laufen. Das ist eine spannende Sache und für Klaus Rau eine wichtige Aufgabe, diesen Prozess zu begleiten."