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"Mit den Augen in dieses Meer der Landschaft stürzen"

BISSINGEN "Wir lesen vor allem Natur- und Nachtgedichte von Eduard Mörike sowie Briefe, die Mörike in Ochsenwang schrieb", gab Gisa König, Leiterin des Mörikehauses in Ochsenwang, das Programm bekannt, das sie gemeinsam mit Roland Begenat und Tanja Zander vom "Freundeskreis Mörike in Ochsen

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UTE FREIER

wang" gestaltete. Die von Flötentönen begleitete Lesung fand im Rahmen der Aktion "Monat des Albtraufs" statt und wurde eigens dafür konzipiert. Gisa König, seit 1982 mit der Leitung des Mörikehauses betraut, und Roland Begenat, der sie seit zwei Jahren dabei unterstützt, wählten die Texte aus und trugen sie einfühlsam vor: rund 20 Gedichte sowie Abschnitte aus dem "Stuttgarter Hutzelmännlein" und aus zwei Briefen.

Tanja Zander, die sich seit ihrem 16. Lebensjahr in ihrer Freizeit mit Flötenspielen beschäftigt, spielte gekonnt Sonaten des Komponisten Anton Heberle, eines Zeitgenossen von Mörike, sowie Stücke aus dem Barock von Jakob van Eyck (1589 1657) und Francois Couperin (1668 1733). Rund 30 Zuhörer fanden sich ein zum Sonnenuntergang auf dem Breitenstein, einem Ort, von dem Mörike selbst häufig ins Albvorland geblickt hatte.

Am Tag nach seinem Einzug in das Pfarrhaus Ochsenwang, am 22. Januar 1832 schrieb er an seine Braut Luise Rau: "Einen prächtigeren Wechsel, als sich vom Breitenstein aus auftut, kann es nicht geben. Es ist nur ein kleiner Gang von meinem Hause dorthin. Wie ausgelassen selig wollen wir beide uns mit Augen in dieses Meer der Landschaft stürzen!" Der Ausblick vom Albtrauf schien Mörike zu faszinieren. "Ich habe schon ganze Nachmittage im Freien zugebracht und ganz unerhörte Schönheiten der Gegend entdeckt," schrieb er wenige Monate später, am 8. April 1832, wiederum in einem Brief an Luise Rau, und berichtete ihr von seinem Lieblingsplatz auf einem Fels südwestlich vom Breitenstein. "Da sieht man im Tal die Äcker und Felder, schon sauber gepflügt in niedlicher Kleinheit, braun und grün abwechselnd, liegen und drüberher zerstreut die Feldarbeiter wie Ameisen emsig zappeln und die Häuslein des Dorfs nur leicht hingewürfelt das aber alles in den linden, goldenen Duft und in ein lispelndes Meer von Frühlingsstimmen getaucht!"

Auf seinen Ausflügen entdeckte Mörike, der zwischen Januar 1832 und Oktober 1833 in Ochsenwang als Pfarrverweser tätig war, die umgebende Landschaft: den Rauber, den Reußenstein und die Teck. Im Gedicht "Auf der Teck" hielt er seine Eindrücke fest: "Hier ist Freude hier ist Lust wie ich nie empfunden! Hier muß eine Menschenbrust ganz und gar gesunden! Mag da drunten jedermann seine Grillen haben: Wer sich hier nicht freuen kann lasse sich begraben."

Auch im Gedicht "Am Walde" kommt seine Liebe zur Natur zum Ausdruck, zeigt sich aber auch sein Dilemma. "Hier wird der Konflikt deutlich, in dem sich Mörike immer befand: Er war Pfarrer und wollte Dichter sein," kündigte Gisa König das Gedicht an. "Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage, dem Kuckuck horchend, in dem Grase liegen .., Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage, den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen, hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen, wo ich auf eigne Weise mich behage."

Mörike, der in Urach und Tübingen seine Ausbildung zum evangelischen Theologen absolviert hatte, ließ sich bereits 1827, nach seinem ersten Jahr im württembergischen Kirchendienst, beurlauben und bemühte sich um eine Stelle in einem Verlag oder in einer Bibliothek. Nach vergeblicher Suche kehrte er in den Kirchendienst zurück, doch er konnte sich nie endgültig zwischen einem Dasein als Pfarrer oder Dichter entscheiden. Das war wohl der Grund, warum die Verlobung mit Luise Rau von Seiten seiner Braut während seiner Ochsenwanger Zeit gelöst wurde.

"Mörike war ein schwäbischer Melancholiker und viele seiner Gedichte beschäftigen sich mit der Zeit um Mitternacht", leitete Gisa König die letzten Gedichte ein. Mit dem "Gebet", dessen eine Strophe in Ochsenwang entstand, endete mit den letzten Sonnenstrahlen die Lesung auf dem Breitenstein: "Herr! Schicke was du willt, Ein Liebes oder Leides; ich bin vergnügt, daß beides aus deinen Händen quillt." Informationen zu Mörikes Leben (1804 1875) in Ochsenwang bietet das Mörikehaus gegenüber der Kirche. In diesem einstigen Pfarr- und Schulhaus bewohnte Mörike, zusammen mit seiner Mutter, drei Räume im ersten Stock. Er hatte, damals 27 Jahre alt, auf dieser Stelle alle Aufgaben eines Pfarrers zu erfüllen: Seelsorge, Predigtamt und die Aufsicht über das Schulwesen. In dieser Zeit schrieb er aber auch einige Gedichte, die heute zu seinen bekannteren zählen wie "Verborgenheit" und "Rat einer Alten", und er war mit Korrektur lesen seines Romans "Maler Nolten" beschäftigt, der 1832 erschien. 1981 wurde in dem Haus die erste literarische Gedenkstätte der "Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg" in Marbach am Neckar eingerichtet. In Vitrinen sind unter anderem Briefe und Zeichnungen von Mörike ausgestellt, sein Amtskalender mit handschriftlichen Eintragungen und die Pfarrbibliothek, die ihm von der Kirchenaufsicht zur Verfügung gestellt wurde und die hauptsächlich aus Kirchen- und Gesangbüchern bestand. Die Ausstellung im dritten, erst 2004 anlässlich des Mörikejahrs eröffneten Raum steht in Zusammenhang mit der Publikation seines einzigen Romans "Maler Nolten".

Das Haus kann nach Vereinbarung mit Gisa König besichtigt werden: Mörike-Haus, Eduard-Mörike-Straße 15, Ochsenwang, Telefon 0 70 23/23 04.