Lokales

Mit den „Räubern“ auf Nummer sicher

300 Kirchheimer Abiturienten brüteten gestern zum Prüfungsauftakt über ihren Deutsch-Aufsätzen

Mit neuen Themen befassten sich gestern Abiturienten aus ganz Baden-Württemberg im Deutsch-Aufsatz, mit dem der schriftliche Teil der Reifeprüfung traditionell beginnt. Dennoch war es wieder derselbe schwäbische Landsmann, der den überwiegenden Teil der Kirchheimer Abiturienten in die Prüfungsphase begleitete: Friedrich Schiller.

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Andreas Volz

Kirchheim. Ein Drama aus Schillers Sturm-und-Drang-Phase sowie eine brandenburgisch-preußische Auseinandersetzung um Fragen der Ehre – das sind nach wie vor zwei Eckpfeiler der Abiturvorbereitung im Fach Deutsch. Statt um „Kabale und Liebe“ oder um Theodor Fontanes „Effi Briest“ geht es jetzt allerdings um „Die Räuber“ sowie um Kleists „Michael Kohlhaas“. Kleists Geschichte um einen extremen Fall der Selbstjustiz fand gestern an den Kirchheimer Gymnasien aber nur wenig Anklang; Gerade einmal zehn Schüler befassten sich mit „Michael Kohlhaas“ – sechs am Ludwig-Uhland-Gymnasium und vier am Schlossgymnasium. An Heinrich von Kleist muss diese Zurückhaltung nicht unbedingt gelegen haben. Vielleicht war es auch nur die Aufgabenstellung der „Gestaltenden Interpretation“, die die große Mehrheit davon abschreckte, die Novelle mit historischem Kern um zwei weitere fiktive Briefe zu erweitern.

Wie schon in den Jahren zuvor suchte die Mehrzahl der Reifeprüflinge die vermeintliche Sicherheit des Interpretationsaufsatzes. Dabei war Karls Monolog aus den „Räubern“ (Vierter Akt, Erste Szene) in den Handlungszusammenhang einzuordnen und anschließend zu interpretieren. Dritter Bestandteil der Aufgabe war es, Schillers „Räuber“ mit Franz Kafkas Roman „Der Prozeß“ zu vergleichen und dabei vor allem zu untersuchen woran Karl von Moor und Josef K. jeweils scheitern. 81 Prüflinge von insgesamt 112 waren es am LUG und 57 von insgesamt 74 am „Schloss“, die darauf vertrauten, ihrerseits nicht zu scheitern, wenn sie im wichtigsten Deutsch-Aufsatz ihrer Schullaufbahn gerade dieser Fragestellung intensiv nachgehen.

Ähnlich sah es an einem der beiden beruflichen Gymnasien in Kirchheim aus: An der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule (WG) wählten 56 von 87 Prüfungs-Teilnehmern im Fach Deutsch diese Interpretationsaufgabe. Lediglich die Max-Eyth-Schule (TG) meldete gänzlich andere Zahlen: Dort ging es nur in einem von 27 Deutsch-Aufsätzen um Schiller und Kafka.

Ganz schwer hatte es Franz Kafka allerdings mit einem Zitat, das als Grundlage für eine Literarische Erörterung zur Auswahl stand. Kafka hatte seinem Gesprächspartner Gustav Janouch einstens empfohlen: „Die Mehrzahl dieser modernen Bücher sind nur flackernde Spiegelungen des Heute. Das erlischt sehr rasch. Sie sollten mehr alte Bücher lesen. Klassiker. Goethe. (...) Das Nur-Neue ist die Vergänglichkeit selbst.“ An beiden allgemeinbildenden Gymnasien Kirchheims entstand jeweils nur ein Aufsatz über die Beständigkeit als literarisches Qualitätsmerkmal.

Der Gedichtvergleich fand an drei Kirchheimer Schulen eine gleichmäßige Zahl von Anhängern: 15, acht und sechs Abiturienten waren es an LUG, „Schloss“ und TG, die sich an diese Aufgabe wagten. Zu vergleichen war das konventionell gehaltene Gedicht „Nach der Ankunft in Israel“ aus dem Jahr 1939 von Jenny Aloni mit dem Gedicht „Rückkehr“, das Hilde Domin 1960 in freien Versen gestaltet hatte. Bei der Lyrik hat sich das übergeordnete Thema für das baden-württembergische Abitur übrigens nicht geändert: Nach wie vor beschäftigen sich die Oberstufenschüler mit der Problematik von „Heimatverlust und Exil“.

Neun beziehungsweise fünf Schüler befassten sich am Ludwig-Uhland- und am Schlossgymnasium mit einem Text zum Thema „Heldentum“, in dem Helden als unzeitgemäß angesehen werden. Sowohl im Kapitalismus als auch im Nachkriegs-Deutschland hätten Helden keinen richtigen Platz mehr. Dieser Text war entweder zu interpretieren oder als Grundlage für eine eigene Rede über Heldentum zu benutzen.

An den beruflichen Gymnasien gab es stattdessen eine Glosse über Väter und ihre Rolle in der Kindererziehung, die sieben Prüflinge am WG und zwei am TG analysierten. An der Schöllkopf-Schule interpretierten außerdem elf Abiturienten die Kurzgeschichte „Reparaturwerkstatt“ von Christoph Meckel, die bei Weitem ironischer war als die Glosse aus der anderen Aufgabe. Den größten Ansturm löste an der Max-Eyth-Schule allerdings der Essay zum Thema „Glück haben – glücklich sein“ aus, für den sechs unterschiedliche Materialien als Grundlage zur Verfügung standen. 18 Deutschprüflinge am TG versuchten ihr Glück mit diesem Thema, am WG waren es 13.

Alle Aufsatz-Schreiber werden jetzt – unabhängig vom gewählten Thema – glücklich sein, den ersten Teil der schriftlichen Prüfungen hinter sich zu haben. Am heutigen Freitag brüten die Gymnasiasten allerdings schon über ihren Mathematik-Aufgaben. Am Montag und am Dienstag folgen die Fächer Englisch und Französisch, am Mittwoch alle weiteren Fächer, bis auf Latein: Die Sprache der Römer ist am Donnerstag dran, und in erster Linie dürften Elft­klässler damit konfrontiert sein.