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Mit der königlichen Staatseisenbahn und Pferdeschlitten zur Wettkampfstätte

Snowboarding, Curling oder Skeleton selten war Wintersport facettenreicher als im olympischen Jahr 2006. Schneeschuhwettlauf oder Sprunglauf hießen die Disziplinen, die zu Urgroßvaters Zeiten Sportler und Zuschauer in ihren Bann zogen. Heute vor 100 Jahren pilgerten mehr als 1 000 Schaulustige zum ersten Skifest auf der Schwäbischen Alb nach Donnstetten.

BERND KÖBLE

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KIRCHHEIM Es ist ein Ansturm wie ihn das beschauliche Albdorf bis dato noch nicht erlebt hat. In Scharen kommen sie aus Stuttgart, Ulm oder gar aus dem Schwarzwald auf die Schwäbische Alb, um jenen Pioniergeist zu verströmen, der um die Jahrhundertwende in ganz Württemberg die Gründer der ersten Skiclubs beflügelt. Knapp zwei Jahrzehnte bevor in Chamonix 1924 die ersten Olympischen Winterspiele für Aufsehen sorgen, wird das Lenninger Tal am 18. Februar 1906 zur Drehscheibe für Skipioniere aus dem gesamten Königreich Württemberg.

Das Interesse ist groß. Die Generaldirektion der Königlich Württembergischen Staatseisenbahn setzt Sonderzüge auf der Bahnstrecke nach Oberlenningen ein. Wer dabei sein will, nimmt einiges auf sich: Um 5 Uhr früh starten die ersten Züge am Stuttgarter Hauptbahnhof. Die knapp zweieinhalbstündige Fahrt auf Holzbänken und in rumpelnden Waggons zum Endpunkt in Oberlenningen kostet 4,20 Goldmark für damalige Verhältnisse kein geringes Opfer. Von dort bringen Pferdeschlitten die Wintersportbegeisterten für 50 Pfennig über die verschneite Gutenberger Steige hinauf nach Donnstetten. Viele sparen sich das Geld und nehmen stattdessen den langen Fußmarsch auf die Albhochfläche in Kauf.

Am Schauplatz verfolgt man das Spektakel offenkundig mit einer Mischung aus Neugier und Belustigung, angesichts der Waghalsigen, die sich teils auf Holzlatten, teils auf Fassdauben den tief verschneiten Hang am Ortsrand von Donnstetten hinunter stürzen. "Ein ungewohntes Leben herrschte gestern in unserem sonst so stillen Dorfe", stellt am folgenden Tag der Chronist im Teckboten mit Verwunderung fest. Wer den beschaulichen Alltag der Älbler an diesem sonnigen und milden Wintertag derart durcheinander wirbelt, ist die Schneeschuhläufer-Vereinigung der Sektion Schwaben im damals noch Deutsch-österreichischen Alpenverein, die den Wettkampf veranstaltet.

Das erste Skifest auf der Alb beginnt pünktlich zur Mittagszeit. Mehr als 350 Sportler, darunter man höre und staune auch "eine nicht unerhebliche Anzahl Damen" feiern den Auftakt mit einer Disziplin, die sich nach heutigen Maßstäben am ehesten als Skilanglauf-Wettbewerb betiteln ließe. 51 Minuten benötigt der spätere Sieger Fritz Klumpp für die fünf Kilometer lange Strecke um den Römerstein. Den "anmutig anzusehenden Damen-Wettkampf" hingegen gewinnt ein "Fräulein Klinkerfuß" aus Stuttgart.

Es folgen weitere Disziplinen, die den Kati Wilhelms und Hermann Maiers heutiger Zeit vermutlich kaum mehr das Adrenalin durch die Blutbahn jagen würde: Bergaufgehen im Zick-Zack, Abfahren im Schneepflug oder Abfahren ohne Stock mit Telemark-Schwung. Das damalige Publikum nahm es mit Staunen zur Kenntnis. Zum Höhepunkt wird schließlich ein Skispringen über eine aus Schnee modellierte Schanze, auf der sich Karl Rothfuss aus Baiersbronn mit einer Weite von 6,30 Meter den umjubelten Sieg erkämpft.

Die Siegerehrung so ist überliefert stieg anschließend im "Löwen" in Donnstetten, und weil die damalige Zeit ein gutes Stück weit auch für Gemeinschaftssinn und Geselligkeit stand, wurden die zahlreichen sportlichen Erfolge bis zum späten Abend im "Adler" in Oberlenningen gebührend begossen. Über alles weitere hüllt der Chronist den Mantel des Schweigens. Über die Pfade, auf denen die Skitouristen zurück in die Heimat fanden, ist jedenfalls nichts bekannt.