Lokales

Mit deutlichem Vorsprung über die ermittelte Ziellinie

Für Gewinner und Verlierer gleichermaßen erfolgreich war die samstägliche Aktion "Wetten, dass...?" vor dem Kirchheimer Rathaus. Vom aufkommenden Wettfieber bei der Abschlussveranstaltung der "Fairen Woche" profitierten dabei nicht nur Menschen in weiter Ferne, sondern unmittelbar auch Schüler in nächster Nähe.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Ziel der Veranstaltung war es, im Rahmen der vom "Forum Fairer Handel" bundesweit durchgeführten "Fairen Woche" auf das Schicksal der Menschen in der Dritten Welt hinzuweisen und gleichzeitig die Existenz des Kirchheimer Fachgeschäfts für fairen Handel, den "Weltladen" in der Dettinger Straße 50, stärker in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Was es mit der "fairen Kaffeewette" auf sich hat, machte die Vorsitzende des Erste-Welt-Vereins, Ulrike Binder, den Passanten deutlich.

Neben Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker konnte die Vorsitzende des Vereins, der den "Weltladen" trägt, Vertreter des Kirchheimer Ratsgremiums begrüßen, die sich bereit erklärt hatten, die im Sommer geschlossene Wette einzulösen. Gewettet wurde vom Weltladenteam, dass es den Mitgliedern des Kirchheimer Gemeinderats nicht gelingen wird, innerhalb von zwei Stunden rund um das Rathaus so viel fair gehandelten Kaffee zu verkaufen, wie Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker auf die Waage bringt.

Keine indiskrete Digitalwaage war für die dafür erforderlichen Ermittlungen installiert, sondern eine Wippe gebaut worden, auf der sich die Oberbürgermeisterin einem zusehends größer werdenden Stapel von Kartons mit Kaffeetüten gegenüber sah. Dass die Päckchen gemahlenen Kaffee und keine Bohnen enthielten, machte die Aufgabe für das Gemeinderatsteam nicht unbedingt einfacher, denn Bohnen, so zeigten sich einige bekennende Besitzer moderner Kaffee-Vollautomaten überzeugt, wären ihnen von ihrer Kundschaft wohl rascher aus den Händen gerissen worden, doch den hatten die Paten der "fairen Kaffeewette" tunlichst in der Dettinger Straße 50 gelassen, wo er in vielen verschiedenen Sorten auch weiterhin gerne verkauft wird . . .

Mit dabei beim Einlösen der Wette waren neben "alten" vor allem auch neue Mitglieder des Gemeiderats. SPD-Stadträtin Marianne Gmelin und Fraktionskollege Bodo Schöllkopf wurden dabei von der Grünen Alternative unterstützt, für die neben Fraktionsführer Christoph Tangl auch Karl-Heinz Schöllkopf antrat, der trotz seines bereits erfolgten Abschieds aus dem Ratsrund doch noch mit dazu beitragen wollte, die Wette zu gewinnen.

Parteiintern hatten die beiden noch Sabine Bur am Orde-Käß auf ihrer Seite, während die SPD auch auf Tonja Brinks und Andreas Kenner bauen konnte. Für die Vereinigung FDP / Kirchheimer Bürger (KiBü) war Albert Kahle mit von der Partie und Wolfgang Schuler vertrat die Christliche Initiative Kirchheim (CIK). Damit diese "Außenwette" nicht ganz ohne CDU-Beteiligung stattfindet, hatte sich Dietmar Hoyler im "Weltladen" gegen Vorauskasse ein Kontingent von 40 Kaffeetüten geordert, um den Wettkampf vor dem Rathaus von seiner Tankstelle aus mit zu unterstützen.

Bevor die mit Namensschildern und Umhängetaschen ausgestatteten fliegenden Händler in der Fußgängerzone ausschwärmten, um faire Ware und die damit verbundenen Informationen mit unterschiedlichsten Methoden "unters Volk zu bringen", wurden sie von Ulrike Binder einem Schnellkurs unterzogen, der sie zu einschlägigen Kaffeeexperten machte.

Wichtiges Erkennungsmerkmal, das garantiert, dass es sich tatsächlich um fair gehandelten Kaffee handelt, ist schließlich das "TransFair"- Siegel, das gut sichtbar auf unterschiedlichsten Sorten wie "Esperanza" oder "Organico" klebt und auch Tüten mit entkofeiniertem Kaffee ziert. Garantiert wird mit diesem Siegel, dass den Produzenten in der Dritten Welt faire Preise bezahlt wurden, die ihre Produktionskosten einspielen und ihren Lebensunterhalt sichern. Die Erlöse aus einem Fair-Trade-Aufschlag können daher in Gemeinschaftsprodukte wie den Bau von Schulen oder den Kauf von Maschinen investiert werden.

Dass wohl nicht der Gemeinderat, sondern der Kirchheimer "Weltladen" die Wette verlieren wird, wurde rasch deutlich, nachdem auch noch Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker "außer Konkurrenz" startete und mit Rekordumsätzen das Gemeinderatsteam unterstützte. Trotz verspätetem Verkaufsbeginn waren um 11 Uhr bereits 164 und um 11.30 Uhr 228 der bereitstehenden 250-Gramm-Päckchen verkauft. Auch wenn kurz darauf das auf der Wippe akurat austarierte Ziel der Wette erreicht war, konnte die Wettsieger erst der allmählich versiegende Kaffeenachschub bremsen. Die "Niederlage" bei der Wette konnte daher mit einem absoluten Rekordverkauf von insgesamt über 400 Kaffeepäckchen aufgewogen werden.

Alle Kirchheimer Schulen dürfen sich also nun über vom "Weltladen" zur Verfügung gestellte Fußbälle freuen. Zum Ende der "Fairen Woche" konnte damit noch ein Artikel aus dem Weltladen-Sortiment in den Vordergrund gerückt und auf die Initiative "Fair Play Fair Life" aufmerksam gemacht werden. Diese Initiative wendet sich insbesondere an Jugendliche, um sie auf die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen aufmerksam zu machen, unter denen Fußbälle in Ländern der Dritten Welt produziert werden.

Die 32 Waben eines Fußballs müssen mit 650 Stichen von Hand zusammengenäht werden. Zwei Stunden braucht ein Arbeiter in Pakistan dafür und erhält dann etwa 30 Rupien, was weniger ist als 50 Cent. Selbst das Nähen von fünf Bällen pro Tag reicht nicht aus, um eine Familie zu ernähren. Für Bälle mit "TransFair"- Siegel wurden 10 Rupien mehr bezahlt. Außerdem stehen diese Siegel auch für langfristige Arbeitsverträge, für Schulen statt Kinderarbeit, für die Zahlung von Krankengeld oder auch für den Transport zur Fabrik.

Fair aber karg wurden dann auch die siegreichen Ratsmitglieder honoriert. Pro Nase gab es die zuvor als Geldtasche verwendeten philippinischen Packsacktäschchen derzeitiger Verkaufshit im "Weltladen" als Geschenk. Zum Wiedergewinn der beim Kampf für den Konsumismus verlorenen Energien gab es noch einen fair gehandelten Schokoriegel und nicht zuletzt auch noch eine der fair gehandelten Bananen, die seit Beginn der "Fairen Woche" im "Weltladen" erhältlich sind.

Neben erfolgreichen Verkaufsgesprächen und Informationen über Fairen Handel und die Dritte Welt wurden im Rahmen der Wetteinlösung auch viele Informationen über den "Weltladen" gehandelt. Neugierde zu wecken war wichtig, denn dort werden schließlich auch Wertgutscheine ausgestellt. Im Blick auf die herannahende Weihnachtszeit lohnt es sich also auf jeden Fall, sich den Laden und sein Verkaufs- und Veranstaltungsangebot nicht nur im Internet unter www.weltladen-kirchheim.de, sondern vielleicht auch einmal in natura anzuschauen. Dort gibt es schließlich auch die von vielen Pulververächtern am Samstag vermissten fairen Bohnen . . .