Lokales

Mit freundlichen Briefen gegen das Vergessen anschreiben

"Auch heute denke ich wieder, dass sie mir vielleicht meinen Sohn zurückgeben werden. Ich träume jede Nacht von ihm und muss ständig weinen. Das ist kein Leben mehr. Für mich ist das Leben stehen geblieben. Ich bin einfach nur noch hier." Das sagt Bilat Achmatchanow, die Mutter von Artur Achmatchanow, der zu den Tausenden Tschetschenen gehört, die "verschwunden" sind.

KIRCHHEIM Wer "verschwunden" ist, kann in einem Gefängnis festgehalten werden, kann irgendwo einen sicheren Unterschlupf gefunden haben oder liegt vielleicht bereits in einem Massengrab. Diese Ungewissheit ist es, die Freunde und Angehörige der meistens unschuldigen Opfer ebenfalls bestraft. Und das über Jahre hinaus, wie die eingangs zitierten Worte der Mutter von Artur Achmatchanow belegen. Um ihr, ihrem Sohn, aber auch Paul Ndokayi und Bu Dongwei zu helfen, bittet die Kirchheimer ai-Gruppe darum, mit Appellen der Aktion "Briefe gegen das Vergessen" teilzunehmen. Sie wird so vorbereitet, dass sie mit einem geringen Zeitaufwand verbunden ist. Im Bürgerbüro in der Alleenstraße sowie im Eine-Welt-Laden in der Dettinger Straße werden Briefvorschläge ausgelegt. Sie können auch von der Homepage heruntergeladen werden unter www.amnesty.de im Abschnitt "wir über uns". Wer sich darüber hinaus über die Arbeit der Gruppe informieren möchte, kann sich an Dr. Roswitha Alpers, Telefon 0 70 21/65 45, wenden.

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Informationen über die drei Appellfälle dieses Monats können dem folgenden Text entnommen werden: Artur Achmatchanow aus der Russischen Föderation: Am 2. April 2003 wurde der Student und Menschenrechtler von vermummten Männern, vermutlich Angehörigen der Streitkräfte der Russischen Föderation, festgenommen. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Zum Zeitpunkt seines "Verschwindens" hatte er sich bei der "russisch-tschetschenischen Freundschaftsgesellschaft", einer Menschenrechtsorganisation, engagiert. In einem Brief an die örtlichen tschetschenischen Behörden vom März 2004 wies ein Militärkommandeur jede Beteiligung an dem "Verschwinden" von Artur Achmatchanow zurück. Die am 4. April 2003 eingeleitete offizielle Untersuchung seines "Verschwindens" wurde wieder ausgesetzt. Die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial" schätzt, dass seit 1999 in Tschetschenien zwischen 3000 und 5000 Menschen dem "Verschwindenlassen" zum Opfer gefallen oder entführt worden sind.

Amnesty bittet um höflich formulierte Briefe an den Staatspräsidenten mit der Bitte, das "Verschwinden" von Artur Achmatchanow zu untersuchen, die Liste aller in Tschetschenien vermissten Personen zu veröffentlichen, eine unparteiische Untersuchung der Massengräber sicherzustellen sowie Angehörige und Zeugen vor Einschüchterungen zu schützen. Die Adresse lautet: Vladimir Putin, President of the Russian Federation, 103132 g. Moskau, 4 Staraya Ploshchad, Russische Föderation. Sinnvoll ist es, eine Kopie an die Botschaft der Russischen Föderation zu senden zu Händen von S. E. Vladimir Kotenev, Unter den Linden 63 65, 10117 Berlin, Telefax: 030/229 93 97, E-Mail: info@ Russische-Botschaft.de.

Paul Ndokayi aus dem Kongo: Der 61-jährige Oberst der Armee der Demokratischen Republik Kongo wurde Ende November 2006 von Spezialeinheiten der Polizei in Kinshasa festgenommen, weil er dieselbe ethnische Herkunft hat wie Jean-Pierre Bemba, der wichtigste Gegenspieler des Präsidenten Kabila. Während des Verhörs beschuldigte man ihn, ein "Bruder" Bembas zu sein. Auch wurde er fünf Stunden lang ununterbrochen mit Seilen, Ketten und Messern gefoltert. Man trat ihm in den Kopf, stach ihm ein Messer in den Fuß und brach ihm mehrfach die Hände. Seit diesen Folterqualen ist er in extrem schlechter gesundheitlicher Verfassung. Nach Berichten von Vertretern von ai, die ihn im Juni 2007 im Gefängnis besuchten, blutet er häufig aus den Ohren und kann Arme und Beine kaum noch bewegen. Oberst Ndokayi ist wegen "Terrorismusdelikten" angeklagt und seit nunmehr zehn Monaten in Haft. Man verweigert ihm nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch das Recht, seine Inhaftierung vor einem Gericht anzufechten und Anzeige gegen seine Peiniger zu erheben.

Amnesty erbittet höflich formulierte Briefe an den kongolesischen Justizminister mit der Forderung, Oberst Ndokayi entweder einer strafbaren Handlung anzuklagen und unverzüglich vor ein Zivilgericht zu stellen oder ihn sofort freizulassen. Zudem soll er medizinisch versorgt werden. Ferner sollte eine Anklage wegen Folter erhoben werden. Die Adresse lautet: M. Georges Minsay Booka, Ministre de la Justice et Garde des Sceaux, Ministère de la Justice, 228 Avenue de Lemera, BP 3137, Kinshasa Gombe, Demokratische Republik Kongo. Sinnvoll ist auch hier eine Kopie an die Botschaft der Demokratischen Republik Kongo zu Händen von Pierre Yvon Malamba Osang - A - Bull, Gesandter - Botschaftsrat, Im Meisengarten 133, 53177 Bonn, Telefax: 0228 - 35 22 17).

Bu Dongwei aus China: Dieser Anhänger der spirituellen Bewegung Falun Gong wurde zu zweieinhalb Jahren "Umerziehung durch Arbeit" verurteilt und muss im "Tuanhe-Umerziehungslager" in Peking Verpackungsarbeiten verrichten. Bu Dongwei war im Mai 2006 von sieben Polizeibeamten festgenommen worden. Wegen eines vermeintlichen mündlichen "Geständnisses" und dem Besitz von 80 Publikationen über Falun Gong beschuldigt man ihn des "Widerstands gegen die Durchsetzung nationaler Gesetze" und der "Störung der sozialen Ordnung". Ein Gerichtsverfahren gab es nie. Bu Dongwei war bereits im August 2000 wegen seiner religiösen Überzeugung zu zehn Monaten Arbeitslager verurteilt worden. Er berichtet, während dieser Zeit geschlagen, am Schlafen gehindert und gezwungen worden zu sein, den ganzen Tag auf einem kleinen Stuhl zu sitzen, damit er sich von Falun Gong lossage. Seit diese Bewegung 1999 verboten worden war, wurden Zehntausende ihrer Anhänger verhaftet. Die "Umerziehung durch Arbeit" ist eine Haft, die ausschließlich von der Polizei verhängt wird. Sie wird unter dem Vorwand, Peking bis zu den Olympischen Spielen 2008 "aufzuräumen", verstärkt eingesetzt.

Amnesty bittet um höflich formulierte Briefe an den Ministerpräsidenten mit der Forderung, Bu Dongwei sofort und bedingungslos freizulassen. Bis dahin soll garantiert werden, dass er weder misshandelt noch gefoltert wird. Ferner soll auf die Abschaffung der "Umerziehung durch Arbeit" gedrängt werden. Die Adresse lautet: Ministerpräsident der Volksrepublik China Wen Jiabao Guojia Zongli, The State Council General Office, Guowuyuan, 9 Xihuangchenggen Beijie, Beijingshi 100032, VR China, Telefax: 0086/10 65 96 11 09, E-Mail: gazette@mail.giv.cn. Die Adresse des Botschafters der VR China, S. E. Canrong Ma, lautet: Märkisches Ufer 54, 10179, Berlin, Telefax: 030/27 58 82 21, E-Mail: chinesischeBotschaft @debitel.net.

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