Lokales

Mit freundlichen Briefen gegen das Vergessen anschreiben

KIRCHHEIM Grenzenlose Naivität, sogar Unverfrorenheit mag der eine oder die andere amnesty beim Lesen dieser Rubrik unterstellen. Die sich dahinter verbergende Frage ist berechtigt. Was eigentlich können Briefe bewirken, die den Absender einer schwäbischen Kleinstadt tragen, die hundertprozentig in den fernen Städten auf den Adressen unbekannt sind? Briefe, die auch noch auf Deutsch geschrieben sind.

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Die Antwort ist einfach. Gerade die Fremdheit der Absender lässt die Adressaten aufhorchen. Briefe im Interesse der vorgestellten Opfer tragen nämlich nicht nur Absender aus der Kirchheimer Region, sondern viele aus anderen ebenso unbekannten Orten. Diese Briefe lassen die Adressaten deshalb aufhorchen, weil sie ihnen zeigen, dass ihre Menschenrechtsverletzungen nicht im Dunkeln bleiben, sondern dass sie mit jedem einzelnen dieser Briefe an den Pranger der Weltöffentlichkeit gestellt wurden.

Weil also jeder Appell den Opfern hilft, bittet die Kirchheimer ai-Gruppe um rege Mitarbeit. Sie ist mit wenig Aufwand verbunden, da im Bürgerbüro in der Alleenstraße sowie im Eine-Welt-Laden in der Dettinger Straße Briefvorschläge bereit liegen. Das Bürgerbüro hat von Montag bis Freitag zwischen 10 und 12 Uhr geöffnet. Wer sich darüber hinaus über die Arbeit der Gruppe informieren möchte, kann sich an Dr. Roswitha Alpers, Paradiesstraße 10, Telefon 0 70 21/65 45, wenden.

Informationen über die drei Appellfälle, können dem folgenden Text entnommen werden: Anna Benny aus Papua-Neuguinea: Die Menschenrechtsverteidigerin Anna Benny ist seit November 2005 "verschwunden". Zuletzt war sie in Goroka, im östlichen Hochland von Papua-Neuguinea, gesehen worden, wo sie ihre Schwägerin aufsuchen wollte, die von den Dorfbewohnern der Hexerei bezichtigt und deshalb gefangengehalten wurde. Beide Frauen sollten erschossen worden sein. Tötungen wegen Hexerei sind im Hochland von Papua-Neuguinea keine Seltenheit. Wie die Menschenrechtlerin Sarah Garap gegenüber ai erläuterte, "müssen dann für jeden dieser Todesfälle ein oder mehrere anderen Menschen sterben". In 95 Prozent dieser Fälle seien es Frauen, die beschuldigt, gefoltert und getötet werden. Diese Tötungen sind von einer Mauer von Schweigen umgeben und die Polizei unternimmt so gut wie nichts, um sie zu durchbrechen.

Anna Benny setzte sich unermüdlich gegen diese Gewalt an Frauen und deren Billigung durch die Dorfgemeinschaften ein. Eine lokale Frauenorganisation führt nun eigene Untersuchungen ihres Falles durch, obwohl auch ihre Mitglieder bedroht werden.

Amnesty erbittet höflich formulierte Briefe an den Polizeichef des Landes, die ihn auffordern, eine Untersuchung des "Verschwindens" und der mutmaßlichen Tötung von Anna Benny und ihrer Schwägerin einzuleiten. Sie sollen gerichtet werden an Sam Inguba, Commissioner of Police, Police Headquarters, PO Box 85, Kone.dobu, Port Moresby NCD, Papua-Neuguinea, Telefax 00675 321 01 01006 75 - 321 19 29. Eine Kopie des Schreibens sollte an die Botschaft des Unabhängigen Staates Papua-Neuguinea S. E. I. B. Lupari, Avenue de Tervuren 430, 1150 Brüssel, Belgien geschickt werden. Telefax 0032 -2 - 772 70 88.

Térence Nahimana aus Burundi: Der gewaltlose politische Gefangene wurde am 15. Mai 2006 wegen "Gefährdung der Staatssicherheit" angeklagt, nachdem er die Bereitschaft der burundischen Regierung angezweifelt hatte, Friedensverhandlungen mit der bewaffneten Oppositionsgruppe "Forces Nationales de Libération" aufzunehmen. In seiner Funktion als Direktor der nichtstaatlichen Organisation "Cercle dinitiative pour une vision commune", deren Ziel es ist, den Frieden zu erreichen, schrieb er dem Staatspräsidenten und warf ihm vor, den Friedensprozess zu verschleppen. Ferner bezichtigte er die Regierung, die Gespräche mit der UNO zu hintertreiben, die eine Wahrheits- und Versöhnungskommission anstreben. Seine Inhaftierung ist Teil einer Serie von Einschüchterung und willkürlichen Festnahmen, die sich in Burundi gegen Menschenrechtler und Journalisten richten. Nahimana befindet sich derzeit im Mqimba-Zentralgefängnis in der Hauptstadt Bujumbura.

Amnesty erbittet höflich formulierte Briefe an den Justizminister, in denen seine sofortige bedingungslose Freilassung verlangt wird, da er ausschließlich wegen der friedlichen Wahrnehmung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung inhaftiert worden ist. Sie sollen gerichtet werden an Madame Clotilde Niragira, Ministre de la Justice et Garde des Sceaux, Chaussée Prince Rwagasore, PB 1880, Bujumbura, Burundi, Telefax : 00 257/218 610. Eine Kopie sollte an die Botschaft der Republik Burundi geschickt werden zu Händen von S. E. E. Ndikuriyo, Berliner Straße 36, 10715 Berlin, Telefax 030 - 23 456720, E-Mail: info@burundi-embassy-berlin.com.

Ogulsapar Murandowa und andere aus Turkmenistan: Die Korrespondentin des US-Rundfunksenders "Radio Liberty" wurde am 18. Juni 2006 ohne Haftbefehl festgenommen. Da sie ferner ein Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation "Turkmenistan Helsinki Foundation" ist, ist ihre Inhaftierung Teil der massiven Unterdrückung jeglicher kritischen Stimmen in Turkmenistan, in dem sogar oppositionelle politische Parteien verboten sind. Amnesty befürchtet, dass Ogulsapar Murandowa sowie die zur selben Zeit verhafteten Mitglieder dieser Organisation, Annakurban und Sapardurdi Chadschijew, in Gefahr sind, gefoltert zu werden. Auch wurde in den staatlichen Medien verbreitet, dass diese drei Menschenrechtler des Landesverrats beschuldigt werden, was mit lebenslanger Haft bestraft werden kann.

Amnesty erbittet höflich formulierte Briefe mit der Forderung ihrer sofortigen bedingungslosen Freilassung. Sie sind zu richten an den Präsidenten Saparmurad Niyazov, Presidential Palace, 744000 Ashgabat, Turkmenistan, Telefax: 009 93 - 12 -35 5112. Eine Kopie sollte an die Botschaft von Turkmenistan geschickt werden, zu Händen von S. E. Berdymurat Redjepov, Langobardenallee 14, 14052 Berlin, Telefax 030 - 30 10 24 53.

pm