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Mit Gülle und Most wurde das "Obere Städtle" weitgehend gerettet

"Owen im Krieg und am Kriegsende Zeitzeugen berichten": Unter diesem Motto veranstaltete der Förderkreis "Alt Owen" am Freitag im evangelischen Gemeindehaus einen außergewöhnlichen Geschichtsabend. Die Erinnerung an das Ende des Kriegs umfasste auch die Erinnerung an den Beginn der Schreckensherrschaft und an die staatlich gelenkte Erziehung im nationalsozialistischen Geist.

ANDREAS VOLZ

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OWEN

"Für die Nachgeborenen ist es relativ leicht zu sagen: ,Man hat es doch von Anfang an gesehen, was passieren wird. Warum hatte Hitler so viele Anhänger?'" Diese Frage sei leicht gestellt, eine Antwort darauf schwer zu geben. Christof Leuze, der den Abend im überfüllten Gemeindehaus moderierte, versuchte trotzdem, eine Antwort zu geben, zumal gerade seine Heimatstadt Owen eine Hochburg der NSDAP gewesen war.

Christof Leuze erinnerte zunächst an das politische Umfeld der 20er-Jahre, wie es sich im gesamten Deutschen Reich darstellte. Der Versailler Vertrag, der den verlorenen Ersten Weltkrieg besiegelte, wurde als äußerst demütigend für das deutsche Volk empfunden. Die Monarchie war abgeschafft worden, auch wenn ein Großteil der Bevölkerung eigentlich an dieser überkommenen Regierungsform nach wie vor festhielt. So war die Weimarer Republik gekennzeichnet durch Parteienstreit, Machtkämpfe, Putschversuche. "In diesem ganzen Wirrwarr kam 1923 noch die Inflation hinzu, mit der eine große Armut eintrat", sagte Christof Leuze. "Die allgemeine Unzufriedenheit wuchs, genauso der Wunsch nach einem ,starken Mann'."

"Braunes" OwenIn Owen zeigte sich dieser starke Mann schon frühzeitig, in jenem Inflationsjahr 1923. Er hieß Christian Mergenthaler, war Gymnasialprofessor in Schwäbisch Hall und machte später im "Dritten Reich" Karriere als Landtagspräsident, Ministerpräsident und Kultusminister von Württemberg. "Er muss 1923 gegenüber von der Post eine Rede gehalten haben, die sehr zündend war", beschrieb Leuze ein Ereignis, das dazu geführt hatte, dass in Owen zehn Jahre vor der "Machtergreifung" schon sehr viele Beitritte zur NSDAP zu verzeichnen waren. Als die Putschisten um Hitler am 9. November 1923 in München in Richtung Feldherrnhalle marschierten, zählte die Owener Ortsgruppe der Partei bereits über 100 Mitglieder.

Nach dem kläglichen Scheitern des dilettantischen Putschversuchs schickten die Owener Parteimitglieder einen Korb Kirschen, einen Rosenstrauß und eine Brezel in Hakenkreuzform nach Landsberg am Lech, wo Hitler seine Festungshaft verbüßte. Dieser bedankte sich mit einem persönlichen Brief. Davon erzählte Christof Leuze am Freitag ebenso wie vom Börsenkrach 1929, durch den "die ganz große Chance für Demagogen" gekommen war. Wieder war es der Agitator Mergenthaler, der in Owen zahlreiche Anhänger fand, nachdem sich zuvor die wirtschaftliche Lage stabilisiert hatte und damit auch der Einfluss der NSDAP zurückgegangen war.

Anfang 1933 zeigte sich die kollektive Begeisterung über die neuen Machthaber besonders ausgeprägt im kleinen Teckstädtchen Owen: Bei der Reichstagswahl am 5. März erhielten die Nationalsozialisten 44 Prozent im Reich und 72 Prozent in Owen. Und schon am 27. März 1933, so wusste Christof Leuze weiter zu berichten, hat der Owener Gemeinderat beschlossen, drei neue Ehrenbürger zu ernennen: Reichspräsident Paul von Hindenburg, Reichskanzler Adolf Hitler und den württembergischen Staatspräsidenten Wilhelm Murr "als Beweis für die Reichstreue der gesamten Bevölkerung", wie es im Beschlussvorschlag hieß. Außerdem beschlossen die Gemeindevertreter damals, auf dem Maienwasen eine "Hitler-Eiche" zu pflanzen, daneben einen Fahnenstock zu errichten und das ganze Areal in "Hitler-Höhe" umzubenennen.

Vier Tage nach diesem Beschluss wurde der Gemeinderat aufgelöst und vor der Neuaufnahme seiner Geschäfte auf zwei Drittel reduziert. Von zwölf Mitgliedern durften vier auch weiterhin am Ratstisch sitzen, vier weitere kamen neu hinzu, von der Obrigkeit bestimmt. Christof Leuze bezeichnete dies als einen besonderen Schachzug Hitlers: "Die Gemeinderatssitze wurden einfach zugeteilt. Wahlen seien zu teuer, hieß es. Hitler hatte bis dahin der Zugriff auf die Länder und Gemeinden gefehlt. So aber wurden die Volksvertretungen mit einem Schlag zum Vollzugsorgan der Partei."

Erziehung im "Dritten Reich""Das Ziel der Erziehung war doch bald durchschaubar: Die Buben sollten gute Soldaten werden, die Mädchen gute Mütter." So begann Albrecht Raichle mit seinen Erinnerungen. Es habe viele Lehrerwechsel gegeben, und mit zunehmender Kriegsdauer seien immer ältere Lehrer gekommen. Um den "rechten Fliegergeist" zu wecken, bekamen die Jungs im Werkunterricht die Aufgabe, Flugzeugmodelle zu bauen. Zuhause sollten sie Seidenraupen züchten, um das Rohmaterial für die im Krieg benötigten Fallschirme zu bekommen. "Einmal", erinnert sich Albrecht Raichle, "haben wir Kartoffelkäfer gesucht. Es hieß, die habe der Feind abgeworfen. Für uns war das natürlich viel schöner als Kopfrechnen. Und das Rechnen war auch nicht so wichtig, wir mussten ja gute Soldaten werden."

Wenn es für die Schulbuben Freizeit gab, beschäftigten sie sich am liebsten mit "Soldäterlesspielen". "Der Pfarrgarten war unser Truppenübungsplatz", berichtete Albrecht Raichle und zeigte ein Bild von Kinderhand, das sieben kleine Soldaten im Gleichschritt darstellte, samt Unteroffizier und Fahnenträger. Auch sein "Uniförmle vom Jungvolk" hatte Albrecht Raichle mitgebracht. "Mit dr Uniform, do bischt ebbes gwea", sagte er über die Verhältnisse im "Dritten Reich", über die sich die Nachgeborenen meist nicht so sehr im Klaren sind. Jeder neu aufgenommene "Pimpf" hatte einen Eid zu schwören, in dem er sich verpflichtete, "hart, schweigsam, tapfer und treu" zu sein. Außerdem habe es geheißen: "Wer auf die Fahne des Führers schwört, hat nichts mehr, was ihm selber gehört."

Auf dem Programm des Jungvolks standen "Marschieren mit Gesang", viel Sport und vor allem auch Geländespiele. "Viel sehen, nicht gesehen werden", habe dabei die Parole geheißen, und besonderer Wert sei darauf gelegt worden, sich bei Tag und Nacht orientieren zu können. "Wir wissen alle, wo der Polarstern ist", sagte Albrecht Raichle über die Angehörigen seiner Generation, denen schon im Alter von zehn Jahren Lieder beigebracht wurden, wo es hieß: "Die Fahne ist mehr als der Tod."

Der Pfarrersohn erzähltFünf Szenen aus seiner Kindheit stellte Paul Rapp, Pfarrer im Ruhestand, vor. Von 1935 bis 1944 war sein Vater als Pfarrer in Owen tätig gewesen. Pfarrer waren im "Dritten Reich" Staatsbeamte und hatten einen Eid auf den "Führer" abzulegen. Weil sich der Owener Stadtpfarrer weigerte, verweigerte ihm Minister Mergenthaler wie vielen seiner Amtskollegen das Gehalt. 1937 muss es gewesen sein, als Paul Rapps Mutter die Kinder nach unten rief, und ihnen ein "Wunder" zeigte: die "Gottesgabe" der Owener. Sie hatten das Tor zum Garten "vollgebeigt mit Lebensmitteln bis in den Bogen hinein".

Ein gutes Jahr später spielte der siebenjährige Paul scheinbar unbeteiligt, als sein Vater am Frühstückstisch der Mutter von der Gerichtsverhandlung berichtete, die in Stuttgart gegen den "Oberlenninger Onkel" Julius von Jan geführt worden war wegen dessen Bußpredigt als Reaktion auf die "Reichskristallnacht". Zu seiner Verteidigung habe der Oberlenninger Pfarrer immer wieder gesagt: "Das Wort Gottes hat es mir befohlen." Nachdem der Richter völlig ungehalten schimpfte, er solle endlich "mit dem verdammten Wort Gottes" aufhören, muss der Rechtsanwalt gesagt haben: "Herr Richter, das Wort Gottes ist eine verdammt ernste Sache."

Auf Paul Rapp machte diese Szene einen ebenso starken Eindruck wie 1942 oder 1943 der Besuch zweier "Uniformierter" in seiner Klasse in der Realoberschule in Kirchheim. Sie suchten nach Auserwählten für die "Adolf-Hitler-Schule", eine Kaderschmiede in Sonthofen. In der Sporthalle zeigten die Schüler, was sie können. Paul Rapp hatte sich besonders hervorgetan, war aber aus dem Rennen, sobald der Lehrer den Talentsuchern zugeflüstert hatte, dass sein Vater Pfarrer sei. Der Bann, in den ihn der nationalsozialistische Militarismus durchaus gezogen hatte, sei von diesem Moment an gebrochen gewesen: "Ich hab' mir gedacht, ,wenn de scho oim g'hera muasch, no liabr deim Vadder wie dene.'"

Zwei weitere Erinnerungen des Pfarrersohns betrafen die Bedrohung seines Vaters durch auswärtige Schlägertrupps. Owener Bürger stellten sich aber so entschlossen vor ihren Pfarrer, dass es bei der Drohung geblieben ist. Einmal habe ein Mann dem Stadtpfarrer gesagt, er solle am kommenden Sonntag nichts Verdächtiges von sich geben. Seine Begründung lautete: "Ich muss bei Ihrer Predigt mitschreiben und es dem Kreisleiter melden." Schließlich erinnerte sich Paul Rapp noch an einen Gast, der "zur Erholung" ins Pfarrhaus gekommen war, sich aber weder am gemeinsamen Essen noch am Kirchgang beteiligte. Dass es sich um einen jüdischen Mitbürger handelte, den seine Eltern versteckten, hat er erst viel später erfahren und das war gut so: "Meine Eltern mussten sehr vorsichtig sein, denn ich war ein gesprächiges Kind."

Gelungene FluchtHelmut und Inge Carrle erzählten die Geschichte von André Titeca, einem französischen Kriegsgefangenen, dem im August 1941 die Flucht geglückt war, nachdem er über ein Jahr lang in Owen verbracht hatte. In Unterlenningen war für ihn und seinen Kameraden Urlauberkleidung deponiert worden mit Hakenkreuz. Über Beuren kamen die beiden dann zu Fuß nach Nürtingen, wo sie um 5.32 Uhr einen Zug in Richtung Singen bestiegen. Sie sprachen nicht viel, versteckten sich hinter einer Parteizeitung und wechselten häufig den Zug. Wenn sie jemand angesprochen hätte, hätte André Titeca auf eines der vielen Schilder verwiesen, auf denen stand: "Sprechen Sie nicht, der Feind hört mit."

Von Singen aus schlugen sich die beiden Franzosen in Richtung Grenze durch. Die Schweiz war zum einen nicht besetzt im Gegensatz etwa zum Elsass , und andererseits mussten die Flüchtenden an dieser Stelle nicht den Rhein überqueren, um ins Ausland zu gelangen. Allerdings fiel bei einem nächtlichen Gewitter ihr Kompass aus, sodass ihnen die Orientierung fehlte. Sie hörten lange Zeit Hundegebell und trafen schließlich, nur wenige Meter hinter der Grenze, auf einen Mann in Uniform, der sich als Schweizer Grenzbeamter zu erkennen gab. "Unter diesen Umständen sind wir Franzosen", gab André Titeca das Inkognito auf.

Über Südfrankreich gelangte der französische Lehrer, der seine Deutschkenntnisse um das schwäbische Idiom bereichert hatte, wieder zurück in seine Heimat. Nach Kriegsende haben die beiden Kameraden Owen wieder einen Besuch abgestattet, und die Freundschaft zwischen seiner Familie und der Owener Familie Carrle hat bis heute Bestand, auch noch drei Jahre nach dem Tod André Titecas. "Auch solche Brücken sind durch den Krieg geschlagen worden", beschloss Inge Carrle den Bericht.

Zerstörungen in OwenDeutsche Soldaten versuchen sich im ungeordneten Rückzug auf die Albhochfläche zu retten. Die Amerikaner registrieren, wo sich Soldaten und Munition befinden, und nehmen die entsprechenden Ortschaften unter Beschuss. Auch Owen ist davon betroffen. Hinzu kommt, dass die amerikanischen Panzer am 21. April nicht nur auf der Kirchheimer Straße nach Owen einfahren, sondern auch weiter östlich am Teckhang ins "Obere Städtle". Der erste Panzer kommt noch durch, beim zweiten gibt die Grabenbrücke allerdings nach. Die Amerikaner vermuten einen Sabotageakt und zerstören zur "Strafe" einen kompletten Straßenzug. Alles in allem sind in ganz Owen 54 Häuser den Bomben und dem Feuer zum Opfer gefallen.

Mehr als 60 Jahre danach machte sich Fritz Nuffer mit seinem Publikum im evangelischen Gemeindehaus auf einen "Rundgang durchs Städtle anno 45". Detailliert zeigte er anhand einer Karte auf, welche Gebäude zerstört worden waren. Neben privaten Wohnhäusern gehörten dazu etliche Gasthäuser, die Fabrik Gutekunst und die Schule. "1845 wurde die Schule auf den Mauern der Kelter gebaut. 100 Jahre nach dem Bau ist sie abgebrannt", sagte Fritz Nuffer und erwähnte die vielen Bücher, die dort gelagert waren und dann zusammen mit dem Gebäude ein Raub der Flammen wurden. "Die Zeugnisse sind auch verbrannt", ergänzten die Zuhörer.

Der Owener Kirchturm brannte ebenfalls ab, ohne dass eine Möglichkeit zum Löschen bestanden hätte. Die Kirche selbst blieb zunächst verschont, bevor das Dach eine Woche später Feuer fing, herabstürzte und das Kircheninnere zerstörte. "Wahrscheinlich hat sich ein Glutnest im Turm eine ganze Woche lang erhalten und dann erst entzündet", vermutet Fritz Nuffer. Ein weiteres Gebäude, das für die Öffentlichkeit von großer Bedeutung war was sich besonders nach dessen Brand herausstellte , war die Mühle Ensinger. Darauf hatte zu Beginn der Gedenkveranstaltung der stellvertretende Bürgermeister Christoph Ensinger in seinem Grußwort im Namen der Stadt hingewiesen: "Am 21. April, gegen Mitternacht, brannte die Mühle samt E-Werk aus ungeklärter Ursache ab. Ganz Owen war ohne Strom." Ensinger, einer der "Nachgeborenen", sieht in diesem Brand einen Glücksfall für Owen: Er vermutet, dass die Amerikaner die Stadt wohl nur deshalb bereits nach einer Woche wieder verlassen haben, weil die Stromversorgung nicht funktionierte.

Trotz aller Zerstörungen in Owen steht für Fritz Nuffer fest, dass das Ausmaß der Schäden noch weit größer hätte sein können, wenn sich die Männer des "Volkssturms" nicht geweigert hätten, wie befohlen Panzersperren zu errichten beziehungsweise zu schließen. Nach einer Bekanntmachung des zuständigen "Reichsverteidigungskommissars" vom 13. April 1945 hätte jeder Versuch, die Schließung einer Panzersperre zu verhindern, mit dem Tod bestraft werden müssen. Fritz Nuffer schilderte Fälle aus anderen Städten und Gemeinden, in denen in den letzten Kriegstagen noch Todesurteile vollstreckt wurden. Deshalb dankte er 60 Jahre nach Kriegsende in Owen dem "Volkssturm" für die mutige Befehlsverweigerung.

Persönliche ErlebnisseZum Abschluss der "Alt Owen"-Veranstaltung schilderten Maria Wunderlich und Hermann Raichle, wie sie persönlich als 14-Jährige das Kriegsende in Owen erlebt haben. Maria Wunderlich berichtete von der "Strafaktion" am Eingang zum Oberen Städtle: "Es gab kein Wasser, also hat man mit Gülle gelöscht oder auch mit Most." Trotz der ungewöhnlichen Löschmittel sei es gelungen, das Obere Städtle weitgehend zu retten, weil der Brand nicht auf allzu viele andere Häuser übergreifen konnte. Die heutige Bernhardskapelle stehe nur deshalb noch, weil sie lediglich von einem Blindgänger getroffen wurde. Maria Wunderlich sah schon Rauch aufsteigen, aber der vermeintliche Rauch entpuppte sich als Staub: "Wenn die Bombe gezündet hätte, gäbe es heute keine Bernhardskapelle mehr."

Auch Hermann Raichle hat seine eigenen Beobachtungen gemacht, zum Beispiel wie die deutschen Flieger im Luftraum über Owen den amerikanischen "Thunderbolts" unterlegen waren. "Mit der Zeit kam dann auch bei uns der Zweifel am ,Endsieg'", sagt Hermann Raichle deshalb. Selbst die Bombenangriffe vom 20. April beobachtete er zunächst im Freien. Nach einem besonders lauten "Schlag", den eine Sprengbombe verursacht hatte, beschloss er aber doch, seinen Posten aufzugeben und zu gehen "zu de andere en Keller na".

Als die ersten Amerikaner in Owen erschienen sind und nach versteckten deutschen Soldaten suchten, war Hermann Raichle richtig erleichtert: "Die Angst war vorbei. Wir haben aufgeschnauft. Der Kampf und die Fliegerangriffe waren zu Ende." Im Hinblick auf die nationalsozialistische Propaganda kam Hermann Raichle im evangelischen Gemeindehaus zu folgendem Resümee über das Kriegsende in Owen: "Sechs tote Zivilisten, acht tote deutsche Soldaten das war unser ,Endsieg'."