Lokales

Mit Hochdruck gegen die Graffiti-Hydra

Die einen "arbeiten" bevorzugt unsichtbar an "Werken", die je nach Standpunkt Hauswände und sonstige Flächen zieren oder verunstalten. Die anderen arbeiten am hellichten Tag und mit Hochdruck daran, eben diese "Werke" wieder unsichtbar zu machen. Ein ewiger Kreislauf?

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Graffiti erscheinen zuweilen wie die Hydra der griechischen Mythologie: Sobald ein Teil entfernt ist, wachsen gleich zwei neue nach. Wer sich das Beseitigen von Graffiti zur Aufgabe macht, gleicht also nicht nur dem antiken Helden Herakles, sondern auch dessen wesentlich unglücklicherem "Kollegen" Sisyphos. So lange es sich nicht gerade um politische Parolen rechtsradikaler Provenienz handelt, verhält sich die Stadt Kirchheim daher eher abwartend bei Graffiti-Attacken. "Beim ersten Strich machen wir nicht sofort was. Wir warten ab, bis es wirklich lästig wird", sagt Hochbauamtsleiter Wolfgang Zimmer.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker begründet diese Vorgehensweise psychologisch: "Eine frisch gestrichene Wand betrachten manche als Aufforderung, sie gleich wieder zu beschmutzen." Bei einer bestimmten Art von Graffiti sieht die Stadt allerdings akuten Handlungsbedarf. Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker verweist auf die Verpflichtung, "Schmierereien an unseren öffentlichen Gebäuden sofort zu entfernen vor allem, wenn es Nazi-Schmierereien sind". An diesem Punkt herrscht Einigkeit im Kirchheimer Rathaus: "Das muss sofort weg", sagt Wolfgang Zimmer über Schriftzüge, wie sie ein 18-Jähriger vor wenigen Wochen in Kirchheim "hinterlassen" hatte.

Bevor jedoch ein Auftrag zur Entfernung von Graffiti erteilt werden kann, gibt es juristische Probleme zu lösen. Hat man den Täter gefasst wie im Fall des 18-jährigen Auszubildenden aus Kirchheim , dann ist er als "Handlungsstörer" im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten regresspflichtig. Bei den Schmierereien am Ötlinger Bahnhof sind der oder die Täter allerdings noch nicht bekannt. Somit wäre der Eigentümer als "Zustandsstörer" für das Beseitigen der Graffiti zuständig, erklärt Angelika Matt-Heidecker den juristischen Sachverhalt.

"Die Stadt kann nicht für alles die Verantwortung übernehmen", schildert die Oberbürgermeisterin das Dilemma hinsichtlich des Ötlinger Bahnhofs, der kein Eigentum der Stadt Kirchheim ist. Die Kommune ist folglich auch nicht in der Rolle des "Zustandsstörers", der das Geschmiere eigentlich beseitigen müsste, wenn auch zähneknirschend. "Ein Eigentümer fühlt sich als ,Zustandsstörer' immer ungerecht behandelt", hat die Kirchheimer Verwaltungschefin durchaus Verständnis für die Position aller direkt Geschädigten, fügt aber aus Juristensicht hinzu: "So ist es nun einmal im Polizeirecht."

Präventionsarbeit mit Jugendlichen ist eine der Möglichkeiten, gegen Graffiti vorzugehen, doch auch dabei lässt die lernäische Hydra grüßen. "Man tut, was man kann", gibt Angelika Matt-Heidecker zu bedenken und weist auf die Sozialarbeit hin, die in den Stadtteilen geleistet wird. Aber gegen den "Frust" und das "Auffallenwollen" einzelner ist nicht in jedem Fall ein Kräutlein gewachsen.

Für eine andere Art der Prävention macht sich das Kirchheimer Unternehmen Howe stark, das gestern aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten damit begonnen hat, Graffiti auf der Bastion und am Vogthaus zu entfernen. Dabei handelt es sich um eine Art weihnachtliche Spendenaktion zu Gunsten der Stadt. Detlef Hauser von der Vertriebsabteilung des Kirchheimer Fachbetriebs für bauliche Sanierungsmaßnahmen empfiehlt vor allem bei verputzten Wänden eine spezielle Schutzschicht: "Damit ist man gegen weitere Anschläge gewappnet, weil die Graffiti-Farbe gar nicht mehr so tief eindringen kann. Das Entfernen geht dann ruckzuck."

Überhaupt sieht Detlef Hauser in der Geschwindigkeit die entscheidende Hexerei: "Wichtig ist, dass man schnell reagiert, denn mit der Zeit brennt das UV-Licht die Graffiti regelrecht in die Wand ein." Je eher den Farbschmierereien zu Leibe gerückt wird, desto leichter lassen sie sich entfernen. Die Experten gehen mit Hochdruckreinigern ans Werk, wobei sie je nach Untergrund ein spezielles "Anti-Graffiti-Clean" einsetzen, das die Farbe bereits zersetzt, bevor der Dampfstrahl den Rest erledigt. Wesentlich behutsamere Geräte kommen dagegen bei denkmalgeschütztem Mauerwerk zum Einsatz.

"Die Graffiti-Szene ist ein richtiger Markt", weiß Detlef Hauser zu berichten und propagiert abermals die Schnelligkeit dieses Mal als die geeignete Methode, dem "Graffiti-Markt" einen Strich durch die Rechnung zu machen: "Je schneller das wegkommt, desto weniger Freude und Lust haben die Sprayer am Weitermachen." Psychologie der Marke Herakles verbunden mit der Ausdauer eines Sisyphos.