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Mit "Maler Nolten" und neuen Weggefährten in die Zukunft

BISSINGEN Vor dem Mörikehaus in Ochsenwang gegenüber des Kirchhleins flattert die blaue Fahne im Herbstwind. Das Jahr neigt sich dem Ende zu und die Veranstaltungen aus Anlass des 200. Geburtstages des schwäbischen Dichterpfarrers

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RICHARD UMSTADT

Eduard Mörike klingen nach. Finden in gewöhnlichen Jahren etwa 1 500 bis 2 000 Besucher den Weg ins Albdörflein hoch und zu Gisa König ins Mörike-Haus, so erwiesen im Jubiläumsjahr an die 5 000 Männer und Frauen aus ganz Deutschland sowie Schulkinder aus der Umgebung der ehemaligen Wohnung des Pfarrverwesers und heutigen Gedenkstätte ihre Reverenz.

Der Veranstaltungen gab es viele, dem Poeten im Jahr seines 200. Wiegenfestes auf dem Berg zu huldigen: Von der Maientour mit Eduard Mörike, dem Mörike-Wochenende in Ochsenwang mit dem "Stuttgarter Hutzelmännlein" der "Poetischen Puppenspieler", über Mörikevertonungen für gemischten Chor mit dem Württembergischen Kammerchor, sowie eine Lesung mit Peter Härtling aus "Die dreifache Maria", Mitsuko Shirai sang Mörike-Vertonungen von Schumann, Brahms, Wolf und Pfitzner und Hartmut Höll begleitete sie, bis hin zur Eröffnung der Sonderausstellung "Maler Nolten Der junge Dichter und sein erstes Buch" im erweiterten Literatur-Museum mit Konzert im Mörike-Kirchlein gegenüber der Gedenkstätte; der Kirchheimer Bariton Christoph Sökler und Anne Le Bozec trugen Vertonungen aus dem Maler Nolten vor, gab es zahlreiche Highlights im Veranstaltungsprogramm.

"Wir hatten eine tolle Resonanz", freut sich Gisa König, die engagierte Leiterin des Mörike-Hauses in Ochsenwang, die im Mörikejahr in Roland Begenat einen neuen Mitarbeiter fand, der ihre Arbeit tatkräftig unterstützt.

Bewusst wurde der Start der Sonderausstellung "Maler Nolten" im neu hinzugenommenen Raum des Mörike-Hauses in den Herbst gelegt. "Sie soll übers Jahr 2004 in die Zukunft weisen", nennt Gisa König den Grund. Die Ausstellung mit den Erstausgaben des Buches, der Korrespondenz mit seinen Freunden, mit einer exotischen Übersetzung ins Koreanische und dem großen Orplid-Plakat, ist drei Jahre zu sehen.

Doch nicht nur sie ist ein Kind des Jubiläumsjahres. Neu erschienen ist die Publikation "Hier ist Freude, hier ist Lust Eduard Mörike zwischen Alb und Neckar", bearbeitet von Ute Harbusch, über Mörikes Amtszeit in Oberboihingen, Köngen, Owen, Ochsenwang, Weilheim, Ötlingen, Nürtingen und Grötzingen. Eine Besonderheit dabei: Jeder Ort legte dem Buch eine eigene Bauchbinde um. Die Ochsenwanger Binde trägt einen Ausschnitt aus einem Brief Eduard Mörikes an seine Braut Luise Rau: "Die guten Ochsenwanger sagen übrigens, ich dürfe nicht fort und sie bauen mir ein Haus." Trotz dieser guten Aussichten hielt den Pfarrverweser im Oktober 1833 nichts mehr auf der Alb, obwohl ihm im Januar 1832 auf seine Bitte das Pfarrvikariat übertragen worden war.

Im Mörikejahr wurde ein besonderes Interesse an den Werken des Dichters spürbar. Sichtbares Kennzeichen dafür ist der neu gegründete Freundeskreis, der in einen gemeinnützigen Verein münden wird. Rund 17 Männer und Frauen aus dem Raum Stuttgart wollen die Kirchengemeinde Ochsenwang, Gisa König und Roland Begenat in ihrer Arbeit für das Mörike-Haus unterstützen und die vielfältigen Aufgaben für dieses literarische Museum mittragen. Es ist nämlich unter den Mörike-Gedenkstätten einzigartig. Nicht nur, weil der junge Pfarrverweser von Januar 1823 bis Oktober 1833 in den "hellen, geweißten Stübchen" im ersten Stockwerk wohnte, sondern weil sie zudem noch für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Im Erdgeschoss, wo zu Mörikes Zeiten die Ochsenwanger Kinder ihre Schulstube hatten, stellte Gisa König für die Besucher einen fast kompletten Mörike-Büchertisch zusammen.

Das Mörike-Haus war überdies das erste literarische Museum, das von der Marbacher Arbeitsstelle für literarische Museen, Archive und Gedenkstätten in Baden-Württemberg 1981 eröffnet wurde. Heute gibt es davon 60 im Ländle. Die Arbeitsstelle für literarische Museen förderte auch aus Landesmitteln die Maler Nolten-Sonderausstellung und die Ochsenwanger Museumserweiterung. Die Veranstaltungen in Ochsenwang zum 200. Geburtstag von Eduard Mörike wurden von der Landesstiftung Baden-Württemberg, Literatursommer 04, finanziell unterstützt.

Ist Mörikes Wirken in der öffentlichen Meinung umstritten, so kennen die reiferen Semester doch mindestens ein Mörike-Zitat oder gar ein Gedicht des schwäbischen Landpfarrers. Der Jugend aber scheint er abzugehen und dies bedauern Gisa König und Roland Begenat sehr. Ihr besonderes Anliegen ist es deshalb über das Jubiläumsjahr hinaus, Schülerinnen und Schüler einen Zugang zu "Eddis" Person und Werk zu verschaffen.