Lokales

Mit Muskelkraft ohne Blaulicht und Sirene


RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Der Ordnungshüter auf dem Cube-Mountainbike traute seinen Augen nicht. Kommt da einer freihändig radelnd auf der Tannenbergstraße daher und kramt dabei hoch zu "Ross" noch in seinen Gesäßtaschen. Polizeiobermeister Arnold Schaar, 38, hielt den "Verkehrssünder" an und belehrte ihn. Doch der junge Mann zeigte sich nicht einsichtig: "Zehn Meter vor meiner Haustür wollte ich doch nur meinen Hausschlüssel aus der Tasche holen, und dann das," versuchte er zu argumentieren und wurde zur Kasse gebeten. Zehn Euro kostete ihn seine akrobatische und verbale Einlage. Derweil konnte sich Arnold Schaars Streifenkollege ein Schmunzeln nicht verkneifen. Denn im Gegensatz zu dem 38-jährigen Polizeiobermeister, der seit zwölf Jahren in Kirchheim seinen Dienst versieht, hatte er den jungen Radfahrer sofort erkannt. Es war kein geringerer als der Europameister und Olympionike Manuel Fumic vom Profi Team T Mobile. Die Story sorgt heute noch für Heiterkeit auf dem Revier, doch Arnold Schaar nimmt's gelassen: "Das kann passieren."


In der Regel ist es eher umgekehrt. Die Ordnungshüter kennen ihre Pappenheimer. Dagegen müssen viele Radfahrer zweimal hinschauen, bevor sie realisieren, wen sie vor sich haben. "Die Leute sehen uns an, als ob wir von einem anderen Stern kommen würden." Grund dafür ist die ungewöhnliche Dienstuniform: Fahrradhelm, Trikot, Radlerhose und Fahrradschuhe. Von weitem deutet nichts auf eine Polizeistreife hin. Erst bei näherer Betrachtung fallen der Aufdruck "POLIZEI" auf dem Radhelm und der Hose sowie die Dienstwaffe und das Funkgerät am Gürtel auf. Die Ausrüstung vervollständigt ein Rucksack, in dem sich ein Unfallaufnahmeset befindet.


Die Fahrradstreifen des Polizeireviers Kirchheim werden in erster Linie in der Innenstadt eingesetzt. Sie sind jedoch dank ihrer Mountainbikes genausogut im Gelände unterwegs. Sie kontrollieren Radfahrer in der Fußgängerzone und auf den Radwegen, ahnden wilde Feuerstellen an den Bürgerseen oder reden mit Hundebesitzern, die ihren Fifi in den Seen baden lassen.


"Wir sind leise unterwegs und stehen plötzlich mitten im Geschehen", benennt Arnold Schaar einen großen Vorteil der radelnden Ordnungshüter. "Wir sehen Dinge, die einem sonst rausgehen." Selbst bis nach Schopfloch reicht ihr Wirkungsgrad. "Dort liefen die Menschen zusammen. So etwas hatten sie noch nie gesehen." Dabei zeigte sich einmal mehr ein weiterer Vorteil der exotisch aussehenden Polizisten mit den strammen Wadeln: Sie kommen ohne Probleme mit den Bürgern ins Gespräch und können eventuell vorhandene Vorurteile charmant ausräumen.


Die Profis von der "berittenen" Stahlrosstruppe wissen aus ihrer täglichen Berufserfahrung, wie gefährlich manche Verhaltensweisen radfahrender Zeitgenossen sein können: "Immer wieder kommt es zu Unfällen mit schweren Kopfverletzungen. Deshalb achten wir darauf, dass die Radfahrer die Helmpflicht ernst nehmen", sagt Arnold Schaar. Auch andere Lässigkeiten machen sich in der Regel nicht bezahlt, wie freihändig radeln oder auf dem Lenker mitfahren. "Das ist irrsinnig gefährlich, vor allem, wenn's bergab geht. Wenn da der Lenker bricht . . .", warnt der Polizeiobermeister.
Überhaupt sollten die Radfahrer mehr und vor allem regelmäßig auf die Wartung ihrer Bikes achten, empfiehlt der radfahrende Ordnungshüter. "Das ist ein riesen Problem", mussten die Polizisten bei Kontrollen an Schulen feststellen. "Da gab's teilweise katastrophale Mängel wie nicht funktionierende Bremsen und abgefahrene, rissige Reifen." Auch wunderten sich die Ordnungshüter über teure, aber nicht abgeschlossene Bikes auf Schulparkplätzen. "Die haben wir alle mit einem Kleber versehen."


Einer der Hauptkritikpunkte, die der Polizist nennt, ist eine mangelhafte oder nicht vorhandene Beleuchtung am Fahrrad. "Da könnte man sich Abend für Abend heiser reden, wenn man auf Streife unterwegs ist und die vielen Fahrräder ohne Licht erlebt." Arnold Schaar ist wie sein Chef, Polizeioberrat Thomas Pitzinger, und viele seiner Kolleginnen und Kollegen aktiver Radfahrer. In seiner Freizeit ist er deshalb mit seinem zehn Jahre alten Cannondale 21-Gang Mountainbike "in allen Himmelsrichtungen" unterwegs. Vor allem ist keine Albsteige vor ihm sicher und auch eine Alpenquerung per Rad gehört zu seinem Repertoire.


Initiiert wurde die Polizeistreife auf dem Stahlross 1999 vom Leiter des Kirchheimer Polizeireviers, Polizeioberrat Thomas Pitzinger. Für den begeisterten Hobbyradfahrer lag der Schritt in einer Zeit nahe, in der sich immer mehr Bürger auf ihre Drahtesel schwingen und im Verkehr bewegen. Pitzinger, der großen Wert auf Prävention legt, sah durch die Fahrradstreife bessere Kontaktmöglichkeiten zur Bevölkerung gegeben. Darüber hinaus arbeiten Fahrradstreifen wirtschaftlich. "Die Fahrradstreife hat sich sehr bewährt", zieht Thomas Pitzinger heute eine positive Bilanz.

Ertappt: Polizeiobermeister Arnold Schaar und Polizeiobermeisterin Tanja Hauk erklären einem jungen Radler, weshalb er in der Kirchheimer Fußgängerzone sein Fahrrad schieben muss.